5 Irrtümer über die Challenger-Katastrophe

Zum 32. Jahrestag des Space-Shuttle-Unglücks stellen wir einige weit verbreitete Irrtümer richtig – zum Beispiel den, dass das Shuttle explodierte. Freitag, 26. Januar 2018

IRRTUM 1: DIE CHALLENGER EXPLODIERTE

Zum 32. Jahrestag der Tragödie wird die Geschichte der Challenger noch immer von vielen Irrtümern und Fehlinformationen geprägt.

Ein weit verbreiteter Irrglaube ist beispielsweise, dass die Challenger 73 Sekunden nach ihrem Start vom Kennedy Space Center in Florida explodierte.

„Das Shuttle selbst ist nicht explodiert“, sagte Valerie Neal, die Kuratorin für Space Shuttles am National Air and Space Museum in Washington, D.C. „Ich glaube, dieser Mythos stammt daher, dass es wie eine Explosion aussah und die Medien es als Explosion bezeichneten.“

Sogar Mitarbeiter der NASA bezeichneten das Ereignis zunächst fälschlicherweise als Explosion. Der NASA-Öffentlichkeitsbeauftragte Steve Nesbitt sagte zu jener Zeit: „Wir haben einen Bericht des Flugdynamik-Offiziers, dass das Raumfahrzeug explodiert ist.“

Als man den Vorfall später untersuchte, stellte sich jedoch heraus, dass der tatsächliche Vorgang viel komplizierter gewesen ist, sagte Neal.

Der externe Treibstofftank des Space Shuttles war kollabiert, wodurch der Treibstoff aus flüssigem Wasserstoff und flüssigem Sauerstoff austrat. Als die beiden Flüssigkeiten sich entzündeten, entstand in Hunderten Metern Höhe ein riesiger Feuerball. Das Shuttle selbst war zu diesem Zeitpunkt noch unbeschädigt und setzte seinen Aufstieg fort, allerdings verlor es schnell an Stabilität.

„Der Shuttle Orbiter versuchte mit aller Kraft, den Kurs zu halten, da er merkte, dass irgendwas unter ihm sehr ungewöhnlich war“, sagte Neal.

„Aber schließlich brach der Tank ab. Ohne Triebwerke und Tank konnte er bei dieser Geschwindigkeit den aerodynamischen Kräften nicht mehr standhalten. Das Heck und der Bereich des Haupttriebwerks brachen ab. Beide Flügel brachen ab. Die Mannschaftskabine und der vordere Rumpf separierten sich vom Nutzlastbereich. Diese riesigen Stücke fielen vom Himmel und zerbrachen beim Aufprall auf dem Wasser in kleinere Teile.“

IRRTUM 2: DIE CREW DER CHALLENGER STARB SOFORT

Ein weiterer Irrtum – der vermutlich so verbreitet ist, weil man sich in Anbetracht der Tatsachen wünschen würde, er wäre wahr – ist, dass die sieben Astronauten der Challenger augenblicklich starben, als das Shuttle „explodierte“.

Da es das aber nicht tat, starb die Besatzung auch nicht bei der Explosion und auch nicht beim Auseinanderbrechen des Shuttles. Obwohl die genaue Todesursache unbekannt ist, glauben viele Experten, dass die Astronauten noch lebten, bis die Mannschaftskabine mit mehr als 320 km/h in den Atlantik stürzte.

„Sie waren noch immer in ihren Sitzen angegurtet, als sie gefunden wurden“, sagte Neal vom National Air and Space Museum.

Weniger eindeutig ist, ob die Astronauten ihre letzten Momente bewusst miterlebten. Ein medizinischer Bericht der NASA kam zu dem Schluss, es sei „möglich, aber nicht sicher, dass die Mannschaft während des Flugs durch den Druckverlust im Crew-Modul das Bewusstsein verloren hat.“

IRRTUM 3: MILLIONEN MENSCHEN SAHEN AM FERNSEHER LIVE ZU

„Es stimmt nicht, dass die meisten Menschen die Katastrophe live im Fernsehen sahen“, so Neal.

Zum einen übertrugen die meisten Fernsehsender den Start gar nicht live. Zum anderen fand der Start an einem Dienstag um 11:30 Uhr Ortszeit statt, als die meisten Menschen in den USA auf der Arbeit oder in der Schule waren.

Die paar Menschen, die die Tragödie live im Fernsehen mitverfolgt haben, sahen sie auf dem Kanal der NASA über Satellit – eine Technologie, die zu jener Zeit noch nicht so verbreitet war – oder auf CNN.

IRRTUM 4: DER UNFALL WURDE DURCH DIE KÄLTE VERURSACHT

Am Tag des Starts lag die Temperatur knapp unter dem Gefrierpunkt – das kälteste Wetter, das man je bei einem Shuttle-Start verzeichnet hatte, wie Neal erklärte.

Ein weiterer weit verbreiteter Irrglaube ist, dass die Kälte für das Versagen eines Dichtungsrings verantwortlich war, der eine wichtige Verbindungsstelle an der rechten Feststoffrakete (SRB) versiegelte. Neal zufolge wäre es aber zu einfach, allein die Fehlfunktion des Rings für die Tragödie verantwortlich zu machen.

„Die Temperatur allein war nicht das Problem“, sagte sie. Die Ingenieure „hatten schon zuvor an anderen, nicht so kalten Starttagen Belege für das ein oder andere Teilversagen eines solchen Dichtungsrings gesehen.“

Spätere Untersuchungen kamen zu dem Schluss, dass die Hauptursache für den Unfall ein Leck in der Verbindungsstelle der Feststoffrakete war. Durch dieses Leck konnte überhitztes Gas austreten und die Rakete sowie den externen Tank durchbrennen. Die Folge war ein struktureller Kollaps.

„Die Analyse der Daten nach dem Flug ließ erkennen, dass die niedrige Temperatur sicher ein Faktor war, der zum Ergebnis beitrug. Aber das Design der Feststoffrakete und der Entscheidungsfindungsprozess der NASA waren das ebenso. Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände.“

IRRTUM 5: DIE SHUTTLES HABEN JETZT SCHLEUDERSITZE

Seit dem Vorfall hat Neal immer wieder zu hören bekommen, dass die NASA nach der Challenger-Katastrophe den Einbau von Schleudersitzen in allen anderen Shuttles angeordnet hat. Aber auch Schleudersitze hätten nicht alle Astronauten der Challenger retten können und wären zudem selbst ein Sicherheitsrisiko.

Schleudersitze sind „schwer und sperrig und eine Gefahrenquelle, weil sie mit Pyrotechnik ausgestattet sind“, sagte Neal. Und selbst, wenn in der Challenger Schleudersitze vorhanden gewesen wären, „hätte es die nur für den Kommandanten und den Co-Piloten gegeben, also für die beiden, die das Shuttle fliegen.“

Nach der Challenger-Katastrophe veranlasste die NASA jedoch, dass die anderen Shuttles mit einem Ausstiegssystem ausgestattet wurden. Dieses besteht aus einer drei Meter langen „Fluchtstange“, die bei Notfällen zum Einsatz kommen kann.

Die Astronauten können sich „an der Stange einhaken, bis zu deren Ende rausrutschen, sich unter dem Flügel des Shuttles runterfallen lassen und per Fallschirm in Sicherheit gleiten“, erklärte Neal. Eine große Einschränkung dieses Systems besteht darin, dass es nur in bestimmten Notfallsituationen funktioniert.

„Der Orbiter muss sich in einer horizontalen Position und in einer stabilen Flugbahn befinden sowie mit einer bestimmten Geschwindigkeit und in einer bestimmten Höhe fliegen“, sagte Neal. „[Es] hätte in der Situation der Challenger nichts genutzt, da das Shuttle senkrecht aufgerichtet war und beschleunigte“, als der Unfall geschah.

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