Geschichte und Kultur

Die rätselhaften Vorfahren der Inka

Vor fast 600 Jahren töteten die Chimú im heutigen Peru 269 Jungen und Mädchen. Wer waren dieses Volk und die Kulturen, die vor ihnen über einen großen Teil Südamerikas herrschten?Montag, 11. Februar 2019

Von Andrea Henke
Ein Kopfschmuck aus Papageienfedern bedeckt den Schädel eines geopferten Kindes mit schulterlangem Haar. Der aufwendige Schmuck deutet laut Forschern darauf hin, dass das junge Opfer wohl aus einer höhergestellten Familie stammte.

Das Reich der Chimú war groß: Es erstreckte sich über 1000 Kilometer von der nördlichen Grenze des heutigen Peru bis zu dessen zentraler Küste. Die Hauptstadt Chan Chan gehörte zu ihrer Blütezeit im 15. Jahrhundert zu den größten Städten Amerikas – bis zu 30 000 Menschen lebten hier.

In der Geschichte Südamerikas sind die Chimú zeitlich zwischen den bekannteren Moche und den Inka angesiedelt. Sie hinterließen keine schriftlichen Aufzeichnungen. Unser Wissen über ihr Reich stammt aus archäologischen Funden und im Nachhinein verfassten spanischen Chroniken. Wie komplex die politische und hierarchische Organisation ihres Staates war, spiegelt sich aber in den gut erforschten Ruinen von Chan Chan wieder. Die nur aus Schilf, Lehmziegeln und Holz errichtete Hauptstadt bestand in ihrem Kern aus zehn Palästen mit Innenhöfen, Audienzsälen, Räumen verschiedener Größe und Funktion, Wasserreservoiren und Begräbnisplattformen. Die Paläste waren über Höfe, Rampen und Korridore miteinander verbunden. Um sie herum befanden sich Karawansereien und die Häuser der Handwerker. Bauern und Fischer lebten außerhalb der Stadtmauern.

Die Gesellschaft der Chimú entwickelte sich in einer ungewöhnlich langen Trockenperiode. Dass dies gelingen konnte, hängt wohl mit einem ausgeklügelten Bewässerungssystem zusammen, das die Menschen damals für die Landwirtschaft nutzten. Die unmittelbare Nachbarschaft zur Küste garantierte die Versorgung mit Fisch und Meeresfrüchten – offenbar deshalb finden sich auf Reliefs und in der Handwerkskunst der Chimú Fische, Seevögel, Wellen und Regenbogen. Bei ihren theokratischen Vorgängerkulturen, den Tiwanaku und Moche sowie den älteren Gesellschaften der Wari und Sicán, waren Preziosen und Gebrauchskunst anders verziert; bei ihnen  dominieren Götterfiguren.

Die Chimú waren begabte Schmiede: Ihre Gold- und Silberarbeiten zählen zu den komplexesten der Andenkulturen.  Erlernt haben die Chimú ihre Kunst unter anderem von den Sicán (ca. 700 bis 1375 n.Chr.). Nach der Eroberung von deren Reich an der nördlichen Küste Perus im 14. Jahrhundert siedelten sie die Goldschmiede nach Chan Chan um und ließen sie für sich arbeiten. Die Sicán waren berühmt für ihre Becher aus einem einzigen Stück Gold oder Silber, noch mehr für ihre gewaltigen Pyramiden. Die größte bei Túcume im Norden Perus ist aus geschichteten Tonziegeln gebaut. Ihre Grundfläche umfasst 700 mal 280 Meter, damit ist sie größer als die Cheopspyramide, wenn auch mit heute 30 Metern Höhe nicht so hoch. In ihrer Nähe finden sich noch etwa 250 weitere Pyramiden, davon 25 große für religiöse Zwecke.

Die wichtigste Vorgängerkultur der Chimú waren die Moche (etwa von Beginn unserer Zeitrechnung bis 650 n.Chr.). Sie waren Könner in der Metallverarbeitung, der Keramik- und Goldschmiedekunst. Die Moche siedelten in mehreren Zentren verteilt im nördlichen Peru, auf einem schmalen Streifen zwischen Atlantik und Anden – dort, wo später die Chimú lebten. Ihre grandiosen Bewässerungsanlagen brachten Wasser über Kanäle und Aquädukte aus dem Hochland in die Küstenregion. So konnten die Bauern in einer wüstenartigen Landschaft fruchtbare Felder anlegen, auf denen Tropenfrüchte, Kürbis, Kartoffeln, Mais und Bohnen wuchsen. Die Moche betrieben innerhalb ihres Reichs intensiven Handel mit Rohstoffen wie Wolle, Muscheln und Lapislazuli, die einzelnen Siedlergruppen beeinflussten einander kulturell und politisch. An der Spitze der Gesellschaft standen religiöse Führer, die sich von den Handwerkern und Bauern sowie Fischern abhoben.

Der Anfang vom Ende der Moche-Periode kam mit dem „El Niño“-Phänomen, das über Jahrzehnte zu heftigen Wetterschwankungen führte. Felder, die zunächst überschwemmt waren, verdorrten später bei anhaltender Dürre. Hinzu kam, dass sich zwei neue Machtzentren im zentralen und südlichen Andenhochland bildeten; die Kultur der Moche wurde zusehends destabilisiert. Die Tiwanaku und die Wari verdrängten sie schließlich und wurden von etwa 650 bis 1000 n.Chr. zu den neuen Herrschern der Anden.

Das Reich der Tiwanaku lag im Andenhochland, im heutigen Dreiländereck von Peru, Bolivien und Chile. Seine gleichnamige Hauptstadt am Südostufer des Titicacasees auf 4000 Metern Höhe war auch ein mächtiges religiöses Zentrum. Etwa 30 000 Einwohner lebten dort während der Hochphase um 800 n.Chr. An sich ist Ackerbau auf frostigen 4000 Metern fast unmöglich, aber die Tiwanaku entwickelten ein Grabensystem zur Bewässerung, das die Hochebene fruchtbar machte. Die Sonne erwärmte das Wasser tagsüber und gab die Wärme nachts an die Umgebung ab; so waren die Pflanzen vor Frost geschützt.

Wie die Moche und die Tiwanaku konnten auch die Wari ihre Menschen mithilfe eines besonderen Bewässerungssystems gut versorgen. Ihr Zentrum in der Region des heutigen Ayacucho im zentralen Hochland Perus war von einem klug angelegten Netz von Kanälen durchzogen und mit 20 Quadratkilometern Fläche eine der größten Städte des vorkolumbischen Amerikas. Die Wari leiteten Gebirgswasser die Hänge hinunter, legten Terrassen für die Landwirtschaft an und züchteten besonders widerstandsstarkes und ertragreiches Getreide sowie Gemüse. Sie entwickelten auch eine Knotenschrift, Kipu genannt, mit dem Botschaften über große Entfernungen übermittelt werden konnten. Das Knotensystem wurde später von den Inka weiterentwickelt.

Eine seltene Darstellung der Chimú-Götterwelt ziert ein Textil, das im Grab reicher Chimú in Pampa la Cruz gefunden wurde. Der Stabgott, der normalerweise mit einem Stab in jeder Hand gezeigt wird, steht auf einem Sockel, umgeben von untergeordneten Gottheiten und Maiskolben. Darstellungen des Stabgottes gibt es schon bei früheren Andenkulturen.

Lamakarawanen der Wari und Tiwanaku transportierten Waren vom Hochland im Norden Perus über Bolivien bis nach Chile und Argentinien. Die Wari übernahmen manche  religiöse Vorstellungen der älteren Tiwanaku – Abbildungen der zentralen Gottheit, die als Stabträger dargestellt wird –, doch konkurrierten beide Völker auch und führten zeitweise Krieg gegeneinander. Vermutlich ließ eine um 950 n.Chr. beginnende und mehr als 200 Jahre andauernde Trockenzeit Wari-Tiwanaku innerhalb nur weniger Jahrzehnte in Regionalstaaten zerfallen. Der Chimú-Staat war einer der größeren unter ihnen.

Warum aber töteten die Chimú viele Generationen später, um 1450 n.Chr., ihre Kinder? Forscher vermuten, dass das Massenopfer an zwei Stätten eine verzweifelte Reaktion auf verheerende Überschwemmungen infolge des El-Niño-Phänomens war. Mit dem Tod der Kinder, ihres größten Schatzes, sollten die Götter besänftigt werden. Doch der grausame Schritt rettete die Chimú nicht. Um 1470 eroberten die Inka ihr Reich, töteten einen Teil der Elite und verschleppten andere Anführer und viele ihrer Handwerker in die eigene Hauptstadt Cusco. Die Inka ließen auch den Goldschatz der Chimú dorthin bringen. Als nur 60 Jahre später die Spanier die Inka innerhalb kürzester Zeit besiegten, schmolzen sie alles Gold ein – und vernichteten so auch viele Informationen über die Chimú, das legendäre Volk der Anden.

Lesen Sie auch die Reportage "Das ultimative Opfer" in Heft 2/2019 des National Geographic-Magazins.

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