Geschichte und Kultur

Erwachsenwerden als Mädchen im Gazastreifen

Die Fotografin Monique Jaques gewährt intime Einblicke in das Leben junger Frauen, die in dem abgeschotteten und konfliktgeprägten Gebiet aufwachsen.Donnerstag, 9. November 2017

Von Alexa Keefe
Bilder Von Monique Jaques
Medizinstudentinnen von der Islamischen Universität Gaza bei einer Pause in der Entbindungsstation des Al-Shifa-Krankenhauses in Gaza. Laut Jaques wird Bildung in Gaza hochgeschätzt und ist leicht zugänglich.

Das Leben im Gazastreifen ist schwierig. Es gibt Konflikte, Armut und nur genug Kraftstoff, um für ein paar Stunden am Tag Elektrizität zu haben. Zwei Millionen Menschen leben in dem von Palästina kontrollierten Gebiet, das zu den am dichtesten besiedelten Orten der Welt zählt. Die Grenzen zu den Nachbarländern Ägypten und Israel sind geschlossen. Reisen in das Land und aus ihm hinaus werden streng kontrolliert. Das Leben dort wurde mit einem Freiluftgefängnis oder Schlimmerem verglichen.

Wie viele Fotojournalisten reiste Monique Jaques 2004 erstmals nach Gaza, um über den Krieg mit Israel zu berichten. Sie wohnte dort bei einer Familie und freundete sich mit einer der Töchter an, die nur ein paar Jahre jünger war als sie selbst. Daraus entwickelte sich eine unerwartete Geschichte. Jaques begann zu begreifen, dass an einem Ort, an dem schon das tagtägliche Leben eine Herausforderung ist, das Heranwachsen als Frau noch viel schwieriger ist. Die Töchter sind ein Spiegelbild ihrer Familie, sagt Jaques. Es wird viel Druck auf sie ausgeübt, damit sie sich so verhalten, dass sie den bestmöglichen Heiratspartner anziehen und die Last der Familie erleichtern. Der Effekt wird noch durch die Tatsache verstärkt, dass die erweiterte Familie in einer kommunalen Gemeinschaft lebt, in der es nur wenig Möglichkeiten gibt, dem wachsamen Auge der anderen zu entkommen. Selbst, wenn man sich nur auf einen Kaffee mit einem Jungen trifft, ohne dass die Eltern davon wissen, ist das laut Jaques Grund genug für Gerüchte und Getratsche.

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Um Zugang zu der Story zu erhalten, traf sich Jaques mit so vielen Mädchen wie möglich und bat sie – ganz im Sinne der palästinischen Tradition der mündlichen Erzählkunst –, ihre Geschichten zu erzählen. Obwohl die meisten Menschen, die sie fotografiert hat, in der liberaleren Stadt Gaza lebten, war es trotzdem eine Herausforderung, die Teenager und jungen Erwachsenen zu überzeugen, ihre Bedenken bezüglich der sozialen Normen beiseitezulegen und sich fotografieren zu lassen. „Wenn man sehr jung ist, kann man tun, was man will“, sagt Jaques. „Sobald man in die Pubertät kommt, anders sich alles. [Die Familien] drängten ihre jüngeren Töchter, sich mit fotografieren zu lassen, waren bei [ihren älteren Töchtern] aber zögerlicher.“

Die meisten Mädchen, die sie fotografierte, waren noch nie außerhalb der Stadt, sagt sie. Aber fast alle von ihnen sehnten sich danach, diesen Ort zu verlassen, und sei es nur für kurze Zeit. „Ich wünschte, ich könnte nur einen Tag lang weggehen, an einen Ort, an dem mich niemand kennt“, erzählte eines der Mädchen Jaques.

Trotz der Entbehrungen entschied sich Jaques, sich stattdessen auf die Momente der Freude, der Hoffnung und der Stärke zu konzentrieren, die sich in einer Umgebung finden, in der das Leben beengt ist, aber gleichzeitig konstant aufgewühlt und auseinandergerissen wird, wie sie es ausdrückt. Sie zeigt die jungen Frauen in ihren privaten Momenten, aber auch als Mitglieder der Gesellschaft – als Polizistinnen und Ärztinnen, in der Schule oder im Café. Sie wurde von manchen dafür kritisiert, sagt Jaques, dass sie den Fokus nicht auf das Elend gerichtet hat, das die Bewohner von Gaza erleiden. (Ein relativ aktueller Artikel der Vereinten Nationen sagt vorher, dass Gaza schon vor der ursprünglichen Prognose der Organisation im Jahr 2020 unbewohnbar sein wird, wenn die aktuellen Bedingungen weiter anhalten). Aber Jaques macht weiterhin ihre Fotos und sammelt Geschichten. „Es gibt so viel mehr als nur die Bilder des Krieges“, sagt sie. „Diese Mädchen haben ein unglaublich erfülltes Leben. Sie arbeiten, gehen zur Schule und haben Hoffnungen und Träume.“

Mädchen beobachten den Sonnenuntergang im Hafen von Gaza.

Monique Jaques‘ Buch „Gaza Girls: Growing Up in the Gaza Strip“ wird im Laufe des Jahres erscheinen. 

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