Geschichte und Kultur

Allein unter allen: Japans soziale Einsiedler

Inmitten der überfüllten Städte leben Hunderttausende Menschen völlig isoliert. „Mietgeschwister“ helfen den Betroffenen aus der Einsamkeit. Dienstag, 15 Januar

Von Laurence Butet-Roch
Bilder Von Maika Elan

In Japan, so hat es die Fotografin Maika Elan beobachtet, „gibt es immer zwei entgegengesetzte Seiten. Es ist sowohl modern als auch traditionell, betriebsam und sehr einsam. Die Restaurants und Bars sind immer voll, aber wenn man genau hinsieht, essen die meisten Besucher dort allein. Und in den Straßen, egal zu welcher Uhrzeit, sieht man erschöpfte Büroangestellte.“

Das Gegenstück zu jenen Menschen, die mitten in der Öffentlichkeit ihr einsames Leben führen, könnten die Menschen sein, die sich für ein zurückgezogenes Leben entschieden haben. Sie werden Hikikomori genannt. Sie sind meist männlich und haben seit mindestens einem Jahr nicht aktiv an der Gesellschaft teilgenommen oder zumindest keinerlei Interesse daran gezeigt. Zumeist kümmern sich ihre Eltern um sie. Bei einer Erhebung, die 2016 von der japanischen Regierung durchgeführt wurde, ergab sich eine Ziffer von 540.000 Betroffenen in der Altersgruppe der 15- bis 39-Jährigen. Die Dunkelziffer mag gut und gern doppelt so hoch sein. Da viele von ihnen es vorziehen, im Verborgenen zu bleiben, sind sie ungezählt.

Die Vietnamesin Elan hat zum ersten Mal von den Hikikomori gehört, als sie sechs Monate in einer Künstlerresidenz in Tokio verbrachte. Sie freundete sich mit einer Japanerin namens Oguri Ayako an, die für New Start arbeitet. Die gemeinnützige Organisation versucht, Hikikomori aus ihrer Isolation herauszuholen.

Auf Bitten der Eltern hin – und für etwa 8.000 Dollar pro Jahr – nehmen Frauen wie Ayako regelmäßig Kontakt zu den Hikikomori auf. Anfangs schreiben sie nur Briefe. Der Prozess zieht sich über Monate, während der Betroffene sich von kleinen Schritten hocharbeitet – vom Öffnen des Briefes über das Beantworten bis zu Telefongesprächen. Später folgen Gespräche durch die geschlossene Tür, bevor Ayako auch im selben Zimmer mit dem Betroffenen sprechen kann. Viele weitere Treffen sind nötig, bis er mit ihr zusammen seine Wohnung verlässt. Das letztendliche Ziel ist es, dass er im Wohnheim von New Start wohnt und dort am Jobtrainingsprogramm teilnimmt.

Ayako, deren Rolle als „Mietschwester“ sich am ehesten mit der einer Sozialarbeiterin vergleichen lässt, sagt von sich, dass sie in ihrer zehnjährigen Karriere zwischen 40 und 50 Menschen aus ihrer Isolation geholfen hat.

Elan begleitete Ayako zu ihren Besuchen bei elf verschiedenen Hikikomori. Nach den ersten fünf oder sechs Treffen durfte sie anfangen, Fotos zu machen. „Zuerst dachte ich, dass sie einfach nur faul und selbstsüchtig sind“, gibt sie zu. Aber mit der Zeit lernte sie sie kennen und verstand nicht nur, wie aufmerksam und nachdenklich sie sind. „Es gibt so viele Menschen, die einfach bis zur Erschöpfung arbeiten. Auf gewisse Weise rücken die Hikikomori Japan wieder ins Gleichgewicht.“

Das Phänomen mag es zwar nicht nur in Japan geben, aber dort scheint es besonders akut zu sein. Elan zählt viele mögliche Gründe dafür auf: die steigende Zahl von Familien mit nur einem Sohn, in den sie all ihre Träume und Hoffnungen legen; die fehlenden männlichen Vorbilder, da die Väter Tag und Nacht arbeiten; fortbestehende Geschlechterrollen, in denen dem männlichen Familienoberhaupt oft die volle Verantwortung für das ökonomische Wohl der Familie obliegt – um nur ein paar zu nennen.

Eine andere mögliche Erklärung findet sich in der kulturellen Verschiebung des Landes von einer sehr kollektiven Gesellschaft hin zu einer individualistischen – insbesondere bei den jüngeren Generationen, die immer neue Wege suchen, um ihrer Individualität Ausdruck zu verleihen. „In Japan, wo Einheitlichkeit noch immer wertgeschätzt wird, haben der Ruf und die äußere Erscheinung Priorität. Rebellion zeigt sich da eher in stillen Formen wie bei den Hikikomori“, sagt sie.

„Je länger die Hikikomori von der Gesellschaft getrennt leben, desto mehr werden sie sich ihres sozialen Versagens bewusst“, erklärt Elan. „Sie verlieren jegliches Selbstwertgefühl, das ihnen noch geblieben ist, und die Vorstellung, das Haus zu verlassen, wird immer furchterregender. Wenn sie sich in ihrem Zimmer einschließen, fühlen sie sich ‚sicher‘.“

Elan will ihr Fotoprojekt weiterführen und sich dabei stärker auf die Mietschwestern konzentrieren. Diese Frauen, die für die Hikikomori am Anfang nur Fremde sind, könnten letztendlich die Lösung für ihr Problem sein. Bestes Beispiel: Elan erfuhr 2018, dass einer der Hikikomori, die sie fotografiert hat – Ikuo Nakamura –, sich in seine Mietschwester Oguri Ayako verliebt hat. Die beiden wollen heiraten – und Nakamura möchte ein Mietbruder werden und anderen Menschen in seiner Lage helfen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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