Geschichte und Kultur

Wie die Werbung Karten nutzte, um uns zu beeinflussen

Eine große Sammlung von „Überzeugungskarten“, die seit Kurzem online verfügbar ist, zeigt, wie unser Vertrauen in Kartografie benutzt werden kann, um uns zu beeinflussen. Donnerstag, 9 November

Von Betsy Mason

Menschen scheinen Karten mehr als anderen Arten der Informationsvermittlung zu vertrauen. Es ist eine Sache, darüber zu lesen, dass es in einer Stadt eine Rassentrennung gibt. Aber eine Karte davon zu sehen, lässt es realer erscheinen. Unsere Neigung, dem zu glauben, was wir auf Karten sehen, macht sie zu ausgezeichneten Überzeugungsmitteln.

Diese einzigartige Eigenschaft hat Karten in das Zentrum vieler Propagandafeldzüge, gesellschaftlicher Bewegungen und politischer Debatten gerückt. Erst letzte Woche überzeugte unter anderem eine Karte der Landesteile, die durch einen Rückzug der USA aus dem North American Free Trade Agreement (NAFTA) geschädigt würden, den Präsidenten davon, diesen Plan zu verwerfen.

„Fast jedes Kind hat eine frühe Erinnerung an ein Elternteil, das eine Straßenkarte auffaltet und dann an einen Ort fährt, an dem man noch nie gewesen ist, indem es der Karte folgt“, sagt P.J. Mode. Der pensionierte Anwalt sammelt Karten, die speziell dazu entworfen wurden, Leute auf irgendeine Art von etwas zu überzeugen. „Wenn man klein ist, lernt man durch Beobachtung seiner Familie, dass man einer Karte vertrauen kann. Eine Karte ist verlässlich, sie bringt einen von A nach B.“

Mode hat über 800 „Überzeugungskarten“ angehäuft, von denen die meisten online als Teil der digitalen Sammlung der Cornell Universität betrachtet werden können. Mehr als 500 von ihnen wurden im April online zur Verfügung gestellt. Über 100 der Karten sind irgendeine Form von Werbung, so auch die wunderschöne Karte der Region New York City am Beginn des Artikels. Die Anzeige aus dem Jahr 1897 gehört zu Modes Lieblingsstücken und bewirbt „den größten Pferdehändler der Welt“.

Werbetreibende benutzen gern Karten, „weil sie ein größeres Maß an Glaubwürdigkeit besitzen als andere Kommunikationsmedien“, sagt Mode. „Die Werber leben und sterben für mehr Glaubwürdigkeit, daher tendieren sie zum Medium der Kartografie.“

Laut Modes Nachforschungen hat eine britische Schifffahrtsgesellschaft vermutlich ohne Genehmigung das Logo der Weltausstellung Pan-American Exposition in Buffalo, New York auf dem Deckblatt ihrer Werbebroschüre von 1912 verwendet. „Diese Broschüre, die mit diesem Deckblatt illustriert ist – es ist wirklich sehr hübsch –, kennzeichnet dessen Herkunft nicht“, sagt Mode. „Ich bin sicher, dass sie das Urheberrecht von irgendwem verletzt haben.“

Als das Originallogo entstanden ist, wurde der Künstler, Raphael Beck, aus 400 Bewerbern ausgewählt und man hielt einen Schönheitswettbewerb ab, um zwei Frauen zu finden, die Modell stehen konnten. „Alles war mit diesem Logo zugepflastert, alle Sachen von der Weltausstellung“, erklärt Mode. „Und zehn Jahre später stiehlt es diese Dampfschifffahrtsgesellschaft, Lamport & Holt Line, und druckt es auf ihre Werbung.“

Einige der interessantesten Karten in Modes Sammlung machen sich einer anderen illegalen Handlung schuldig – Betrug. Die obige Karte stammt aus einer Broschüre von 1929 von der Death Valley Exploration Company. Das Unternehmen behauptet, es hätte eine reichhaltige Goldader im Death Valley gefunden. Die Karte sollte Investoren dazu verführen, Anteile an dem Bergbaubetrieb zu kaufen. „Unbeschreiblicher Reichtum wartet auf seine Erschließung“, zumindest laut dem Text. Wie der Rest der Broschüre war er im Stil eines Zeitungsartikels gestaltet (vermutlich, um die Glaubhaftigkeit zu steigern).

Die Karte zeigt aus der Vogelperspektive, wo das Erz gefunden wurde und – kritisch für einen Bergbaubetrieb im Death Valley – wo es Wasser gab. Rechts unten auf der Karte, im „Hellwinder Canyon“, ist ein Fleckchen mit „Big Water“ (dt. Großes Wasser) beschriftet.

„Natürlich gibt es da kein ‚großes Wasser‘“, sagt Mode. Auch schien es dort keine „sehr starke Ader hochgradigen Erzes“ zu geben, wie es die Broschüre versprach. Zwei Jahre später verbot Kalifornien dem Unternehmen, weitere Anteile zu verkaufen.

Bei dem etwas merkwürdigen Versuch, einen gigantischen Schuh auf einer Karte von Manhattan zu rechtfertigen, integrierte L.C. Bliss & Co diesen kleinen Fakt in ihrer Werbeanzeige für Lederschuhe von 1989: „Die Gesamtzahl von Regal-Schuhen, die im Jahr 1897 in unseren Geschäften in New York und Brooklyn verkauft wurden, würden, wenn sie zu einem [einzigen] Schuhe geformt würden, 55 km lang und 27 km hoch sein. In Quadratkilometern würde das eine größere Fläche bedecken, als aktuell der Großraum New York einnimmt.“

Mode sagt, dass diese Karte einige Elemente mit anderen Karten in seiner Sammlung gemein hat. „Was man häufig auf [den Karten] aus dem späten 19. Jahrhundert sieht, sind Vogelperspektiven von Manhattan“, erzählt er. Er vermutet, dass dieser Umstand von der Brooklyn Bridge befeuert wurde, die damals gerade fertiggestellt war und als sehr bedeutend galt.

Ein Heilmittel, das unter dem Namen „Peruvian Bitter“ (dt. Peruanischer Magenbitter) verkauft wurde, listet auf seinem Flyer aus den 1880ern eine beeindruckende Liste an Behauptungen auf. Das Gebräu „bezwingt die tödliche Malaria, löscht Verdauungsstörungen aus, indem es deren Ursache beseitigt, tilgt den krankhaften Hunger nach Stimulanzien und stellt Gesundheit und somit auch Freude wieder her.“ So zumindest verspricht es die Rückseite der Werbung. „Niemand kann es sich leisten, ohne es zu sein!“

Auf der Vorderseite (oben) sieht man eine Taube, die über eine Karte von San Francisco hinwegfliegt. Sie hält das Bild einer Frau, die die Hand eines Mönchs küsst (der ihr vermutlich das Wunderheilmittel Peruvian Bitter gegeben hat).

Die obige Karte von der Rückseite einer Stromrechnung von 1922 war designt, um die Menschen von Los Angeles zu überzeugen, dass es fair war, dass sie für Wasser bezahlten. Die Karte zeigt die etwa 400 km lange Route des 50 Millionen Dollar teuren Aquädukts von Owens Valley in der Sierra Nevada bis in die Häuser L.A.s.

Modes liebt es, die Geschichten hinter den Überzeugungskarten seiner Sammlung zu recherchieren. Die meisten der Online-Karten sind mit Notizen von Modes Recherchen versehen. „Das Internet ist natürlich der Schlüssel“, sagt er. „Das könnte man niemals ohne das Internet machen, weil es so eine große Informationsmenge zur Verfügung stellt.“

Einige der Karten setzen trotzdem noch etwas kreative Recherchearbeit oder auch den Kauf von ein, zwei alten Büchern voraus. Aber Modes Neugier überzeugt ihn schnell von der zusätzlichen Arbeit.

Betsy Mason ist eine Wissenschaftsjournalistin und Co-Autorin des National Geographic-Blogs All Over the Map.

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