Geschichte und Kultur

Ein ganz normaler Typ: 5 Einblicke in Einsteins Leben

Einstein geht zweifelsfrei als Genie durch, dennoch war er in mancher Hinsicht wie fast jeder andere Mensch. Ein kostenloses Archiv gewährt intime Einblicke.Montag, 10. September 2018

Von Dan Vergano
Einstein entspannt sich in seinem Zuhause in Princeton, 1951.

Das Leben ist nicht immer einfach – insbesondere, wenn man ein Genie ist. Aber welche anderen Gemeinsamkeiten haben ganz normale Menschen mit Albert Einstein?

Ein kostenloses Archiv mit den Schriften und der Korrespondenz des berühmten Physikers kann dabei helfen, genau das herauszufinden. Das Projekt „Digital Einstein“ der Princeton University Press hat die frühen Jahre Einsteins komplett mit englischer Übersetzung und Anmerkungen online zur Verfügung gestellt.

„Das ist Einstein, bevor er berühmt wurde“, erzählte die Geschichtswissenschaftlerin Diana Kormos-Buchwald vom California Institute of Technology 2014 in einem Interview mit National Geographic. Sie ist die Leiterin des Einstein Papers Project, welches das Archiv in Zusammenarbeit mit Princeton und der Hebrew University erstellte. „Das Material wurde im Laufe der letzten 25 Jahre sorgfältig ausgewählt und kommentiert.“

Die archivierten Briefe, Vorlesungen und andere Schriften nehmen den Leser mit auf eine Reise durch Einsteins Leben, angefangen von seiner Geburtsurkunde bis zu den Briefen, die er 1923 an seinem 44. Geburtstag schrieb – nur zwei Jahre nach seiner Auszeichnung mit dem Physik-Nobelpreis 1921. Ein Blick in die Dokumente offenbart, dass eines der größten Genies des 20. Jahrhunderts in mancher Hinsicht doch ein Mensch wie jeder andere war.

1. Er wurde für seinen Traumjob übergangen.

1902 erhielt Einstein eine Anstellung als technischer Experte beim Schweizer Patentamt in Bern. Ein Freund hatte ihm zu dem Job verholfen, nachdem aus seiner erhofften Anstellung als Universitätsprofessor nichts geworden war.

„Größtenteils war das seine eigene Schuld – er war kein besonders guter Student“, erzählt der Geschichtswissenschaftler Matt Stanley von der New York University. „Er war seinen Professoren gegenüber respektlos und ist zu Vorlesungen und Seminaren teils nicht erschienen, weil er wusste, dass er auch so bestehen würde. Als er um Empfehlungsschreiben bat, erhielt er also keine.“

Klingt das vertraut? Trotzdem zeigte sich: Ein unliebsamer Job hielt Einstein nicht davon ab, weiter an der Erfüllung seiner Träume zu arbeiten.

„Einsteins Familie hatte mit Elektronik zu tun, daher war ihm die Welt des Patentbüros sehr vertraut“, sagt der Geschichtswissenschaftler David Kaiser vom Massachusetts Institute of Technology.

Er war damit beauftragt, die Zuverlässigkeit der Funktionsweise neuer Erfindungen zu beurteilen. Einstein nutzte seine Talente und ließ seine Fähigkeiten auch in seine wissenschaftlichen Arbeiten einfließen. In seinem Annus mirabilis 1915 veröffentlichte er Abhandlungen zur Lichtgeschwindigkeit, dem Verhalten von Atomen und seine berühmteste Gleichung E = mc².

2. Er spannte gern mal aus.

„Total besoffen leider beide unterm Tisch“, schrieb Einstein 1915 auf einer Postkarte an seinen Freund Conrad Habicht und bezog sich dabei auf sich selbst und seine Frau Mileva Maric.

Habicht war der Mitbegründer der Akademie Olympia in Bern – ein hochtrabender Name für eine Reihe gesellschaftlicher Zusammenkünfte im kleinen Rahmen, bei dem Einstein und seine Freunde bei reichlich Alkohol über Philosophie und Wissenschaft debattierten.

„Der junge Einstein war ein Bohemien, nicht der alte Weise, den wir uns heutzutage vorstellen“, sagt Stanley. „Das war es, was die jungen Leute damals gemacht haben. Sie hingen in Kneipen rum und stritten über die Natur von Raum und Zeit.“

Einstein sagte später, dass der Club seine Karriere stark beeinflusst hat.

Einstein mit seiner ersten Frau, Mileva Maric.

3. Er hatte Beziehungsprobleme und einen Rosenkrieg.

Im Jahr 1903 heiratete Einstein seine Physikerkollegin Mileva Maric. Im Vorjahr hatte sie ihm bereits eine Tochter namens Lieserl geboren. Die Historiker sind sich nicht ganz einig, ob das Paar sein Kind zur Adoption freigegeben hatte oder ob es an einer Krankheit gestorben war.

Etwa 1912 hatten sich die beiden auseinandergelebt und ließen sich 1919 schließlich scheiden. Im Rahmen des Scheidungsurteils, das im Archiv vorhanden ist, willigte Einstein ein, seiner Ex-Frau den Großteil der Gewinne seines Nobelpreises zu überlassen, damit sie sich um ihre beiden Söhne kümmern und von den Zinsen leben konnte.

„Aus den Briefen können wir erkennen, dass der junge Einstein dem älteren sehr ähnelte – er interessierte sich nicht für Konventionen, wollte seinen Kopf durchsetzen, war ein kleiner Rebell und wirkte auf Frauen unwiderstehlich“, so Stanley. „Er hat sich in ein paar Beziehungen gestürzt, die schiefgingen, auch wenn ich glaube, dass er später die ein oder andere Lektion gelernt hat.“

Kennen wir doch alle.

Im Jahr seiner Scheidung heiratete er seine Cousine Elsa.

4. Seine Kinder waren kleine Spitzbuben.

So nannte er sie in einem Brief aus dem Jahr 1922 und bat sie darum, ihm in Spanien zu schreiben, wenn er von seiner Reise nach Japan zurück sein würde.

Einstein bedeuteten seine Söhne offensichtlich eine Menge. Er schrieb ihnen ihr Leben lang von seinen Reisen und erkundigte sich nach ihren Schulaufgaben. Eduards Leben nahm eine tragische Wendung, als er im Alter von 20 Jahren die Diagnose Schizophrenie erhielt.

Der Wissenschaftler ließ sich von seinem älteren Sohn Hans Albert bei der Verwaltung seines Geldes helfen. 1922 beauftragte er ihn damit, sich in einer Züricher Bank nach einem unerwarteten Betrag auf seinem Konto zu erkundigen.

Kinder und Geld – manche Probleme ändern sich nie.

Einstein schrieb sein Leben lang auf Deutsch, so auch in diesem Brief an seinen Sohn Hans Albert Einstein.

5. Road Trip!

Einstein ließ die Feierlichkeiten für eine Nobelpreisverleihung sausen, um in den fernen Osten zu Reisen.

„Ich habe mich fest entschlossen, nicht mehr so viel herum zu kutschieren in der Welt; aber ob ichs auch werde durchführen können?“, schrieb er seinen Söhnen 1922 nach seiner Japanreise

Für Einstein war das Reisen mehr als nur eine Flucht vor dem Alltag. Aus anderen Dokumenten des Archivs wird ersichtlich, dass die Ermordung von Reichsaußenminister Walther Rathenau durch rechtsextreme Terroristen für ihn einer der Gründe war, Deutschland für eine Weile zu verlassen.

Dieselben politischen Kräfte waren schlussendlich auch Grund für Einstein, in die USA zu emigrieren, um Hitlers Vernichtung der Juden zu entgehen.

Diese und andere Ereignisse aus Einsteins Leben sind in dem Archiv zusammengestellt, das Kormos-Buchwald und ihre Kollegen veröffentlicht haben.

Selbst mehr als sechzig Jahre nach seinem Tod warten vermutlich noch etliche Abenteuer aus dem Leben des Physikers darauf, entdeckt zu werden.

„Man sollte meinen, dass die Gelehrten all diese Schriften schon im Detail untersucht hätten, aber es gibt noch so viel mehr“, sagt Kormos-Buchwald.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht

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