Geschichte und Kultur

Picasso: Grenzenlos genial

Er malte radikal und veränderte unseren Blick auf die Welt. Seine Bilder hinterlassen Spuren im Gehirn des Betrachters. Wie wurde aus einem Wunderkind der Weltstar Pablo Picasso?Monday, May 14, 2018

Von Claudia Kalb
Bilder Von Paolo Woods und Gabriele Galimberti
Ware Kunst: Picassos Porträt von Jacqueline Roque wurde im November 2017 bei Christie’s versteigert.

Die Frau hockt auf dem Boden, ihre Arme sind um die Knie geschlungen. Sie trägt einen Flickenrock aus grünen und lila Dreiecken. Herbstlicht umgibt ihre Gestalt. Auffällig ist das Gesicht: die Augen versetzt und unterschiedlich groß, der Mund winzig, die Nase verkehrt herum.

Das Werk eines Jahrhundertmalers: Am 8. Oktober 1954 malte der frisch verliebte, 72-jährige Pablo Picasso die 27-jährige Jacqueline Roque, seine neue Geliebte und spätere Ehefrau. Keine Frau porträtierte Picasso häufiger.

Im November 2017 wird das Bild von Picassos letzter Liebe bei Christie’s in New York versteigert. Auktionator Adrien Meyer verkündet das Anfangsgebot für „Hockende Frau (Jacqueline)“: zwölf Millionen Dollar. Schnell geht der Preis in die Höhe. Zwei Mitarbeiter von Christie’s verkünden abwechselnd telefonische Gebote zweier anonymer Bieter. Schließlich fällt der Hammer, Meyer nennt das Höchstgebot: 32,5 Millionen Dollar.

Picasso verzaubert, verwirrt, verlockt und provoziert. Noch immer. Schon als junger Maler erschütterte er mit seinen fragmentierten Gesichtern und zersplitterten Perspektiven unsere grundlegende Sicht auf die Welt. Er arbeitete rastlos: Die Gesamtzahl seiner Werke wird auf rund 50 000 geschätzt, darunter auch Skulpturen und Keramiken.

Picassos Sohn Claude sitzt in seiner Genfer Wohnung und beschreibt die Wirkung seines Vaters so: „Er zerstörte alles Gewohnte und schuf eine gesamtgültige neue Vision." Doch wie wird ein Mensch zum Vordenker?

Picasso hatte das Glück, in einer Zeit zu leben, die von entscheidenden Neuerungen in Wissenschaft, Literatur und Musik geprägt war, von existenziellen politischen und sozialen Brüchen. Das speiste seine Arbeit. Und seine Laufbahn war lang: Picasso wurde 91 Jahre alt.

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Dabei befürchtete man, als Pablo am 25. Oktober 1881 in Málaga zur Welt kam, eine Totgeburt. Der Maler erzählte später gar, sein Onkel Salvador habe ihn mit einem Wölkchen aus seiner Zigarre belebt.

Picassos Enkel Bernard trinkt im Hof des Museo Picasso in Málaga Tee und denkt darüber nach, welchen Einfluss die Kindheitserlebnisse seines Großvaters auf dessen Kunst hatten. Hier prallten Kulturen aufeinander: Phönizier, Römer, Juden, Mauren, Christen, Spanier. Wohlgerüche durchziehen die Luft. „Er behielt alle Sinneseindrücke, alle Bilder, Gerüche und Farben im Gedächtnis. Sie nährten seine Fantasie“, sagt Bernard.

Picasso zeichnete, bevor er sprechen konnte. Sein erstes Wort war „piz“, kurz für lápiz, Bleistift. Verwandte erinnern sich, dass Picasso als Kind stundenlang malte und anderen Motivwünsche erfüllte – seine Cousine Maria verlangte gern einen Esel –, bis er vor Erschöpfung aufhören musste. Eines seiner ältesten überlieferten Werke ist das Ölgemälde „Le Picador“, das einen berittenen Stierkämpfer darstellt. Es stammt wahrscheinlich von 1890, da war er neun.

Schon mit 16 wurde Picasso in die Königliche Kunstakademie von San Fernando in Madrid aufgenommen. Im Prado studierte er die Meisterwerke von Velázquez und El Greco. Seinem Sohn Claude zufolge war Kunst „das Einzige, was ihn interessierte und was ihn ausmachte.“

“Das Bild lebt nur durch den, der es betrachtet.”

Seine „Demoiselles d’Avignon“ von 1907 stellten bereits die Konventionen von Komposition, Perspektive und Schönheit auf den Kopf. Das Gemälde zeigt fünf nackte Frauen in einem Bordell. Ihre Gesichter sind verzerrt, ihre Körper schroff gezackt. Das Werk schockierte seine engsten Freunde. Der Kubismus war geboren, eine radikal neue Kunstform. Mit diesem Bild „zerstörte er alles, was wir bis dahin über Kunst wussten“, sagt Claude Picasso über seinen Vater.

Der Nobelpreisträger Eric Kandel, Neurowissenschaftler und passionierter Kunstsammler. erklärt, dass anspruchsvolle Kunstwerke den Betrachter in den kreativen Prozess einbeziehen. Denn das Gehirn kann aus unvollständigen Informationen sinnvolle Bilder herstellen. „Wir besitzen eine ausgeprägte Fähigkeit, fehlende Einzelheiten hinzuzufügen“, sagt er. Picasso scheint dieses Zusammenspiel vorausgesetzt zu haben: „Das Bild“, sagte er, „lebt nur durch den, der es betrachtet.“

Dass Picassos Werke Wirkung in unserem Hirn hinterlassen, ist aber nicht nur sein Verdienst. Wichtige Vorbilder fand Picasso im Café Els Quatre Gats in Barcelona, wo er erfahrenen spanischen Künstlern begegnete. Jeder von ihnen verstärkte den „Ansporn der frühen Phase in Picassos raketenartigem Aufstieg“, schreibt sein Biograf John Richardson. Mit 22 zog Picasso nach Paris und schloss sich einer Gruppe von Freigeistern an, zu denen die Schriftsteller Guillaume Apollinaire und Gertrude Stein sowie die Maler Henri Matisse, André Derain und Georges Braque gehörten.

Picasso entdeckte überall künstlerische Möglichkeiten: In einen Stein aus dem Meer kerbte er das Bild einer Eule oder Ziege. Aus Spielzeugautos seines Sohns formte er ein Paviangesicht. Sein berühmter „Stierkopf “ besteht aus einem rostigen Fahrradlenker und -sattel, die er in einem Schrotthaufen fand. Er behauptete, die Quellen seiner kreativen Ausbrüche nicht zu kennen. In seinem Kopf tobten Ideen – zusammenhangslose Details, aus denen ein Ganzes wurde. Er schöpfte aus dem Fundus vielfältiger Erinnerungen, sie versorgten ihn mit zahllosen Einfällen.

Und Glück hatte Picasso auch: Seine Karriere begann, als die Fotografie die getreue Abbildung der Wirklichkeit in der Malerei gewissermaßen überflüssig machte. Die Kunstwelt war empfänglich für Regelbrüche. Er lud Fotografen ein und posierte für sie mit bloßem Oberkörper beim Tanz mit seiner Geliebten. Er landete 1939 auf dem Titel des Magazins Time, das ihn „art’s acrobat“, den Akrobaten der Kunst nannte. 1968, fünf Jahre vor seinem Tod, widmete ihm das Magazin Life eine 134 Seiten starke Doppelausgabe. Er schaffe es, seinen eigenen Lebenslauf mit den gewaltigen Umbrüchen in unserer Kultur zu verweben, sagen Experten.

Bildnis des Künstlers als alter Mann: Dieses Selbstporträt malte Picasso am 30. Juni 1972. Er war 90 Jahre alt, aber – neun Monate vor seinem Tod – immer noch äußerst produktiv.

Das Erbe eines Genies ist vielschichtig: Er war auch eifersüchtig und sogar frauenfeindlich. „Eine Konstante bestimmte sein ganzes Leben: Frauen wurden seiner Kunst geopfert“, bemerkte Picasso-Biograf John Richardson. Die Malerin Françoise Gilot, Mutter von Claude und seiner Schwester Paloma, lernte Picasso 1943 in Paris kennen. Sie war 21, er 61. Sie erinnerte sich später, wie Picasso ihr drohte, sie von der Brücke Pont Neuf in die Seine zu werfen.

Picassos Sohn Claude resümiert: „Er hat alles ausprobiert und alles erlebt.“ Kann er das Genie seines Vaters erklären? Claude antwortet denkbar schlicht: „Wie soll ich das erklären? Gar nicht. Ich habe es einfach begriffen. Schon als kleines Kind war es für mich offensichtlich.“

 

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Der ganze Artikel steht in der Ausgabe 5/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

Mehr über Picasso erfahren Sie im Fernsehen ab dem 26. April jeweils donnerstags um 21 Uhr auf NATIONAL GEOGRAPHIC: Die Hauptrolle in der Serie „Genius: Picasso“ spielt Antonio Banderas.

 

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