Geschichte und Kultur

„Erfolgreiche Start-ups lösen Probleme vor Ort“

In Afrika gibt es immer mehr junge Gründer. Aber sie kämpfen noch mit einer Reihe an Problemen, weiß Gabriele Reitmeier, Expertin für Entwicklungspolitik. Mittwoch, 20 Dezember

Von Kathrin Fromm

Wie würden Sie die afrikanische Start-up-Szene beschreiben?
Als sehr dynamisch. Es ist faszinierend, was sich da gerade abspielt! Die Zahl der Start-ups ist in den letzten Jahren explosionsartig gewachsen.

Woran liegt das?
Das hat auf jeden Fall mit der jungen Bevölkerung zu tun: 70 Prozent sind unter 30. Aber eben auch damit, dass es in vielen afrikanischen Ländern trotz hoher wirtschaftlicher Wachstumsraten nicht genügend Arbeitsplätze gibt.

Also, sind die Start-ups eher eine Notlösung?
Bei vielen Gründern ist das sicherlich so, aber es ist eben auch eine Chance. Wer eine passende Nische findet, hat oft Erfolg.

Welche Branchen und Konzepte sind denn erfolgsversprechend?
Die Informationstechnologie ist eine der führenden Branchen, ebenso Finanzdienstleistungen und E-Commerce. Aber auch im Gesundheitswesen, im Bildungssektor und in der Landwirtschaft tut sich viel, gerade wenn es um die Digitalisierung von Geschäftsmodellen geht. Erfolgreiche Start-ups lösen Probleme vor Ort. So wie beispielsweise die mobilen Finanzdienstleister. In den ländlichen Regionen Afrikas gibt es kaum Banken gibt, da ist es natürlich sehr hilfreich, wenn man per Handy Banküberweisungen tätigen kann. Für die Landwirtschaft gibt es verschiedene Apps, mit denen man Marktpreise vergleichen kann oder Klimadaten helfen dabei, Saat und Ernte zu planen.

Welche Länder sind führend, wenn es um Start-ups geht?
Auf jeden Fall Nigeria. Hier sitzen die beiden afrikanischen Unicorns. So nennt man Start-ups, die Marktbewertung von einer Milliarde US-Dollar erreicht haben. Das ist zum einen der Online-Finanzdienstleister Interswitch und zum andern die Afrika Internet Group, die unter anderem Yumia betreibt, die größte E-Commerce-Plattform des Kontinents. Ebenfalls wichtig sind Südafrika und Kenia. Dort in Nairobi gibt es das iHub, also ein Ort, an dem sich Gründer zum Arbeiten und Austauschen treffen. Es war eines der erste seiner Art und gilt als Vorbild für viele weitere. Daneben sind Start-ups aber auch in Ländern wie Ruanda, Uganda, der Elfenbeinküste, Tansania und dem Senegal im Kommen.

Mit welchen Problemen kämpfen afrikanische Gründer?
Letztlich sind es ähnliche Probleme wie überall. Erst einmal müssen die Start-ups Geldgeber finden. Das ist schwierig. Der Bankensektor in Afrika ist relativ schwach, und wenn Kredite vergeben werden, dann ist das wahnsinnig teuer. Deshalb suchen viele Gründer nach Risikokapitalgebern. Dafür haben sich sogar spezielle Organisationen gegründet, etwa Venture Capital for Africa oder Savanna Fund. Sie versuchen, global Risikokapital aufzutreiben. Außerdem gibt es amerikanische Beteiligungsgesellschaften, die Kapital nach Afrika bringen. Allerdings gibt der Gründer damit einen Teil seines Unternehmens aus der Hand. Auch Crowdfunding setzt sich durch, das hat in Afrika eine gewisse Tradition. In den Dörfern wurde schon immer gesammelt, um ein gemeinsames Projekt umzusetzen.

Was ist mit der Indrastruktur?
Das ist ein Problem. Eine zuverlässige Stromanbindung gibt es nicht überall, und Internet ist häufig nur mobil nutzbar, weil Breitband nur selten vorhanden ist. Was auch fehlt ist etwas, das wir als entrepreneur education bezeichnen. Trainings und Gründerzentren an Hochschulen sind noch ganz selten. An einigen Orten gibt es Management-Schulen, die aber oft nur wenig praktische Erfahrung vermitteln, wie man Start-ups aufbaut und führt. Häufig sind auch die Regierungen ein Hindernis: Die Registrierung für Unternehmen ist unheimlich bürokratisch, ein Patent anzumelden ist teuer und langwierig.

Ein Artikel über Afrikas Tech-Revolution steht in der Ausgabe 12/2017 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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