Geschichte und Kultur

"Wir können die Themen verfolgen, die uns wichtig sind"

Interview mit der amerikanischen Pulitzerpreisträgerin Ginger Thompson über ihre Arbeit beim Non-Profit-Newsdesk ProPublica und ihre Recherche in Mexiko für National Geographic. Freitag, 3 November

Von Kathrin Fromm
Bilder Von Kirsten Luce

Sie arbeiten für ProPublica, einer unabhängigen Organisation für investigativen Journalismus, die von einer gemeinnützigen Stiftung und Spenden getragen wird. Wie kann man sich die Arbeit dort vorstellen?
Eigentlich nicht anders als in einer anderen Nachrichtenredaktion auch. Die Anforderungen an eine Geschichte, wie ein Fall sein muss, damit er zur Story wird, sind die gleichen wie bei Zeitungen und Magazinen. Wir sind ein etwa 70-köpfiges Team: Reporter, Redakteure, Grafiker, Webdesigner, Datenjournalisten und Digital- und Social-Media-Experten.

Wer bestimmt die Themen?
Die Reporter hier sind alle Experten auf ihrem Gebiet und bearbeiten eine große Spanne an Themen: Immigration, Gesundheitsversorgung, Lobbyismus, Wallstreet, bis hin zu lokaler Berichterstattung, etwa über die Mietpreisrekorde in New York City. Ich selbst schreibe schon seit Jahren über Mexiko und war lange Lateinamerika-Korrespondentin der New York Times.

Aber macht es nicht einen Unterschied, dass hinter Ihrer Arbeit seit drei Jahren kein Medienhaus mehr steht, das auf Umsatz aus ist?
Doch, schon. Normalerweise ist Journalismus eine unglaublich konkurrenzbetonte Umgebung. Deshalb spürt man als Reporter manchmal den Druck, schnell fertig zu werden mit einer Recherche, um sich der nächsten Geschichte zuwenden zu können. Das ist hier anders. Wir können die Themen verfolgen, die uns wichtig sind. Das gibt uns Freiheit, nicht nur was die Auswahl der Themen angeht, sondern auch, wenn es darum geht, neue und innovative Herangehensweisen in der Berichterstattung zu finden.

Für National Geographic haben Sie die Geschichte eines Massakers in Mexiko protokolliert. Was ist das Besondere daran?
Die Form des Artikels. Auf die Idee die Geschichte als Oral History zu erzählen, kam meine Redakteurin. Das ist genial! Es wurde schon viel über den Drogenkrieg geschrieben. Aber den Lesern außerhalb von Mexiko sind trotzdem manchmal die Auswirkungen auf die Gesellschaft dort nicht bewusst. Wenn die Menschen ihre Geschichten selbst erzählen, macht es das greifbarer, weil der Journalist mit seinen Interpretationen nicht als Filter dazwischen steht.

“Ein Artikel, in dem nicht einmal das Wort Trump vorkommt – das ist Luxus! ”

Ginger Thompson, Journalistin und Pulitzerpreisträgerin

Wie lange haben Sie an der Geschichte gearbeitet?
Ein Jahr und drei, vier Monate. Ich sprach mit mindestens 50 Menschen – in Allende, wo das Massaker stattfand, in Piedras Negras und in Eagle Pass, der Grenzregion ganz in der Nähe, und in Dallas bei der dortigen Anti-Drogen-Behörde. Später habe ich mich auf wenige Menschen fokussiert, quasi die Hauptcharaktere. Mit denen verbrachte ich dann noch mal viel Zeit. Einige mussten erst einmal Vertrauen zu mir aufbauen, das war vielleicht der wichtigste Teil meiner Arbeit. Manche dort haben immer noch Angst. Diese besondere Form der Berichterstattung erfordert außerdem ein inniges, intensives Zuhören. Ich musste die Leute dazu bringen ihre Geschichten wieder und immer wieder zu erzählen. Ich verbrachte Stunden in Gesprächen und war danach so erschöpft, dass mein sonst fließendes Spanisch immer schlechter wurde.

Denken Sie, dass Non-Profit-Organisationen wie ProPublica die Zukunft des Journalismus sind?
Nein, es wird immer einen kommerziellen Journalismus geben. Inhalte sind wertvoll und große Medienunternehmen wie die New York Times, die Washington Post oder die Los Angeles Times werden Wege finden, damit Geld zu verdienen – auch im digitalen Zeitalter. Die Branche geht nur gerade durch eine harte Zeit. Daneben gibt es eine wachsende Nische für den Non-Profit-Journalismus, der sich speziellen Themen widmet. Das Ziel dabei ist es nicht, so umfassend über die Welt zu berichten, wie es vielleicht die New York Times tut. ProPublica sieht sich beispielsweise als Organisation für Journalismus im öffentlichen Interesse. Das erlaubt es uns, alle möglichen Geschichten aufzugreifen, etwa über ein Massaker in Mexiko, selbst wenn es in den USA gerade so viele dringliche Themen gibt. Ein Artikel, in dem nicht einmal das Wort Trump vorkommt – das ist Luxus!

Der Artikel von Ginger Thomson über das Massaker in Mexiko ist der Ausgabe 7/2017 von National Geographic erschienen. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen.

Wei­ter­le­sen