Geschichte und Kultur

7 Fakten zu der dunklen Geschichte des Muttertags

Der Feiertag begann als Antikriegsbewegung. Das war jedoch nur der Anfang zahlreicher Kämpfe um die Frage, wem der Tag formal gehört. Donnerstag, 9 November

Von Brian Handwerk

Der Muttertag scheint recht harmlos. Man lädt die Mutter zum Brunch ein, kauft Blumen und genießt die nette Zeit miteinander. 

Aber die Geschichte dieses modernen Feiertags – der dieses Jahr in Deutschland am 14. Mai gefeiert wird – ist geprägt von Konflikten, Kontroversen und Konsumismus im Amoklauf. Wir haben ein paar eigentümliche Fakten zum Muttertag zusammengestellt, die ihr vermutlich noch nicht kanntet.

1. Der Muttertag begann als Antikriegsbewegung.

In den USA wird Anna Jarvis oft als Begründerin des Muttertags genannt.

Präsident Woodrow Wilson erklärte den zweiten Sonntag im Mai zum Muttertag, und Teilaspekte dieses Feiertags haben sich seither nach Übersee verbreitet. Mitunter sind sie auch mit lokalen Traditionen verschmolzen. Jarvis gab sich große Mühe, um ihre Rolle als „Mutter des Muttertags“ zu erlangen und zu verteidigen, und um den Fokus des Feiertags auf Kinder zu richten, die ihre Mütter feiern.

Allerdings hatten andere die Idee zuerst, jedoch mit einer anderen Agenda.

Julia Ward Howe, besser bekannt als Verfasserin des Gedichts „The Battle Hymn of the Republic“ (dt. Die Kampfhymne der Republik), warb Anfang 1872 für einen Mutter-Friedenstag. Für Howe und andere Antikriegsaktivisten, darunter auch die Mutter von Anna Jarvis, war das eine Möglichkeit, nach den Schrecken des Amerikanischen Bürgerkriegs und des Deutsch-Französischen Kriegs eine weltweite Einigkeit zu fördern.

„Howe rief Frauen dazu auf, sich einmal im Jahr in Salons, Kirchen oder Gemeindehallen zu treffen und Predigten zu lauschen, Essays vorzustellen, Hymnen zu singen oder zu beten, wenn sie das wollten – alles im Namen des Friedens“, sagt Katharine Antolini, eine Geschichtswissenschaftlerin am West Virginia Wesleyan College und Autorin des Buches „Memorializing Motherhood: Anna Jarvis and the Struggle for Control of Mother's Day“ (dt. Ein Denkmal für die Mutterschaft: Anna Jarvis und ihr Kampf um die Herrschaft über den Muttertag).

Mehrere amerikanische Städte wie Boston, New York, Philadelphia und Chicago veranstalteten bis circa 1913 jährliche Muttertagsgottesdienste am 2. Juni, so Antolini.

Diese frühe Muttertagsbewegung erfreute sich lediglich bei Aktivistengruppen einiger Beliebtheit und verschwand, als ihre Befürworter in den Mittelpunkt rückten.

2. Ein ehemaliger Football-Coach unterstützte eine frühe Version des Muttertags – und wurde beschuldigt, den Feiertag „zu entführen“.

Frank Hering, ein ehemaliger Football-Coach und Fakultätsmitglied der Universität von Notre Dame in Indiana, schlug die Idee eines Muttertags bereits vor Anna Jarvis vor. 1904 drängte er eine Versammlung der Bruderschaft Fraternal Order of the Eagles in Indianapolis dazu, „einen Tag im Jahr für eine landesweite Gedenkfeier zu Ehren von Müttern und Mutterschaft zu reservieren“.

Hering schlug keinen spezifischen Tag oder Monat vor, äußerte aber eine Präferenz dafür, dass der Muttertag auf einen Sonntag fiele. Die örtliche „Aeries“-Gruppe der Bruderschaft nahm sich der Herausforderung an. Auch heute noch führt die Organisation Hering und die Eagles als „wahre Begründer des Muttertags“ auf.

Anna Jarvis gefiel der Gedanke nicht, dass der Muttertag mit Hering einen „Vater“ hatte. Sie kritisierte ihn scharf in einer nicht datierten Stellungnahme von 1902 mit dem Titel: „Die Entführung des Muttertags: Werden Sie zum Komplizen?“

„Seid so gut und seht davon ab, die selbstsüchtigen Interessen dieses Prätendenten zu unterstützen“, schrieb Jarvis, „der den verzweifelten Versuch unternimmt, mir den rechtmäßigen Titel des Urhebers und Begründers des Muttertags zu entreißen, den ich nach Jahrzehnten unermesslicher Arbeit, Zeit und Kosten für mich etabliert habe.“

Antolini sagt, dass Jarvis, die nie selbst Kinder hatte, teils auch aus Stolz handelte: „Alles, was sie unterschrieb, war unterzeichnet mit Anna Jarvis, Begründerin des Muttertags. Das war ihre Identität.“

3. Franklin D. Roosevelt entwarf eine Muttertagsbriefmarke. Oder zumindest versuchte er es.

Woodrow Wilson war nicht der einzige Präsident, der dem Muttertag seinen Stempel aufdrückte. Franklin D. Roosevelt entwarf 1934 eine Briefmarke zur Erinnerung an den Feiertag.

Der Präsident vereinnahmte dafür eine Briefmarke, die ursprünglich zu Ehren des Malers James Abbott McNeill Whistler entworfen wurde und das berühmte Portrait von „Whistler‘s Mother“ zeigte, Anna McNeill Whistler. Roosevelt umrahmte das ikonische Mutterbildnis mit einer Widmung: „IN GEDENKEN AN UND ZU EHREN DER MÜTTER AMERIKAS.“

Anna Jarvis sagte das Design nicht zu und sie weigerte sich, das Wort „Muttertag“ auf der Briefmarke zuzulassen– also tauchte es dort auch nie auf. „Im Großen und Ganzen fand sie die Briefmarke hässlich“, sagt Antolini.

4. Die Begründerin des Muttertags hasste alle, die im Zuge des Feiertags Spenden sammelten.

Seit den frühen Jahren des Muttertags nutzten manche Gruppen das Ereignis als Chance, um Spenden für wohltätige Zwecke zu sammeln – darunter auch für bedürftige Mütter. Anna Jarvis hasste das.

„Sie bezeichnete diese Wohltätigkeitsorganisationen als christliche Piraten“, erzählt Antolini. „Heutzutage würden es viele von uns großartig finden, dass der Tag genutzt wurde, um Geld für arme Mütter, Familien von Veteranen des Ersten Weltkriegs und andere bedürftige Gruppen zu sammeln, aber sie hasste sie dafür.“

Das lag laut Antolini zu großen Teilen wohl daran, dass es damals noch keine Organisationen gab, die solche Wohltätigkeitsorganisationen kontrollierten. „Sie störte sich an der Vorstellung, dass Profitjäger den Tag einfach als weitere Möglichkeit sehen würden, um Geld zu machen“, so Antolini.

5. Die Mutter des Muttertags verlor alles bei ihrem Kampf darum, ihren Feiertag zu beschützen.

Es dauerte nicht lange, bis Anna Jarvis‘ Muttertag kommerzialisiert wurde. Aber Jarvis kämpfte gegen den Wandel an.

„Es ist uns kein Vergnügen, dass der Muttertag zu einem beschwerlichen, teuren Geschenketag wird, zu dem schon Weihnachten und andere besondere Tage geworden sind“, schrieb sie 1920. „Wenn das amerikanische Volk nicht willens ist, den Muttertag vor den Horden der Geldstrategen zu schützen, die ihn mit ihren Vorhaben erdrücken wollen, dann werden wir damit aufhören, einen Muttertag zu haben – und wir wissen auch, wie.“

Jarvis profitierte nie von dem Tag, trotz der zahlreichen Gelegenheiten, die sich ihr als kleine Berühmtheit boten. Tatsächlich ging sie bankrott bei dem Unterfangen, mit ihrem wenigen verbliebenen Geld die Kommerzialisierung des Feiertags zu bekämpfen.

Sie starb mittellos in schlechter gesundheitlicher und fragwürdiger emotionaler Verfassung mit 84 Jahren. Die letzten vier Jahre ihres Lebens hatte sie im Marshall Square Sanitarium verbracht, sagt Antolini.

6. Vor Gerichten wurden „Sorgerechtsstreite“ um den Muttertag ausgetragen.

Anna Jarvis betrachtete den Muttertag immer als ihr geistiges Eigentum und ihr Rechtsgut. Sie scheute sich auch nicht davor, zu dessen Verteidigung Anwälte hinzuzuziehen.

In einer Pressemitteilung zum Muttertag sprach sie eine Warnung aus: „Alle Wohltätigkeitsorganisationen, Institutionen, Krankenhäuser, Organisationen oder Unternehmen, die den Namen oder das Emblem des Muttertags oder Arbeit und Feierlichkeiten in dessen Zuge nutzen, um Geld und Umsatz zu machen, sollten von den entsprechenden Behörden als Betrüger betrachtet und dieser Vereinigung gemeldet werden.“

Laut Antolini ist es schwierig, anhand der verstreuten Gerichtsdokumente zu bestimmen, wie klagefreudig Jarvis war. Aber ein Artikel der Newsweek aus dem Jahr 1944 berichtet, dass sie ganze 33 Gerichtsverfahren zum Muttertag gleichzeitig laufen hatte.

7. Blumen sind eine originale Muttertagstradition, die noch immer (irgendwie) besteht.

Die weiße Nelke, die Lieblingsblume von Anna Jarvis‘ Mutter, war die ursprüngliche Blume des Muttertags.

„Die Nelke wirft ihre Blütenblätter nicht ab, sondern drückt sie an ihr Herz, während sie stirbt, und so drücken auch die Mütter ihre Kinder an ihr Herz, während ihre mütterliche Liebe niemals stirbt“, erklärte Jarvis 1927 in einem Interview.

Heutzutage scheint die beliebteste Blume „Muttis Lieblingsblume“ zu sein.

Außer Konkurrenz: Der Muttertag 2017 wird ein 23 Milliarden Dollar schwerer Goldesel.

Hier geht es nicht um Geschichte, sondern um das Hier und Jetzt: Die Widersprüche gegen Spendensammlungen und Kommerzialisierung haben absolut gar nichts gebracht. Laut einer Schätzung des Einzelhandelsverbands der USA werden zum diesjährigen Muttertag 23 Milliarden Dollar allein in den Vereinigten Staaten ausgegeben.

Im Schnitt wird jeder Amerikaner 18,39 Dollar für seine Mutter ausgeben. 77 Prozent planen laut einer Umfrage, eine Karte zu schicken – der Muttertag ist nach Weihnachten und Valentinstag der drittbeliebteste Kartenfeiertag.

Etwa 69 Prozent der Amerikaner werden ihren Müttern Blumen schenken. 36 Prozent planen, ihnen Schmuck zu kaufen.

Außerdem scheint der Muttertag der beliebteste Tag des Jahres zu sein, um essen zu gehen – circa die Hälfte aller Amerikaner besucht laut einer Studie an diesem Tag ein Restaurant.

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