Geschichte und Kultur

Eine Zeitung kämpft gegen die Nazis

Vor 85 Jahren leistete die Münchener Post erbitterten Widerstand gegen Hitler – und verlor. Ein Lehrstück über engagierten Journalismus und den Verlust der Freiheit.Freitag, 20. April 2018

Opposition: Schlagzeile der Münchener Post im Juni 1931.
Opposition: Schlagzeile der Münchener Post im Juni 1931.

Die Männer in den Braunhemden zertrümmerten die Eingangstüren und drängten in die Redaktionsräume. Gerade noch rechtzeitig konnte Edmund Goldschagg, der als einziger Redakteur der Münchener Post an diesem Abend an einem Artikel gearbeitet hatte, unbemerkt über den Hinterhof entwischen. Unter „Sieg Heil“-Rufen verwüsteten die Eindringlinge die Redaktion, zerstörten die Schreibmaschinen, warfen alle Schriftstücke, die sie fanden, vor dem Haus auf einen Haufen und ließen sie in Flammen aufgehen. Dann hissten sie die Hakenkreuzfahne über dem Gebäude am Altheimer Eck. Es war der 9. März 1933.

In den nächsten Tagen wurden die Druckmaschinen der Münchener Post abmontiert und druckten in der Folge die Gauzeitung der Nazis für Oberbayern. An jenem 9. März endete für die Post, das Presseorgan der bayerischen SPD, ihr jahrelanger erbitterter Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Die bewegte Geschichte dieses Blatts ist ein Lehrstück über aufrechten, mutigen Journalismus, der sich gegen wachsende Widerstände und einen immer mächtiger werdenden Feind stemmte.

Die Münchener Post war ein Blatt der linken Mitte, ihre Haltung gemäßigt, der Chefredakteur Erhard Auer gleichzeitig Landesvorsitzender der SPD. Ihr Motto: Ja zu Reformen für die Werktätigen und zur Demokratie, Nein zur Revolution und einer Diktatur des Proletariats.

Allerdings: Der Zeitgeist der 1920er Jahre stand gegen sie. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg litt Deutschland unter hohen „Reparationen“, den Schadensersatzzahlungen an die Siegermächte. Die Wirtschaft kam nur mühsam ins Laufen, Inflation, Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend setzten den Menschen zu. Heimgekehrte Frontsoldaten sahen keine Perspektive, sie schlossen sich den „Freikorps“ an, paramilitärischen Milizen völkisch-rechter Gesinnung.

Weite Teile der Bevölkerung trauerten der „guten, alten Zeit“ des Kaiserreichs nach und waren nicht bereit, die Niederlage anzuerkennen. Wäre dieser Adolf Hitler mit seiner Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei nicht der Richtige?

Die Post berichtete unermüdlich von Hetzveranstaltungen der Nazis – doch die bürgerliche Pressekonkurrenz, rechtem Gedankengut gegenüber sehr aufgeschlossen, zog nicht mit. Noch schlimmer: Die Wettbewerber warfen der „roten“ Post Sensationsmache vor. Und riefen: „Lügenpresse“! Hitler und sein Völkischer Beobachter drückten sich noch drastischer aus und beschimpften die Post als „Münchener Pest“, „Giftküche“, „jüdische Kröte“.

Als am 8. November 1923 der Aufsteiger Hitler im Münchner Bürgerbräukeller offen nach der Macht im Staate griff, stürmte und verwüstete ein „patriotisch“ gesinnter Haufen Rechtsradikaler zum ersten Mal das Redaktionsgebäude der Münchener Post am Altheimer Eck. Zu ihrem Glück hatten die Redakteure schon das Haus verlassen.

“Ein maßloser Größenwahn hat diesen neudeutschen Messias zum Überschnappen gebracht.”

Der Marsch Hitlers und seiner Getreuen endete am 9. November in Richtung Feldherrenhalle im Kugelhagel der bayerischen Polizei. Die Münchener Post höhnte: „Ein maßloser Größenwahn, großgezogen von einer mit außergewöhnlichen Geldmitteln genährten Propaganda, hat diesen neudeutschen Messias zum Überschnappen gebracht.“ Und berichtete in der Folge ausführlicher über die triumphale Atlantiküberquerung des Zeppelins als über die Aktivitäten ihres Erzfeinds.

Dann löste der New Yorker Börsencrash am 25. Oktober 1929 eine weltweite Wirtschaftskrise aus. Und erneut schlug die Stunde der Populisten und Demagogen. Und des „neudeutschen Messias“.

Noch wurstelte eine bürgerliche Minderheitsregierung mit „Notverordnungen“ vor sich hin. Doch für die Münchener Post war klar: Hitler ante portas! Ihn mit allen Mitteln zu bekämpfen war das Gebot der Stunde. Das Blatt beschuldigte die Nazis, eine „Bartholomäusnacht“ für ihre Gegner zu planen, es veröffentlichte im Faksimile eine „Todesliste“ von politischen Gegnern, die im Braunen Haus, der Münchner Zentrale der NSDAP, kursierte.

Wenig später, im Dezember 1931, machte sie vertrauliche Pläne der Nazis über die Behandlung der Juden bei einer Machtübernahme publik: Berufsverbote, Enteignungen, Sondergesetze, kein Zugang zu höherer Bildung, Eheverbot mit Christen – die Blaupause des uns so schrecklich vertrauten Katalogs der Unmenschlichkeit. Die Enthüllungen fanden wenig Resonanz. Die Auflage der Post war von etwa 60000 nach dem Ersten Weltkrieg auf 15000 gesunken.

Um die Nazis abzuwehren, hielt die Redaktion der Post alle Angriffe für erlaubt – und machte sich damit selber angreifbar. „In einer Zeit politischer Radikalisierung sah sich die Münchener Post berechtigt, auch ihre Berichterstattung zu radikalisieren“, schreibt die deutsch-brasilianische Historikerin Silvia Bittencourt in ihrem nicht auf Deutsch erschienenen Buch „A Cozinha Venenosa“ („Die Giftküche“).

Bei der erneuten Wahl am 31. Juli 1932 wurde die NSDAP weit vor der SPD stärkste Partei im Reichstag. Je näher Hitler seinem Ziel kam, umso lauter erhob die Münchener Post ihre Stimme. Wütend klagte sie an: „Man muss in die Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs zurückblättern, um ein Beispiel zu finden für so viel Barbarei, Mord und Schamlosigkeit. Das ist das ,Dritte Reich‘ des Herrn Hitler.“ Sobald die Nazis aber einen Rückschlag erlitten, redete sich das Organ des sozialdemokratischen Widerstands ein, der Abstieg der Hakenkreuzbewegung habe begonnen.

Am Boden?Die Reichstagswahl vom 6.November 1932 endete mit erheblichen Stimmenverlusten der NSDAP.
Am Boden?Die Reichstagswahl vom 6.November 1932 endete mit erheblichen Stimmenverlusten der NSDAP.

Hinter diesem Wunschdenken stand der Chefredakteur Erhard Auer. 1922 hatte er Hitler als „komische Figur“ bezeichnet, und auch jetzt war er noch davon überzeugt, die Sozialdemokraten und der Rechtsstaat würden im Kampf gegen Hitler siegen.

Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg die „komische Figur“ zum Reichskanzler einer Koalitionsregierung aus Nazis und den Parteien der konservativen Rechten. Die Münchener Post titelte: „Hitler Kanzler der Schwerindustrie und der Großagrarier – Regierung der vereinten Reaktion“.

Am 27. Februar 1933 brannte der Berliner Reichstag. Am Tag darauf erließ die von Hitler geführte Regierung am Parlament vorbei eine „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“. Geschickt warfen die Nazis die SPD, die mit dem Brand nichts zu tun hatte, in einen Topf mit den schon offen verfolgten Kommunisten und forderten auf ihren Wahlplakaten: „Wie ein Aufschrei muss es durch Deutschland gehen: Zerstampft den Kommunismus! Zerschmettert die Sozialdemokratie!“ Am 5. März gewannen sie die letzte relativ freie Wahl mit 44 Prozent.

Presse, die Druck macht. Foto vom Set der National Geographic Dokumentation "Schlagzeilen gegen Hitler".
Presse, die Druck macht. Foto vom Set der National Geographic Dokumentation "Schlagzeilen gegen Hitler".

Was hatte die Münchener Post noch entgegen zusetzen? Am Tag nach der Wahl machte sie sich und den Lesern angesichts von 18 Prozent Stimmen für die SPD noch Mut. „Die Kerntruppe der SPD steht unerschüttert“, titelte Chefredakteur Auer.

Dann kam der 9. März und mit ihm das SA­-Verwüstungskommando. Das Blatt wurde verboten, die Redakteure wurden verhaftet. Die meisten überlebten, manche im Exil. Erhard Auer, von Haft und Folter gezeichnet, starb im März 1945 im schwäbischen Giengen – wenige Wochen bevor Hitler Selbstmord beging.

 

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Der ganze Artikel erscheint in der Ausgabe 5/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

Die National Geographic Dokumentation "Schlagzeilen gegen Hitler" über Journalisten der Münchener Post läuft am 5. Mai 2018 um 21 Uhr auf National Geographic.

 

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