Geschichte und Kultur

Eine der größten Explosionen vor der Erfindung der Atombombe

Am 7. Juni 1917 sprengten britische Streitkräfte 19 gewaltige Minenschächte unter deutschen Gräben. Tonnen von Erde, Stahl und menschlichen Körpern wurden in den Himmel geschleudert. Donnerstag, 9 November

Von Neil Shea

An einem ruhigen, kühlen Abend Anfang Juni 1917 traf sich der britische Generalmajor Charles Harington mit einer Gruppe von Journalisten an der Westfront. Er wollte mit ihnen über einen Großangriff gegen die deutschen Truppen sprechen, der bald stattfinden sollte. Seit Wochen hatte es Gerüchte über Pläne einer Großoffensive in der Nähe des belgischen Städtchens Messines gegeben und die Journalisten waren erpicht auf Details.

Zu diesem Zeitpunkt waren etwa drei Jahre seit Beginn des entsetzlichsten Konflikts vergangen, den Europa je erlebt hatte. Weder die Briten noch ihre Alliierten hatten größere Fortschritte im Kampf gegen ihren Feind erzielt. Auch die Deutschen hatten es nicht geschafft, ihren Gegnern einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Auf beiden Seiten waren die Armeen erschöpft und demoralisiert. Entlang des schwarzen Bandes der Front, das sich von der Nordsee bis zur Schweiz erstreckte, schwanden langsam, aber sicher ihre Kräfte. Den Journalisten, die sich um Harington versammelt hatten, ging es wie Millionen von Menschen auf dem ganzen Kontinent: Sie hofften auf ein Zeichen, eine Neuigkeit – irgendetwas, das eine Wende im grauenhaften Schicksal des Krieges andeuten würde.

Hätten die Korrespondenten begriffen, welch heftige Gewalt sich sehr bald entladen würde – und wie sie den Lauf des Krieges verändern würde –, hätten sie angesichts deren Ausmaß und Zielsetzung wohl nach Luft geschnappt. Aber Harington – ein dünner, sorgsamer Mann mit einem ordentlich gestutzten Schnurrbart – bot ihnen in trockener Manier wohl nur eine vage Andeutung dessen, was bevorstand.

„Gentlemen, ich weiß nicht, ob wir morgen die Geschichte verändern werden“, sagte er.  „Aber wir werden mit Sicherheit die Geografie verändern.“

Einige Stunden später, ab 3:10 Uhr am frühen Morgen des 7. Juni, sprengten britische Ingenieure 19 riesige Minenschächte tief unter den deutschen Stellungen entlang eines Hügelrückens bei Messines. Jede der Minen wurde von Soldaten gezündet, daher detonierten sie im Abstand von einigen Sekunden auf der Länge des Hügelrückens. Geysire aus Erde, Stahl, Beton und menschlichen Körpern schossen in die Höhe, orangefarbene Flammen versengten den dunklen Himmel.

Insgesamt enthielten die Minenschächte etwa 450 Tonnen Sprengstoff und erzeugten eine der größten von Menschenhand verursachten Explosionen vor der Erfindung der Atombombe. Auf britischer Seite wurden die Männer an der Front durch die Druckwelle umgeworfen. Weiter weg, in Frankreich, hielt man die Erschütterungen für ein Erdbeben. Das donnernde Getöse der Explosion war angeblich so immens, dass es noch vom britischen Premierminister in London gehört werden konnte.

Für die Deutschen, von denen einige an den Gräben Wache standen und andere in unterirdischen Bunkern schliefen, schien die Welt selbst zu zerbersten. Es gibt diverse Schätzungen, wie viele Soldaten bei den Explosionen ums Leben kamen, die von etwa 500 bis zu 10.000 reichen – viele von ihnen wurden lebendig begraben und viele weitere hat man nie gefunden.

„Für mich ist der herausragendste Aspekt bei der Explosion der Minen von Messines, dass sie das Angesicht der Erde wortwörtlich verändert haben“, sagte Nigel Steel. Der Historiker der Imperial War Museums in London ist der Co-Autor eines Buches über die Dritte Flandernschlacht („Passchendaele: The Sacrificial Ground“).

„Das hatte eine vernichtende Wirkung auf die Deutschen. Bei so vielen Minenschächten, die einer nach dem anderen gesprengt wurden, wusste niemand, wie viele noch kommen würden und ob auch sie selbst durch eine verheerende Explosion aus den Tiefen der Erde sterben würden.“

INSZENIERUNG EINES ANGRIFFS

Auch wenn die Minen ein verheerender Erfolg waren, stellten sie nur die Eröffnung eines Angriffs dar, der monatelang debattiert, entworfen und verfeinert worden war.

Die British Second Army unter dem Kommando von General Sir Herbert Plumer hatte versucht, die Erkenntnisse aus den schwierigen Lektionen, die man seit Beginn des Krieges gelernt hatte, mit einfließen zu lassen. Er wollte alte Strategien überkommen, die bisher hauptsächlich zu blutigen Pattsituationen geführt hatten. Plumers Stab hatte die Bewegungen fast aller Bereiche des Militärs koordiniert, darunter Artillerie, Luftstreitkräfte, Infanterie und Ingenieure. Er hatte ihre Kräfte auf einen schmalen Abschnitt der Frontlinie konzentriert.

Frühere Schlachten wirkten chaotisch und schienen im Schlamm zu versinken. Sie zeichneten sich durch den langsamen Marsch der Infanterie aus, die sich auf Maschinengewehre zubewegte, welche bereits auf sie warteten. Plumers Angriff hingegen war vielseitig, flexibel und schnell. Innerhalb einer Woche war die Schlacht um Messines vorbei. Die Alliierten hatten Boden gutgemacht und, was noch viel wichtiger war, einen seltenen und inspirierenden Sieg errungen.

„Es ist immer schwer, irgendwelche der großen Kriegshandlungen des Ersten Weltkriegs als Siege zu bezeichnen“, sagte Steel. „Aber ich stimme zu, dass die Einnahme von Messines ein großer Erfolg für die britischen und imperialen Armeen war. Sie fand zu einem kritischen Zeitpunkt statt und wirkte der Zersetzung der Moral der französischen Truppen entgegen. Und sie demonstrierte, dass es möglich war, einen erfolgreichen Angriff durchzuführen.“

DIE LANDSCHAFT ERHOLT SICH

Einhundert Jahre später ist die Erinnerung an die Schlacht bei Messines verblasst. Die größeren und vielleicht tragischeren Gefechte wie die Schlacht an der Somme, die Dritte Flandernschlacht und die Schlacht um Verdun sind in den meisten Diskussionen über den Krieg von größerer Bedeutung. Die Landschaft im Südwesten Belgiens, die der Schauplatz der Schlacht war, hat sich mittlerweile erholt, zumindest für das bloße Auge. Die zersplitterten Wälder sind nachgewachsen, Dörfer, die einst dem Erdboden gleichgemacht worden sind, wurden wiederaufgebaut. Große Busse fahren zwischen den Bauernhäusern und den weiten, grünen Feldern umher und bringen Touristen zu Friedhöfen und Kriegsdenkmälern.

Nur wenig deutet für den Betrachter darauf hin, dass einst die Front durch dieses Gebiet verlief. Es gibt kaum Hinweise auf die Tunnelarbeiten, die es britischen Sappeuren ermöglicht hatten, insgeheim und in der Dunkelheit tonnenweise Sprengstoff in die Kammern tief unter der Erde zu bringen. Der Hügelrücken, der einst von deutschen Befestigungsanlagen geprägt war, ist nun eine sanfte Welle in einem ansonsten flachen, fruchtbaren Landstrich.

Aber knapp unter der Oberfläche finden sich reichlich Spuren der Geschichte, wenn man weiß, wo und wie man suchen muss.

Für den Archäologen Martin Brown stellt das eine beträchtliche Verlockung dar. Er ist einer von nur wenigen europäischen Forschern, die die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs untersuchen. Brown gräbt seit 20 Jahren immer mal wieder bei Messines.

„Für mich ist es die große vergessene Schlacht des Krieges“, sagte er. „Aber Messines verdient es, dass sich daran erinnert wird. Es ist nicht wie die anderen Schlachten, die nur aus Schlamm und Katastrophen bestanden.“

Vor einigen Jahren riefen Brown und ein paar seiner Kollegen das gemeinnützige Plugstreet Project ins Leben. Sie wollten mithilfe der Archäologie ein besseres Verständnis für die Soldaten erhalten, die an diesem Abschnitt der Westfront lebten, kämpften und starben – besonders während der Zeit der Schlacht bei Messines. Der Name des Projekts kommt vom britischen Slangwort für das belgische Dorf Ploegsteert, das sich südlich von Messines befindet und von intensivem Bergbau geprägt war.

Brown und seine Kollegen gruben in kollabierten Gräben und Tunneln und auf Teilen des Schlachtfelds. Dabei fanden sie Teile von Uniformen und Waffen, Schützengrabenabschnitte und Objekte, die persönliche Einblicke in das Leben der Männer gaben, die dort kämpfen – wie zum Beispiel eine kleine Mundharmonika eines deutschen Soldaten.

Die Archäologen sind außerdem auf nicht detonierte Granaten und Artilleriegeschosse gestoßen – verrostete Überreste, die selbst nach einem Jahrhundert unter der feuchten Erde noch töten könnten. Einige der beunruhigendsten Funde zeugen jedoch von der Effektivität und der brutalen Kraft der großen Minen.

SPUREN IN DER ERDE

Tunnelgrabungen waren fast seit Beginn des Krieges ein wichtiger Faktor. Deutsche, französische und britische Einheiten untertunnelten das Niemandsland, das sich zwischen den Fronten erstreckte. Manchmal stürzten die Tunnel ein und begruben die Männer darin bei lebendigem Leib. Andere Male brachen die Tunnelgräber in einen Gang durch, der von den feindlichen Lagern gegraben worden war, was zu spontanen Nahkämpfen führte.

Obwohl es einige große Tunneloperationen gab, reichte keine an die Größe – oder den zerstörerischen Erfolg – der Arbeit bei Messines heran. Sie hat nicht nur die Landschaft verändert, sondern auch die archäologischen Befunde.

„In Messines hat man Material, das durch diese riesigen Explosionen hochbefördert wurde und dann wieder zurückfiel und alles unter sich begrub“, sagte Brown. „Man kann den Ereignishorizont von 3:10 Uhr sehen – diese Bodenschicht, die durch die Explosion weggeschleudert wurde. Es ist ein bisschen wie der Vulkanausbruch bei Pompeij, wo der Moment dieser unglaublichen Zerstörung konserviert wurde.“

Anders als die sauberen Hüllen, die die Opfer von Pompeij zurückließen, fanden Brown und seine Kollegen Gräben mit pulverisierten Knochen – ein Beleg für die Kraft der Druckwellen, die von den Minen ausgingen.

„Die Soldaten wurden in winzige Stücke zerschmettert“, sagte Brown. „Man kann die offiziellen Berichte lesen und akademisch Hypothesen über diese Dinge aufstellen. Aber im Feld findet man hin und wieder etwas, das einen innehalten und ‚Mein Gott‘ denken lässt.“

ZU SCHOCKIERT ZUM KÄMPFEN

An jenem Morgen 1917, kurz vor der Detonation der Minenschächte, hatten sich um die 80.000 Alliierte in Stellung begeben und sich auf einen Angriff vorbereitet. Nach der Explosion schritten sie voran und fanden sich schon bald in einem Schleier und Staub und Rauch. Die militärischen Planer hatten zu berechnen versucht, wie lange es exakt dauern würde, bis sich der Staub in der Luft gelegt hatten. Allerdings hatten sie sich verschätzt. Eine Weile lang stolperte ein großer Teil der British Second Army, die aus kanadischen, neuseeländischen, australischen und britischen Truppen bestand, fast blind voran.

Zum Glück trafen sie nur auf wenig Widerstand, und als am Horizont das erste fahle Licht des Tages erschien, sahen sie auch, warum. In jeder Richtung war der Boden aufgerissen, in den teils 60 Meter tiefen Kratern fanden sich zerstörte Schützengräben und ganze Berge von Leichen. Deutsche Überlebende erhoben sich wie Geister aus den Trümmern, mit zitternden Händen, weit offenstehenden Mündern und zu schockiert, um zu kämpfen.

Unter den voranschreitenden Truppen befand sich auch ein Soldat des 33. Bataillons der Australian Imperial Force namens Alan Mather. Er war 37 Jahre alt, aus Inverell in New South Wales und der Sohn des dortigen Bürgermeisters. Ein forensischer Anthropologe beschrieb ihn später als einen großen Mann, geprägt von harter Arbeit. An jenem Junimorgen trug er unter anderem 150 Schuss Munition, ein Paar Granaten und ein Gewehr mit einem Bajonett am Lauf bei sich.

Mehrere Soldaten berichteten später, dass Mather die deutsche Frontlinie überschritten hatte und aus einem Graben kletterte, als er durch Granatfeuer starb. Keiner der Überlebenden wusste, was mit seinem Leichnam geschehen war. Wie Tausende anderer Soldaten des Ersten Weltkriegs wurden seine Überreste nie geborgen. In offiziellen Berichten wurden ihm die leeren Worthülsen „im Kampf gefallen“ und „kein bekanntes Grab“ zugeordnet. Über 90 Jahre lang gab es dazu nichts weiter zu sagen.

2008 dann, als Brown und sein Team in der Nähe des Dorfes Ploegsteert nördlich der gewaltigen Minenkrater gruben, entdeckten sie ein Skelett. Es lang mit dem Gesicht nach unten in der dunklen Erde. Der Torso war von einer Explosion zerschmettert worden. Ein Rucksack hing noch immer an den Schultern des Leichnams. Darin fand sich ein deutscher Helm, der vielleicht als Andenken mitgenommen wurde oder aufgehoben wurde, als der Soldat das von Minen verwüstete Ödland durchquerte.

Die Archäologen sammelten den Leichnam sorgsam ein und begannen mit der Suche nach seiner Identität. Gewisse Details halfen dabei: Die dekorativen Elemente aus Messing an seiner Uniform zum Beispiel wiesen den Soldaten als Australier aus. Andere Wissenschaftler führten eine Isotopenuntersuchung durch, um Sauerstoff, Strontium und Stickstoff in den Knochen des Mannes zu messen. Indem sie diese Werte mit geologischen Karten abglichen, konnten die Forscher seine Herkunft auf zwei mögliche Gebiete beschränken, die beide in New South Wales liegen.

„Aus dem 33. Bataillon gibt es etwa 40 Vermisste“, sagte Brown. „Von einigen wird natürlich nichts mehr übrig sein. Aber die Isotopenuntersuchung hat es im Grunde auf fünf Männer eingeschränkt. Von da an machten wie dann einen DNA-Test.“

Der Test bestätigte Mathers Identität. Seine Verwandten wurden informiert und 2010 wurde er endlich zwischen seinen Kameraden mit militärischen Ehren beigesetzt. Der Friedhof befindet sich ganz in der Nähe des Ortes, an dem er gefallen ist. Anfang Juni reisten seine Großnichten nach Belgien, um das Grab während der 100-jährigen Gedenkfeierlichkeiten der Schlacht zu besuchen.

„Ich war selbst letzte Woche drüben und ging zum Friedhof, um Hallo zu sagen“, sagte Brown Anfang Juni. „Es ist eine merkwürdige, emotionale Angelegenheit, die über das hinausgeht, was ich bei meiner anderen archäologischen Arbeit normalerweise tue. Bei Römern zum Beispiel passiert einem so was nicht. Wenn man es mit Ausgrabungen aus dieser Zeit zu tun hat, führt man so ein internes Zwiegespräch mit ihnen. Man denkt sich: ‚Wer bist du?‘ Aber man erfährt das nie auf dieselbe Weise wie bei diesen Schlachtfeldausgrabungen. Die sind aus deutlich jüngerer Zeit. Die Erzählung geht immer noch weiter.“

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