Die letzten Völker des Amazonas

Warum uns ihr Schicksal nicht gleichgültig sein darf.Freitag, 26. Oktober 2018

Von National Geographic-Magazin
Bilder Von Charlie Hamilton James

Wie sollen wir umgehen mit letzten Gruppen von Menschen, die in der Amazonasregion oder im Dschungel von Papua ohne Kontakt zu unserer Zivilisation leben? Menschen in archaischen Gemeinschaften, die jagen und sammeln und deren Sprache jeweils nur noch von ein paar Hundert Stammesangehörigen gesprochen wird. Es gibt zu dieser Frage zwei mögliche Haltungen, die sich leider gegenseitig ausschließen: Entweder haben wir eine Verpflichtung, diese Völker in Ruhe zu lassen, sie nicht zu gefährden durch einen erzwungenen Zeitsprung von der Steinzeit ins 20. Jahrhundert. Oder aber wir haben die moralische Pflicht, ihnen die Segnungen der Zivilisation, besonders der Medizin, zugänglich zu machen. Eine perfekte Lösung für das Dilemma gibt es nicht. Man muss sich auf eine Seite schlagen. Interessant ist die Geschichte eines Mannes, der schon auf beiden Seiten war: Sydney Possuelo, ehemals Leiter der brasilianischen Indianerbehörde Funai, hat jahrelang versucht, solche Völker behutsam zu kontaktieren. Hat ihnen Spiegel gezeigt und Videos von unvorstellbar großen Städten. Hat sie gewarnt, dass die Welt außerhalb des Waldes sie „verschlucken“ kann, wenn man sich ihr arglos ausliefert. Und dann hat er seine Meinung radikal geändert und ist zum Gegner aller erzwungenen Kontakte geworden: „In 500 Jahren Geschichte ist bei keinem von tausend Stämmen eine kulturelle Annäherung gut verlaufen.“ Unsere Reportagen aus Brasilien und Peru in diesem Heft zeigen aber, dass es in dem Dilemma längst eine weitere Komponente gibt: Holzfäller und Glücksritter dringen immer näher an die letzten Refugien heran. Behutsamkeit steht nicht auf ihrem Plan, wer ihnen im Weg steht, wird drangsaliert. Welche moralische Verpflichtung haben wir jetzt?

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