Geschichte und Kultur

Diese 5 Fragen könnten euch neugieriger machen – und glücklicher

In einer Rede für eine Abschlussfeier hat ein Dekan fünf Fragen aufgezählt, die er zu einer Lebensphilosophie gemacht hat. Donnerstag, 9 November

Von Christina Nunez

Im letzten Jahr hat James Ryan eine Rede vor Universitätsabsolventen gehalten, die – zu seiner Überraschung – weit jenseits seiner Absolventen im Publikum auf Anklang gestoßen ist. Der Dekan von Harvards Graduate School of Education führte fünf essentielle Fragen auf, die man auf seinem Weg durchs Leben immer im Kopf behalten sollte

Die Fragen sind simpel, aber weitläufig und eindringlich. „Moment, was?“ ist eine Möglichkeit, innezuhalten, etwas klarzustellen und zu verstehen. „Ich frage mich ...?“ ermutigt zur Neugier. „Wie kann ich helfen?“ regt ein Maß von Rücksichtnahme an, das mit unserem Bedürfnis einhergehen sollte, nützlich zu sein. „Könnten wir nicht wenigstens ...?“ bietet einen Weg, eine festgefahrene Situation zu lösen. Und „Was ist wirklich wichtig?“ ist jene Art von grundlegender Frage, die viele von uns inmitten der täglichen Anliegen aus den Augen verlieren.

Seine Rede wurde online bisher mehr als 8,5 Millionen Mal angesehen und führte schließlich zur Veröffentlichung eines Buches: „Wait, What? And Life‘s Other Essential Questions“ (dt. Moment, was? Und die anderen grundlegenden Fragen des Lebens).  Wir sprachen mit Ryan darüber, warum es sich lohnt, neugierig zu sein, und welche anderen nützlichen Fragen es nicht ins Buch geschafft haben.

Was haben Sie darüber gehört, warum Leute sich von ihrer Rede angesprochen fühlten?

Was ich von Leuten im ganzen Land und aus allen Gesellschaftsschichten gehört habe, war, dass sie eine oder mehrere der Fragen wirklich nützlich fanden. Davon war ich angenehm überrascht. Lehrer haben mir erzählt, dass sie die Fragen im Unterricht benutzen. Unternehmensführer haben mir berichtet, dass sie einen geschäftlichen Besprechungsausflug um diese Fragen herum organisiert haben. Ich habe [auch] von Anwälten, Richtern und ein paar Pfarrern gehört. Es sind ziemlich simple Fragen. Aber wenn man tatsächlich anfängt, sie zu benutzen, begreift man, dass sie sich gut dazu eignen, eine Unterhaltung zu beginnen oder fortzuführen.

Es kam mir wirklich nicht in den Sinn, dass die Fragen bei anderen Leuten denselben Anklang finden würden wie bei mir. Um ein Beispiel zu nennen: Ich glaube, dass die Fragen „Könnten wir nicht wenigstens ...?“ unglaublich nützlich ist, besonders bei der Arbeit. Ich stelle diese Frage andauernd, sehr zum Leidwesen meiner Kollegen. Aber ich hätte nicht wirklich erwartet, dass jemand zu mir kommen und sagen würde, dass das Motto in seinem oder ihrem Büro nun „Könnten wir nicht wenigstens ...?“ ist.

Lassen Sie uns über Ihre Frage „Ich frage mich ...?“ reden. Sie sagen, dass ein solches Hinterfragen von Gründen und Möglichkeiten uns Geschichten über die Welt um uns herum eröffnen kann, die unser Leben bereichern. Sie schreiben aber auch, dass Neugier gesundheitliche Vorteile hat. Was sind denn einige davon?

Die Sozialwissenschaften haben so ein Heimgewerbe, das die diversen gesundheitlichen Vorteile von Neugier untersucht, die von „angenehm“ bis hin zu „absolut entscheidend“ reichen. Befunde der Sozialwissenschaften deuten darauf hin, dass neugierige Menschen attraktiver auf andere wirken. Wenn man zeigt, dass man neugierig auf jemand anderen ist, wird einen diese Person mit größerer Wahrscheinlichkeit attraktiv finden. Nicht zwingend in einem körperlichen Sinn, aber insgesamt gesehen, und zwar, weil man ein Interesse an ihr zeigt.

Ebenso gibt es Belege, die vermuten lassen, dass neugierige Menschen weniger ängstlich sind. Das mag an dieser Stelle ein Henne-Ei-Problem sein. Das heißt, Leute, die weniger ängstlich sind, sind oft auch neugieriger. Ich vermute, es ist also schwer, hier die kausalen Richtungspfeile zu entwirren. Aber das macht ja auch Sinn, nicht wahr? Wenn man eine neue Situation als Möglichkeit zu lernen ansieht und nicht so sehr als eine Möglichkeit, einen Fehler zu machen, ist man vermutlich weniger ängstlich.

Ich bin selbst kein Sozialwissenschaftler, also weiß ich nicht, ob man diese Studien mit Vorsicht genießen sollte, aber es gibt auch Hinweise darauf, dass neugierige Menschen länger leben. Ich vermute, die Theorie dahinter ist, dass man sich eher mit der Welt beschäftigt, wenn man neugierig ist. Es gibt eine Menge Belege dafür, dass Beschäftigung und nicht Isolation der Langlebigkeit dienlich sind.

Eine ergreifende Szene in Ihren Buch handelt von ihrer Zeit, in der sie ehrenamtlich in einem Heim für behinderte Kinder in Kentucky geholfen haben. Wie war diese Erfahrung für Sie und was hat sie Sie über die Frage „Wie kann ich helfen?“ gelehrt?

Es war ein Wohnheim für hauptsächlich sehr junge Kinder, die lebenslimitierende Behinderungen hatten: Kinder, die wahrscheinlich nicht bis ins Teenageralter überleben würden, also ziemlich ernste Probleme. Ich war nur ein freiwilliger Helfer, und ich hatte nicht wirklich eine Ahnung von dem, was ich da machte. Es gab da ein Mädchen, das vielleicht zwölf oder 13 war – ich nenne sie mal Cindy – und Down-Syndrom hatte. Ich begriff, dass sie die Bedürfnisse der jüngeren Kinder genauso gut kannte wie alle anderen Helfer. Anstatt also die Kinder zu fragen, „Wie kann ich helfen?“, weil ich wusste, dass sie mir nicht antworten konnten, folgte ich Cindys Führung. Sie hatte genug gelernt, um zu wissen, wie diesen Kindern geholfen werden konnte.

Es war auf mehrere Arten eine bemerkenswerte Erfahrung. Zum einen hat sie mich Cindy in einem anderen Licht sehen lassen. Ich habe schnell aufgehört, sie als jemanden mit Down-Syndrom zu betrachten. Stattdessen sah ich sie als jemanden, der mir in diesem Kontext genauso gut helfen konnte wie jeder andere. Ich lernte es auch zu schätzen, dass man jedes Mal, wenn man jemandem Hilfe anbietet, auch der deutlichen Möglichkeit gegenüber aufgeschlossen sein sollte, dass einem im Gegenzug selbst geholfen wird – und zwar auf Wegen, die man zu dem Zeitpunkt vielleicht nicht mal zu würdigen weiß. Diese Geschichte und Erfahrung haben mir verdeutlicht, wie wichtig es ist, den Gedanken, jemandem seine Hilfe anzubieten, mit großer Bescheidenheit anzugehen. Man sollte nicht glauben, dass man genau weiß, was jemand anderes braucht, oder dass man selbst keine Hilfe benötigt.

Seht euch James Ryans populäre Rede hier an:

Was glauben Sie als Pädagoge, was wir tun müssen, um Leuten beizubringen, neugieriger und problemlösungsorientiert zu sein?

Ich bin ein großer Freund des projektbasierten Lernkonzepts, dem eine Reihe von Schulen folgen. Es ist genau das, wonach es klingt. Den Schülern wird aufgetragen, ein Projekt zu vollenden – das könnte ein schriftlicher Bericht sein oder irgendeine Art von Darbietung. Um das zu schaffen, müssen sie im Normalfall einige Dinge lernen und mit anderen zusammenarbeiten. Ich denke, dieser Bildungsansatz ist eine Möglichkeit, um Schüler dazu zu bringen, sich zu engagieren und ihre Neugier zu kultivieren.

Wenn man das richtige Projekt wählt, werden die Schüler motiviert sein, das Wissen zu erlernen, welches sie zur Komplettierung ihres Projekts benötigen. Es ist tatsächlich eine Möglichkeit, um Neugier zu stimulieren. Ich glaube, dass es das deutlich effektiver erreicht, als wenn man vor einer Klasse steht und einfach eine Reihe von Fakten vorträgt, die sich die Schüler merken sollen. Die meisten, wenn nicht gar alle Kinder werden mit einer gewissen Neugier geboren. Die wirkliche Aufgabe von Schulen ist es, diese Neugier zu kultivieren, anstatt sie abzuschwächen.

Sie beenden Ihr Buch mit einer Bonusfrage. Können Sie darüber und über andere Fragen sprechen, über deren Aufnahme ins Buch Sie nachgedacht haben?

Die Bonusfrage stammt aus einem Gedicht von Raymond Carver, „Late Fragment“. Die Frage lautet „Und hast du trotzdem bekommen, was du dir von diesem Leben gewünscht hast?“

Ich bin über diese Frage und dieses Gedicht auf der Trauerfeier eines sehr guten Freundes gestolpert, Doug Kendall, der vor ein paar Jahren viel zu jung gestorben ist. Für mich verkörpert diese Frage perfekt die ultimative Frage, die wir uns alle irgendwann stellen müssen. Die Tatsache, dass sie auf diese Weise gestellt wird – mit „trotzdem“ –, ist ein Verweis auf den Fakt, dass es in jedem erfüllten Leben auch etwas Schmerz und Enttäuschung geben wird. Gleichzeitig äußert sie aber die Hoffnung, dass man trotzdem ein erfüllendes und bereicherndes Leben führen kann. Ich finde, dass es eine unglaublich starke Frage ist, die auf unglaublich prägnante Weise formuliert ist.

Ich habe sie auch als Bonusfrage gewählt, um folgende Behauptung aufzustellen: Wenn man sein Leben so verbringt, dass man Fragen stellt, und zwar gute Fragen, dann ist dieser Weg so gut wie jeder andere, um ein erfüllendes und bereicherndes Leben zu führen, bei dem man sich auf die Dinge konzentriert, die einem wirklich wichtig sind.

Wenn ich eine Fortsetzung schreiben müsste, würde ich noch die Frage „Was denkst du?“ mit einbeziehen. Es ist nicht nur nützlich, diese Frage zu stellen, sondern erinnert uns auch daran, die Meinungen und Ansichten der anderen Menschen im Raum zu erbitten. Zu oft – ob bei einem Gespräch am Esstisch oder in einem Meeting – dominieren manche Menschen die Konversation. Wenn man Leute nicht ganz bewusst zur Teilhabe auffordert, bleiben sie vielleicht still und darunter leidet so eine Unterhaltung typischerweise. Zu fragen, was jemand denkt, ist letztendlich also nur ein Weg, Leute in eine Konversation mit einzubeziehen.

Ich kann mir auch vorstellen, dass Sie eine Menge ungebetener Fragen von Leuten bekommen.

[Lacht] Na ja, wissen Sie, tatsächlich stellen mir Kollegen und Studenten oft diverse Anfragen, indem sie sie als eine oder mehrere der essentiellen Fragen aus dem Buch formulieren. Eine Studentin hat mir vor ein paar Tagen eine E-Mail geschrieben, in der sie sich gegen eine Richtlinienänderung ausgesprochen hat, die sie unsinnig fand. Der Titel der Mail war „Moment, was?“ Und dann schreibt sie: „Könnten wir uns nicht wenigstens darauf einigen“, die Änderung aufzuschieben, und wenn wir uns dann fragen, „was wirklich wichtig ist ...“ Ich schätze, man erntet, was man sät.

Dieses Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit editiert.

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