Wie Latinos die USA verändern

Viele leben immer noch ohne Papiere, und Präsident Donald Trump würde sie am liebsten loswerden. Doch Latinos kämpfen sich in der amerikanischen Gesellschaft nach oben.

Von Héctor Tobar
bilder von Karla Gachet und Ivan Kashinsky
Veröffentlicht am 27. Juli 2018, 06:00 MESZ
Studentinnen des kalifornischen Whittier College
Studentinnen des kalifornischen Whittier College feiern ihren Abschluss. Das Institut gehört heute zu den multikulturellsten Hochschulen des Landes.
Foto von Karla Gachet und Ivan Kashinsky

Ismael Fernandez verbrachte seine Kindheit im verschlafenen Städtchen Wilder in Idaho, umgeben von Hopfenfeldern und Luzernen. Er wuchs bei seinen Großeltern auf, deren Haus auf einem Grundstück steht, auf dem der Großvater früher Zuckerrüben und Zwiebeln geerntet hat.

Mit 19 Jahren wurde Ismael Fernandez in den Gemeinderat der Kleinstadt mit 1700 Einwohnern gewählt. Bei seinem Amtsantritt 2015 nahm er auf dem Podium im Rathaus neben den anderen vier Ratsmitgliedern Platz. Einem Lokalreporter fiel auf, was bis dahin niemand bemerkt hatte: Auf den Namensschildern standen fünf spanische Nachnamen. Das sorgte für Aufsehen im ganzen Land. Zum ersten Mal hatten die Wähler in Idaho einen reinen Latino­-Gemeinderat bestimmt, in einem Bundesstaat, in dem Weiße ohne hispanoamerikanische Abstammung 82,4 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

In Wilder stellen Latinos – die meisten mit mexikanischen Vorfahren – inzwischen drei Viertel der Bevölkerung. Der Ort steht symbolisch für den wachsenden Einfluss von Latinos in den Vereinigten Staaten. Und die USA werden Wilder jeden Tag ein bisschen ähnlicher.

Seit 1970 hat sich der Bevölkerungsanteil von Latinos in den USA versechsfacht. Das Census Bureau der Regierung schätzte ihre Zahl im Jahr 2016 auf 57,4 Millionen. Das entspricht fast 18 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mit solch einem Zuwachs wird aus den Vereinigten Staaten wohl schon Mitte des laufenden Jahrhunderts ein Land der „Minderheitsmehrheit“ werden.

Dieser fundamentale Wandel der Bevölkerungsstruktur erzeugt Wut und Konflikte. Opportunistische Politiker und Medien schüren Angst, indem sie Weiße zu Opfern einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft erklären. Einwanderungsgegner wie Präsident Donald Trump stellen Latinos häufig als Gangmitglieder dar. Als Menschen, die Amerikanern Arbeitsplätze wegnehmen und kein Englisch lernen wollen. Oder als illegale Einwanderer, die massenhaft ins Land strömen und dort sogenannte Ankerbabys zur Welt bringen: in Amerika geborene Kinder, die automatisch die US-Staatsbürgerschaft bekommen. Ressentiments gegen Zuwanderer heizten auch jene politischen Umwälzungen an, die Trump den Weg ins Weiße Haus ermöglicht haben.

In Los Angeles bilden Latinos heute die größte Bevölkerungsgruppe. Auch wenn ihre Muttersprache Englisch ist, benutzen sie noch viele spanische Ausdrücke. In der Kirche preisen sie Dios, und ihre Töchter nennen sie mija – für mi hija, „meine Tochter“. Bei Wahlen stimmten Latinos für Abgeordnete, die Zuwanderung befürworten. Schon längst gehört Kalifornien zu den progressivsten aller 50 US-Bundesstaaten. Der Bürgermeister von Los Angeles sowie die Fraktionsvorsitzenden des kalifornischen Abgeordnetenhauses und des Senats sind lateinamerikanischer Abstammung.

Wird das die Entwicklung auch in Idaho sein? Der Stadtrat von Wilder tagt in einer ehemaligen Bank, die heute als Rathaus dient. Seine Mitglieder sagen, dass kulturelle Identität so gut wie nie ein Thema ist. „Ich werde oft gefragt, was ich als hispanische Frau für die hispanoamerikanischen Einwohner tue“, sagt Bürgermeisterin Alicia Almazan. „Aber so denken wir hier nicht.“ Ihre Aufgabe bestehe darin, allen Menschen in Wilder zu helfen.

Wie andere Regionen der USA ist auch der Westen von Idaho ein kultureller Schmelztiegel. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen Menschen mit spanischen Namen aus Mexiko und Südtexas nach Wilder, in der Regel als Erntehelfer. Die meisten verließen den Ort wieder, sobald der erste Schnee fiel. Als sich einige entschieden zu bleiben, war die Latino-Community in Wilder geboren.

Unter den großen ethnischen Identitäten in Amerika – weiß, schwarz, asiatisch, indianisch – ist „Latino“ die schwammigste. Latinos können afroamerikanisch, mittel- und südamerikanisch, asiatisch und weiß sein. Außerdem konservative Evangelikale, Katholiken oder Juden. Als Latino ist man vor allem Teil einer Geschichte, die einen mit anderen Menschen, die Wurzeln im Süden haben, verbindet. Und man fühlt sich verbunden mit all den anderen Migranten, die auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben einen langen Weg auf sich genommen haben.

In Los Angeles ist dieses unsichtbare Band, dass die Latinos durch ihre Erfahrung der Einwanderung, Mühsal und Belastbarkeit verbindet, besonders stark. Der Vorort Whittier ist zu einem Anziehungspunkt für die Latino­-Mittelschicht geworden – eine Veränderung, die sich vor einer Generation nur wenige Einheimische hätten vorstellen können. Früher war Whittier eine Stadt, in der nur Weiße wohnten.

Heute leben dort sehr wohlhabende Latino­-Familien. Richard und Rebecca Zapanta wohnen in einer 1000 Quadratmeter großen Villa im italienischen Stil. Ihr luxuriöses Zuhause beherbergt Gemälde und Kunstwerke von renommierten mexikanischen Künstlern wie Rafael Coronel und Frida Kahlo. Richard lebte als Kind in den Fünfziger­ und Sechzigerjahren in den barrios von East Los Angeles. Eine echte Bindung zu Mexiko verspürt er nicht. „Ich bin mexikanischer Amerikaner in der vierten Generation“, erzählt er. Später, als erfolgreicher Chirurg, reiste er allerdings häufig in das Land seiner Vorfahren und verbesserte seine Spanischkenntnisse.

Im Haus der Zapantas hängen Fotos von Latino­-Politikern aus ihrem Bekanntenkreis. Viele sind nationale Bekanntheiten. Antonio Villaraigosa war Bürgermeister von Los Angeles. Die ehemalige Kongressabgeordnete Hilda Solis wurde von Präsident Barack Obama in seiner zweiten Amtszeit zur Arbeitsministerin berufen. Rebecca beschreibt den Aufstieg ihrer eigenen Familie so: Früher ging sie mit ihrem Mann für zehn Dollar essen, gegen Ende von Obamas Präsidentschaft wurde sie von Ministerin Solis zu einem Staatsbankett ins Weiße Haus eingeladen.

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Die ganze Reportage steht in der Ausgabe 8/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

BELIEBT

    mehr anzeigen
    loading

    Nat Geo Entdecken

    • Tiere
    • Umwelt
    • Geschichte und Kultur
    • Wissenschaft
    • Reise und Abenteuer
    • Fotografie
    • Video

    Über uns

    Abonnement

    • Magazin-Abo
    • TV-Abo
    • Bücher
    • Disney+

    Folgen Sie uns

    Copyright © 1996-2015 National Geographic Society. Copyright © 2015-2024 National Geographic Partners, LLC. All rights reserved