Geschichte und Kultur

Nero. Monster oder Genie?

Muttermörder, Brandstifter, Menschenfeind. Oder Rebell, Künstler und Avantgardist? Forscher sehen den berüchtigten Kaiser von Rom heute in neuem Licht.

Von Robert Draper
Bilder Von Richard Barnes
Nero. Monster oder Genie?

Muttermörder, Brandstifter, Menschenfeind. Oder Rebell, Künstler und Avantgardist? Forscher sehen den berüchtigten Kaiser von Rom heute in neuem Licht. Wie war Nero wirklich?

Der Oppius-Hügel in Rom zählt heute nicht gerade zu den Vorzeigeplätzen der Ewigen Stadt. Eine mit Graffiti beschmierte Parkanlage, in der Jugendliche die Zeit totschlagen, ältere Leute mit ihrem Hund Gassi gehen und Obdachlose sich an Grillfeuern wärmen. Viele von ihnen wissen nicht, dass die Überreste eines der großartigsten Paläste, die Rom je gesehen hat, unter ihren Füßen liegen: Domus Aurea, das „Goldene Haus“, errichtet von Nero, dem vor allem wegen seines Größenwahns und seiner Grausamkeit in Verruf geratenen römischen Kaiser.

„Welch Künstler geht mit mir zugrunde!“, soll der Imperator gehaucht haben, als er – entmachtet und vom Senat zum Feind des Volkes erklärt – sich am Ende seiner 14 Jahre währenden Regentschaft im Jahr 68 n. Chr. mithilfe seines Sekretärs Epaphroditus einen Dolch in den Hals stieß. Sein prunkvolles Anwesen auf dem Oppius-Hügel über der Stadt war da womöglich noch gar nicht fertiggestellt. Die nachfolgenden Kaiser ließen den Palast entweder umgestalten oder links liegen. Im Jahr 104 n. Chr. riss Trajan die verbliebenen Palastmauern und Gewölbe ein, um an dieser Stelle seine berühmten Thermen zu bauen. In den folgenden 1400 Jahren geriet der verschüttete Palast dann völlig in Vergessenheit.

Um das Jahr 1480 begannen Ausgrabungen am Oppius-Hügel. Was die frühen Forscher dort fanden, hielten sie zu- nächst für die Ruinen der Titusthermen. Doch dann brach einer der Ausgräber im Gelände ein, landete in einem Loch voller Schutt und traute seinen Augen kaum, als er hochsah und über sich eine Decke mit prächtigen Fresken erblickte. Die Nachricht verbreitete sich durch ganz Italien. Große Künstler der Renaissance stiegen an der Einbruchstelle in das Gewölbe, um die sich wiederholenden Ornamentmotive zu studieren. Berühmte Maler wie Raffael, Pinturicchio und Giovanni da Udine reproduzierten sie später in Palästen und im Vatikan. In der Kunstgeschichte wurde für die Ornamentform aus feinem Rankenwerk, die man in den verschütteten, unterirdischen Sälen der Domus Aurea entdeckte, der Begriff „Groteske“ geprägt – abgeleitet vom italienischen Wort grotta („Höhle“).

Noch mehr Erstaunliches trat bald zutage: lange Säulengänge, die zu Neros Zeiten den Blick auf das Gelände freigegeben haben müssen, das damals eine weite Parklandschaft mit einem künstlichen See war. Spuren von Gold und Bruchstücke von Marmor aus Ägypten und Vorderasien, die einst Wände und Gewölbedecken zierten. Und ein prachtvoller achteckiger Speisesaal mit einer kühnen Kuppeldachkonstruktion, die schon sechs Jahrzehnte vor Hadrians architektonisch einzigartigem Pantheon vollendet wurde.

Im Jahr 2010 stürzte ein Teil der Decke ein, und die Domus Aurea wurde bis auf weiteres für Besucher geschlossen. Täglich kümmern sich seither Restauratoren um den Erhalt der Fresken und sanieren das Mauerwerk – unbemerkt von den Fußgängern im Park, acht Meter über ihnen. Der römische Architekt Luciano Marchetti leitete bis vor kurzem die Arbeiten am „Goldenen Haus“. Eines Morgens stand er in der Kühle des achteckigen Speisesaals unter der Erde, am östlichen Ende der Palastanlage. Im Licht seiner Taschenlampe bestaunte er eine weitere Entdeckung – die Kuppel über dem Oktogon. Sie schien zu schweben in der Luft, ohne sichtbaren Halt, mit einem Durchmesser von 15 Metern, von außen gestützt durch die Bogengewölbe der angrenzenden Räume.

Marchetti wirkt noch immer wie von Rührung geschüttelt, als er auf die selbsttragenden Bögen über den Türöffnungen zeigt. „Das ist Architektur auf höchstem Niveau. So etwas hat es vorher nicht gegeben“, sagt er. „Das Pantheon ist natürlich fantastisch. Aber seine Kuppel sitzt auf einem Zylinder, der Stein auf Stein gebaut wurde. Diese Kuppel wird von Konstruktionen gestützt, die man nicht sehen kann.“ Seufzend murmelt der Architekt eine lateinische Rede- wendung: Damnatio memoriae – „Verdammung des Andenkens“. Er meint das Schicksal des Palastes und die Leistungen des Mannes, der ihn erbaute. Beide sollten seinerzeit aus dem Gedächtnis der Nachfolgenden getilgt werden.

Südwestlich dieses Flügels der Domus Aurea, genau an der Stelle, an der sich Neros künstlich angelegter See befand, liegt das Kolosseum. Das weltberühmte Amphitheater wurde wenige Jahre nach Neros Tod von Vespasian errichtet. In der Antike wurde es Amphitheatrum Flavium genannt, nach den Kaisern der flavischen Dynastie. Seinen späteren Namen erhielt es offenbar aufgrund der mehr als 30 Meter hohen Bronzestatue Neros, dem „Koloss des Nero“, der bis etwa zum 4. Jahrhundert neben dem Amphitheater stand.

Im Westen des Kolosseums, auf dem Palatin, erstrecken sich die Ruinen der Kaiserpaläste. Im April 2011 eröffnete die Soprintendenza Speciale per i Beni Archeologici di Roma, die staatliche Aufsichtsbehörde für archäologische Ausgrabungen, auf dem Hügel eine Ausstellung zu Leben und Werk Neros. Zum ersten Mal waren hier die vielen architektonischen und kulturellen Errungenschaften des verpönten Kaisers zu sehen, es gab auch Zugang in eine kurz zuvor freigelegte Kammer, die viele für Neros sagenhafte Coenatio Rotunda halten: ein Speisesaal mit Ausblick auf die Albaner Berge, der sich angeblich drehen konnte. Der Besucherandrang war so groß wie nie zuvor bei einer Ausstellung der Soprintendenza.

„Er ist eben ein Kassenschlager“, sagt Roberto Gervaso, Autor des 1978 erschienenen biografischen Romans „Nerone“. „Über sein Leben wurden viele Filme gedreht, aber sie konnten es nicht lassen, ihn zu einer Karikatur zu verzerren. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen – er war ja von selbst schon so etwas wie eine Karikatur.“

Wir sitzen vor der Hostaria da Nerone, gerade einmal hundert Meter von der Domus Aurea entfernt. Das Restaurant ist eine der wenigen Einrichtungen in Rom, die sich trauen, den Namen des Kaisers zu tragen. „Er war ein Monster“, sagt Gervaso. „Aber eben nicht nur. Und die vor ihm und nach ihm waren auch nicht besser. Heute noch würden wir ihn zur Avantgarde zählen, er wäre seiner Zeit voraus.“ Aus diesem Grund habe er sein Buch über Nero geschrieben. „Weil ich ihn rehabilitieren wollte.“

Kann man das Ansehen eines Mannes korrigieren, der nach historischen Berichten den Mord an seiner ersten Frau Octavia in Auftrag gab, seine zweite Frau Poppaea Sabina zu Tode trampelte, als sie schwanger war, und seine Mutter, Agrippina die Jüngere, ermorden ließ (möglicherweise nachdem er mit ihr Sex hatte)? Vielleicht ermordete Nero auch seinen Stiefbruder Britannicus und befahl seinem Mentor Seneca, sich selbst zu töten (was dieser auch pflichtschuldig tat). Einen kaum 20 Jahre alten Jungen, der ihn an Poppaea Sabina erinnerte, ließ er kastrieren, bevor er ihn heiratete. Nero soll für den verheerenden Brand Roms im Jahr 64 n. Chr. verantwortlich gewesen sein, beschuldigte aber eine Schar Christen (darunter Petrus und Paulus), die man zusammentrieb, Hunden zum Fraß vorwarf oder kreuzigte und sie dann an­ zündete, um für die Beleuchtung eines kaiserliches Festes zu sorgen.

Es bleibt anscheinend wenig Raum dafür, Nero nicht als „Monsterkaiser“, als Verkörperung des Bösen zu sehen. Und doch ...

Als ziemlich sicher gilt, dass der römische Senat Neros Andenken aus politischen Gründen radikal auslöschen wollte. Nach seinem Tod hatte eine Welle öffentlicher Liebesbezeugungen das Land ergriffen, so mächtig, dass sein Nachfolger Otho hastig den Namen Otho Nero annahm. Trauernde brachten noch lange Blumen an Neros Grab. Und der Glaube hielt sich hartnäckig, dass der Kaiser eines Tages zu den Menschen, die ihn so liebten, zurückkehren würde. Auch die Macht des toten Nero war beeindruckend, und die Senatoren hatten genügend Gründe, diese Macht post mortem zu schmälern.

„Nero war ein Monster. Aber nicht nur ... Heute noch würden wir ihn zur Avantgarde zählen." - Robert Gervaso, Autor.

Tote schreiben nicht ihre eigene Geschichte. Neros erste Biografen, Sueton und Tacitus, unterhielten Verbindungen zum aristokratischen Senat, und natürlich setzten sie in ihren Schriften ein Mahnmal der Verachtung des toten Kaisers. Die Vorstellung von der Wiedergeburt Neros bekam auch in der christlichen Literatur einen bösen Beigeschmack, der sich in Jesajas Warnung vor der Ankunft des Antichristen aus­ drückte. „Und er wird aus seinem Firmament herabsteigen in der Gestalt eines Menschen, eines ungerechten Königs, eines Muttermörders.“ Das Bild blieb ohne Korrekturen. Noch Jahrtausende später folgten melodramatische Verurteilungen in Filmen über Nero: Ettore Petrolini verkörperte den Kaiser als lallenden Irren („Nerone“, 1930), Peter Ustinov prägte das Bild von Nero als feigem Mörder und Weichling, der zur Leier singt, während Rom in Flammen auf­ geht („Quo vadis?“, 1951).

Damnatio memoriae – Neros Vermächtnis wurde nicht ausgelöscht, er wurde dämonisiert. Ein Herrscher von unergründlicher Vielschichtigkeit war nun schlicht und einfach eine Bestie in Menschengestalt.

„Heute verurteilen wir sein Verhalten natürlich“, sagt die auf Archäologie spezialisierte Journalistin Marisa Ranieri Panetta. „Aber schauen Sie sich doch mal den christlichen Kaiser Konstantin an. Der hat seinen Erstgeborenen ermorden lassen, ebenso seine zweite Frau und seinen Schwiegervater. Es kann nicht der eine ein Heiliger sein und der andere ein Teufel. Und Augustus? Der hat mit seinen Schwarzen Listen eine ganze herrschende Klasse ausradiert. Rom ist in Blut geschwommen, aber Augustus hat es durch Propaganda geschafft, alle seine Taten zu rechtfertigen. Er hat verstanden, wie die Medien funktionieren. Also heißt es bis heute: Augustus war großartig.“
Ranieri Panetta gehört zu den engagierten und immer zahlreicheren Experten, die eine Neubewertung Neros fordern.

Nicht jeder ist davon begeistert. „Diese Rehabilitierung – dieser Versuch einer kleinen Gruppe von Historikern, aus Aristokraten Ehrenmänner zu machen – kommt mir ziemlich lächerlich vor“, sagt der römische Archäologe Andrea Carandini. „Da gibt es seriöse Wissenschaftler, die behaupten, der Brand von Rom sei nicht Neros Schuld gewesen. Aber wie hätte er denn ohne das Feuer die Domus Aurea bauen können? Ob er das Feuer nun gelegt hat oder nicht: In jedem Fall hat er davon profitiert.“

Es lohnt sich, Carandinis Logik – Nero hat von dem Feuer profitiert, also hat er es verursacht – genauer unter die Lupe zu nehmen, denn das verheerende Flammenmeer, das zehn von 14 Bezirken Roms zerstörte, ist entscheidend für die Legendenbildung um Nero. „Selbst Tacitus, der große Ankläger Neros, schreibt, niemand wisse, ob der Brand gelegt wurde oder zufällig ausbrach“, entgegnet Ranieri Panetta.

Zu Neros Zeiten waren die römischen Gassen sehr eng, die oberen Stockwerke der zumeist hohen Häuser aus Holz. Die Römer brauchten Feuer, um zu kochen, zu heizen und nachts Licht in ihren Wohnungen zu haben. Und so wüteten während der Herrschaft fast aller Kaiser Feuersbrünste in der Stadt. Außerdem war Nero gar nicht in Rom, als der Große Brand ausbrach, sondern eilte aus seinem Geburtsort Antium, dem heutigen Anzio, herbei. Es stimmt wohl tatsächlich, dass er gern sein Lieblingsinstrument, die Kithara, zupfte, doch erst eineinhalb Jahrhunderte nach dem Brand berichtete ein gewisser Cassius Dio, Nero habe auf seiner Leier gespielt, während er zusah, wie die Stadt den Flammen zum Opfer fiel.

Tacitus war zehn Jahre alt, als Nero starb, er schrieb später, der Kaiser habe nach dem Brand befohlen, den Obdachlosen Unterschlupf zu gewähren, und er habe denen, die in der Lage waren, die Stadt schnell wieder aufzubauen, als Anreiz Geld geboten. Außerdem habe er Brandschutzvorschriften erlassen und durchgesetzt und dann habe er die verhassten Christen zusammengetrieben, sie verurteilen und kreuzigen lassen. Die verkohlten Überreste der Gegend zwischen Palatin und Esquilin bestimmte er nach dem Brand zum künftigen Standort seines „Goldenen Hauses“ und beschlagnahmte den Grund und Boden.

„Was ist schlimmer als Nero?“, schrieb der Dichter Martial, ein Zeitgenosse des Kaisers. Um in der nächsten Zeile fortzufahren: „Was ist großartiger als Neros Thermen?“

Im Jahr 2007 ließ die Archäologin Fedora Filippi in Vorbereitung einer neuen U­Bahn­Linie durch das Zentrum Roms direkt unter dem viel befahrenen Corso Vittorio Emanuele II Grabungen durchführen. Dabei entdeckte sie den Sockel einer Säule. Sie ließ weitergraben und stieß unter einem Gebäude aus der Zeit Mussolinis an der Piazza Navona auf einen Säulengang und nicht weit davon entfernt auf den Rand eines Schwimmbeckens.

Es dauerte mehr als ein Jahr, bis sie auf der Grundlage geologischer Analysen und der Durchsicht historischer Texte zu dem Schluss kam, dass sie das Gymnasium Neronis, die riesige öffentliche Sportanlage, gefunden hatte, die der Kaiser einige Jahre vor dem Großen Brand hatte anlegen lassen. Die Pläne für den Bau der U­Bahn­Station an dieser Stelle wurden umgehend fallengelassen. Auch die Grabungen wurden eingestellt. Außerhalb der akademischen Welt zollte man Filippis wichtiger Entdeckung aber nur wenig Aufmerksamkeit.

„Das Gymnasium Neronis war Teil des großen Wandels, den Nero nach Rom brachte“, sagt Filippi. „Er führte das Konzept der griechischen Kultur ein – und die Idee von physischer und intellektueller Erziehung der Jugend, die sich bald im ganzen Imperium verbreitete. Zuvor waren solche Anlagen der Aristokratie vorbehalten. Hier aber konnten Reitersleute genauso wie Senatoren hingehen, alle waren gleich.“

Nero schlug wie eine Bombe in die instabile Gesellschaftsordnung ein. Trotz seiner Blutsverwandtschaft mit Augustus mütterlicher- und väterlicherseits schien er alles andere als römisch zu sein: blond, blauäugig, sommersprossig, mit eher künstlerischer als kriegerischer Begabung.

Seine ehrgeizige und durchtriebene Mutter Agrippina die Jüngere wurde beschuldigt, die Ermordung ihres Bruders Caligula geplant zu haben, später vergiftete sie vermutlich ihren dritten Gatten Claudius. Nachdem sie den Philosophen und Schriftsteller Seneca zum Mentor ihres jungen Sohnes bestimmt hatte, erklärte Agrippina Nero für würdig, die Thronfolge anzutreten, was er kurz vor seinem 17. Geburtstag im Jahr 54 n. Chr. auch tat. Wer wissen möchte, was die Mutter damit bezweckte, findet die Antwort auf Münzen aus jener Zeit, auf denen das Gesicht der Mutter genauso groß dargestellt ist wie das des Teenager-Kaisers.

Neros frühe Regentschaft war eine Zeit der Blüte. Er machte Schluss mit den unter seinem Vorgänger Claudius üblichen Geheimprozessen und sprach Begnadigungen aus. Wenn er ein Todesurteil unterschrieb, soll er gestöhnt haben: „Wie ich mir wünschte, niemals schreiben gelernt zu haben!“ Er veranstaltete Arbeitsessen mit Dichtern – vielleicht, so spekulierte man, um ihnen ihre Verse zu stehlen – und übte sich eifrig in Leierspiel und Gesang, obwohl seine Stimme nicht die allerbeste war.

„Er war vor allem ganz besessen von dem Wunsch nach Beliebtheit“, schrieb sein Biograf Sueton. Doch Edward Champlin, Althistoriker in Princeton, sieht Neros Persönlichkeit differenzierter. In seinem Buch „Nero“, das die bisherige Sicht auf den Kaiser infrage stellt, beschreibt Champlin seinen Protagonisten als „einen unermüdlichen Künstler und Darsteller, der zufällig auch Kaiser von Rom war“, und als „einen PR-Mann, der seiner Zeit voraus war und ganz genau wusste, was die Leute wollten, oft bevor sie selber es wussten“.

Nero führte zum Beispiel nach griechischem Vorbild die „Neronia“ ein – Wettspiele in Dichtung, Musik und Sport. Doch was bei den Massen ankam, gefiel nicht unbedingt den römischen Eliten. Als Nero schließlich darauf bestand, dass Senatoren sich gemeinsam mit Bürgerlichen in öffentlichen Spielen messen sollten, begann es in seinem Reich zu brodeln.

„Es war etwas Neues, so wie bei den jungen Leuten heute Social Media, wo plötzlich alles Persönliche öffentlich wird“, sagt der deutsche Archäologe Heinz-Jürgen Beste. „Nero war ein Künstler, der Inbegriff des Wandels. Nehmen wir seine Bäder: Da schuf er etwas, das niemand je zuvor gesehen hatte, einen lichtdurchfluteten öffentlichen Raum. Nicht nur für die Körperhygiene, es gab auch Statuen, Gemälde und Bücher, man konnte verweilen und jemandem zuhören, der Gedichte vortrug. Das war eine vollkommen neue soziale Situation.“

Neben seiner Sportanlage gehörten zu den öffentlich zugänglichen Bauprojekten des jungen Kaisers ein Amphitheater, ein Fleischmarkt und der Plan für einen Kanal, der die Hafenstadt Pozzuoli bei Neapel mit Roms Seehafen Ostia verbinden und eine sichere Versorgung der Stadt gewährleisten sollte.

Derartige Projekte kosteten Geld, das römische Kaiser gewöhnlich durch die Plünderung anderer Länder heranschafften. Doch Nero führte keine Kriege. Er hatte sogar Griechenland befreit und die Griechen aufgrund ihrer kulturellen Errungenschaften von Steuerzahlungen befreit. Er entschied sich, die reichen Römer mit Grundsteuern zu schröpfen und deren Land für sein Kanalprojekt kurzerhand zu beschlagnahmen. Der Senat verweigerte seine Zustimmung.

Nero tat, was er konnte, um die Senatoren zu umgehen. „Er dachte sich falsche Beschuldigungen aus, um irgendeinen reichen Mann vor Gericht zu bringen und ihm eine saftige Geldstrafe aufzubrummen“, erzählt Beste. So machte Nero sich rasch Feinde, allen voran seine Mutter Agrippina. Dass sie ihren Einfluss auf den Sohn verloren hatte, passte ihr gar nicht. Sie soll Pläne geschmiedet haben, ihren bald volljährigen Stiefsohn Britannicus als rechtmäßigen Thronerben einzusetzen. Ein weiterer Feind Neros war inzwischen sein früherer Ratgeber Seneca, der angeblich an einem Mordkomplott gegen den Kaiser beteiligt war.

Mutter, Stiefbruder und Mentor – im Jahr 65 n. Chr. lebte keiner von ihnen mehr. Nero durfte jetzt Nero sein. Doch nun folgte auf die sogenannten guten Jahre seiner Regentschaft, jene Zeit, in der sich Nero, wie die Oxforder Historikerin Miriam Griffin schreibt, „mehr und mehr in einer Fantasiewelt“ verirrte – bis die Wirklichkeit über ihm zusammenstürzte.

In der immer noch großartigen, aber heute von der Wirtschaftskrise gezeichneten Stadt Rom kann es durchaus interessant sein, mit Wissenschaftlern und Politikern über die julisch­claudische Dynastie zu diskutieren, die Augustus begründet hatte und die mit Nero endete. Man ist versucht, Neros Größenwahn mit der grandiosen Selbstinszenierung eines jüngst gestürzten italienischen Spitzenpolitikers zu vergleichen.

„Nero war ein Narr und größenwahnsinnig; aber ein Narr kann auch anziehend und interessant sein“, sagt Professor Carandini. „Seine Idee, die sich sämtliche Demagogen nach ihm zu Eigen machten, lag darin, dass er die Massen umwarb. Er machte ein Riesentheater, um die ganze Stadt in seine Domus Aurea einzuladen, und zog eine gigantische Show ab. Das ist Fernsehen! Silvio Berlusconi tat genau dasselbe. Er benutzte die Medien, um die Plebejer zu erreichen.“

Der frühere Bürgermeister von Rom und Italiens ehemaliger Minister für Kultur und Umwelt, Walter Veltroni, weist den Vergleich zwischen Nero und dem skandalgeschüttelten Ex­Premier zurück. Seine Begründung: Letzterem fehle vollkommen Neros Lust an Kultur und Intellektualität. „Berlusconi hatte überhaupt kein Interesse an Archäologie – das Wort existierte für ihn nicht einmal“, sagt Veltroni, der 2008 ebenfalls für das Amt des Ministerpräsidenten kandidiert hat und von Berlusconi geschlagen wurde.

„Für mich dagegen ist die Domus Aurea der schönste Platz in der Stadt, der geheimnisvollste, an dem sich verschiedene Epochen miteinander verbinden. Als ich Ende der neunziger Jahre Kulturminister war, habe ich Martin Scorsese dort herumgeführt. Er war unglaublich beeindruckt. Auch Ian McEwan habe ich die Domus Aurea gezeigt – er hat in seinem Roman ‚Saturday‘ darüber geschrieben.“

Die Palastanlage war wie eine Bühne konzipiert. Wald, Seen und Promenaden blieben für alle zugänglich. Doch ein Drittel Roms wurde nun von einer einzigen Person beansprucht. Ein Skandal. „Nicht nur weil alles so luxuriös war, schließlich gab es seit Jahrhunderten Paläste überall in Rom. Es war die schiere Größe“, sagt Neros Biografin Ranieri Panetta. Bald schon tauchten in der Stadt Parolen an den Wänden auf, gewissermaßen als Graffiti: „Römer, es gibt keinen Platz mehr für euch, ihr müsst nach Veio gehen.“ Die Bürger wurden vertrieben in die Nachbarstadt? Ja, ein Skandal.

Was die Domus Aurea letztlich ausdrücken sollte, war die grenzenlose Macht eines Mannes, und das begann schon mit den Baumaterialien. „Diese Masse an Marmor wurde nicht nur verwendet, um den Reichtum zur Schau zu stellen“, sagt Irene Bragantini, Expertin für römische Malerei. „Der farbige Marmor kam aus dem ganzen Imperium – aus Kleinasien, Afrika und Griechenland. Nero zeigte damit auch, dass er nicht nur die Menschen kontrolliert, sondern auch ihre Ressourcen. Wie ich es sehe, gab es in der Zeit Neros erstmals eine riesige Kluft zwischen der Mittel- und der Oberschicht, weil nur der Kaiser die Macht hatte, Marmor zuteilen zu lassen.“

„Nero umwarb die Massen, er zog eine gigantische Show ab. Berlusconi tat genau dasselbe." - Andrea Carandini, Archäologe.

Ein Paradoxon prägte nun Neros Regentschaft. Er war eine Art Chefunterhalter für das Volk, doch zugleich verhielt er sich immer hoch- herrschaftlicher. „Während er vom Senat abrückte und versuchte, dem Volk näherzukommen, konzentrierte er seine Macht wie ein ägyptischer Pharao“, erklärt Ranieri Panetta. „Er war völlig isoliert, wie in einem Kokon, und man musste durch unzählige Schichten, um an ihn heranzukommen“, sagt Beste. So sieht es auch Alessandro Viscogliosi, Professor für griechische und römische Architektur, der ein bemerkenswertes digitales 3-D-Modell der Domus Aurea erstellt hat: „Er wollte den Menschen nahe sein, aber als ihr Gott, nicht als ihr Freund.“

Als ich in der Casa Bleve, einer Enoteca in der Nähe der Piazza Navona, zu Abend esse, bietet mir der Geschäftsführer an, mit ihm in den Weinkeller zu kommen. Die Regale mit Barolo und Chianti drängen sich zwischen die steinernen Überreste eines antiken Hauses, das hier mal stand. Später erzähle ich der Archäologin Filippi davon. „Alles in dieser Gegend gehörte zum Marsfeld“, sagt sie über dieses ewige Stück Rom. „Hier hat Nero gebaut.“

Entdeckungen über diesen Kaiser werden zufällig gemacht – von Menschen, die U-Bahn-Tunnel graben, von Leuten, die ihre Keller renovieren. Andernfalls würde die großartige neronische Architektur unter Jahrhunderten römischer Geschichte verschüttet bleiben.

Im gesamten Gebiet des ehemaligen römischen Imperiums gibt es nur einen Ort, der Nero bis heute ehrt: Anzio am Tyrrhenischen Meer. Hier wurde Nero geboren, und hier besaß er eine weitere Villa, die heute größtenteils unter Wasser liegt. Zahlreiche Artefakte aus der Anlage sind im örtlichen Museum untergebracht. Anzios Bürgermeister Luciano Bruschini erklärte 2009, dass er eine Statue des berühmt-berüchtigten Sohnes der Stadt in Auftrag geben wolle. 2010 wurde das Standbild enthüllt. Heute steht es am Meer. Es ist eine recht beeindruckende Darstellung des Kaisers mit Anfang 20, etwa zwei Meter groß, in seine Toga gekleidet, auf einer Säule stehend. Mit ausgestrecktem rechten Arm zeigt er auf das glitzernde Wasser. Auf der Tafel am Sockel steht der Herrscher- name auf Italienisch – Nerone Claudio Cesare Augusto Germanico – und das Datum der Geburt im damaligen Antium am 15. Dezember 37 n. Chr. Darunter steht: „Während seiner Herrschaft erfreute sich das Imperium einer Zeit des Friedens, großer Pracht und wichtiger Reformen.“

„Er nahm von den reichen Senatoren und gab den Armen. Er war der erste Sozialist!" - Luciano Bruschini, Bürgermeister.

„Als ich ein kleiner Junge war, bin ich zwischen den Ruinen der Villa geschwommen“, erzählt mir Bürgermeister Bruschini an einem Morgen in seinem Büro mit Meerblick. „Uns Kindern hat man beigebracht, dass er böse war, dass er zu den schlimmsten Kaisern überhaupt gehört hat. Ich habe ein bisschen recherchiert und bin zu einem anderen Ergebnis gekommen: Für mich ist Nero ein guter, sogar ein großartiger Kaiser, vielleicht der beliebteste des ganzen Imperiums gewesen.“ Ein großer Reformer. „Er nahm von den reichen Senatoren und gab den Armen. Er war der erste Sozialist!“

Bruschini ist selber ein stolzer Sozialist. Lächelnd fährt er fort: „Nach meiner Wahl habe ich beschlossen, mich um die Rehabilitierung von Nero zu kümmern. Wir haben überall Plakate geklebt, darauf stand: ‚Anzio, die Stadt Neros‘. Manche Leute haben zu mir gesagt: ‚Aber Herr Bürgermeister, er hat doch viele Christen umgebracht.‘ Ich habe ihnen gesagt: ‚Nur wenige – nicht zu vergleichen mit den Tausenden von Christen, die von späteren Kaisern getötet worden sind.‘“ Heute ist Neros Statue die am meisten fotografierte Sehenswürdigkeit in der Stadt. Im Sommer versammeln sich dort riesige Menschenmengen.

Manchmal, so erzählt mir der Bürgermeister, mache er einen Spaziergang zur Statue und mische sich unter die Touristen. Ab und zu hört er, wie sie die Worte auf der Gedenktafel vorlesen – „... einer Zeit des Friedens, großer Pracht und wichtiger Reformen“ –, und dann murmeln sie: „Was für ein Quatsch!“

Das sind jene Leute, meint Bruschini, die auch an dieses Märchen glauben, dass Nero auf der Leier spielte und tatenlos zusah, wie Rom niederbrannte. Diese Leute würden niemals die Tragödie seines Endes verstehen: ein in die Enge getriebener Herrscher auf der Flucht, von Verrätern überredet, sich nicht nach Anzio oder Ägypten zurückzuziehen, sondern in eine Villa nördlich von Rom, verfolgt von Feinden und verzweifelt, weil er weiß, dass ihm nur eine Wahl bleibt: die Art seines Todes.

Aber heute ist der junge König wieder heim- gekehrt nach Anzio. Und er umgibt sich wieder mit den Massen.

 

(NG, Heft 02 / 2015, Seite(n) 48 bis 70)

Galerie ansehen
Wei­ter­le­sen