Geschichte und Kultur

Das Ende einer Gemeinschaft

Immer mehr Nomaden im Iran tauschen das harte Leben in den Bergen gegen Sesshaftigkeit.
Vor allem die Frauen zieht es in die Städte. Donnerstag, 28. März 2019

Von Thomas Erdbrink
Bilder Von Newsha Tavakolian
Shirin Khodadadi, 26, bereitet mit ihrem Sohn Tee zu. Die letzte Nacht musste die Familie an der Straße kampieren, weil sie mit dem Auto nicht weiterkamen.

Auf den Gipfeln des Zagrosgebirges liegt noch Schnee. Gewundene Straßen zeichnen Linien in Täler und Hänge. Es sind uralte Wege hier im Westen Irans, in Jahrtausenden ausgetreten von Füßen und Hufen auf den immer gleichen Wanderungen.

Im Frühjahr ziehen die Bachtiaren, ein nomadisches Volk im Iran, auf die kühlen Weiden des Zagros, wo ihre Schaf- und Ziegenherden reichlich Gras finden. Sind die Tiere zum Herbstende stark genug, um den Winter zu überstehen, kehren alle über die Gebirgspässe in die Ebenen der ölreichen Provinz Chuzestan zurück.

Die letzten Nomaden Irans machen sich meist nicht mehr zu Fuß oder auf dem Pferd auf den Weg. Autos und Miet-Lkw tragen Hirten und Herden hinauf ins Hochland nahe der Stadt Chelgard. Dort tauschten die Nomaden früher Neuigkeiten aus und nahmen dafür den Tagesmarsch von ihren Sommerweiden in Kauf. Heute besitzen sie Mobiltelefone – und klagen über schlechten Empfang.

Weil die mehr als eine Million Nomaden des Landes so abgeschieden leben, blieben sie lange fast unberührt von der Moderne. Auch ihre tief verwurzelten Traditionen und patriarchale Ordnung halten den Wandel fern. Trotzdem pflegen immer weniger Bachtiaren die alte Lebensweise. Aus unterschiedlichen Gründen: anhaltende Dürre, Sandstürme, Urbanisierung, mobiles Internet und besserer Zugang zu Bildung. Vor allem ältere Paare stellen heute ihre Zelte an den Flanken des Zagros auf. Sie wissen: Womöglich geht mit ihnen die Geschichte einer der größten noch existierenden nomadischen Gemeinschaften der Welt zu Ende.

In der Provinz Chuzestan hält Masoumeh Ahmadi, 14, die Schrotflinte ihrer Mutter. Nach der Heirat bekommen Bachtiaren-Frauen eine Schusswaffe – wenn Ehemann und Vater zustimmen. Viele Männer schenken ihrer Frau auch nach der Geburt des ersten Sohnes eine Waffe.

Während sich in der Ferne ein Gewitter zusammenbraut, kauert ein Paar in seinem Zelt. Dunkle Wolken treiben über das Tal, aus denen der Regen in breiten grauen Streifen fällt. Seit 200 Jahren zieht die Familie von Bibi Naz Ghanbari, 73, und ihrem Ehemann Nejat genau an diese Stelle. Früher waren Dutzende Verwandte dabei. Jetzt steht hier neben ihrem nur noch das Zelt eines entfernten Cousins. Im Winter hat es fast keinen Niederschlag gegeben, deswegen ist das Paar in diesem Jahr früher aufgestiegen. Doch die unerwartete Frühjahrskälte und der Regen machen den beiden zu schaffen, schon zweimal mussten sie ihr Zelt vor Gewitter retten. Keines ihrer acht Kinder ist gekommen. Der Akku von Bibi Naz Ghanbaris Handy ist leer, sie kann nicht einmal mit ihnen telefonieren.

„Die leben jetzt alle in der Stadt. Wozu habe ich sie überhaupt bekommen?“, sagt Ghanbari. Ihre Kinder haben ihre Herden verkauft, sie wollen lieber in einem richtigen Haus wohnen. „Was ist das für ein Leben?“, fragt die alte Frau und zeigt auf die Löcher im Zelt. „Letzte Nacht haben wir mit drei Decken geschlafen und trotzdem gefroren. Ich würde auch gern in einem Haus leben.“

Vor allem die Frauen der Bachtiaren plädieren für die Sesshaftigkeit. Ihr Leben ist hart. Zahra Amiri, 61, Mutter von neun Kindern, steht im Morgengrauen auf und holt Wasser von einem Brunnen. Dann backt sie Brot und bereitet das Frühstück vor. Oft hilft sie ihrem Mann mit den Schafen, melkt sie, macht Joghurt und Käse. Ihre Hände und ihr Gesicht sind von der Sonne dunkel gefärbt. Wenn noch Zeit ist, arbeitet sie an einem Kelim, einem kleinen Teppich. Für den Umzug ins Sommerdomizil reiste ihre Tochter Forouzan mit beiden Schwestern samt Pferd und acht Maultieren an, die das Zelt und die Habseligkeiten transportieren.

„Nach all den Jahren harter Arbeit habe ich nichts vorzuweisen, nur meine Kinder und die Sonne“, sagt Amiri. „Unsere einzige Freude ist Tee trinken.“ Im bachtiarischen Brauchtum verzichtet die Frau zugunsten ihrer Brüder auf ihre Erbschaft. Aber Frauen dürfen Pferde reiten und Waffen besitzen. Viele Männer halten es für eib, also unsittlich, selbst zu melken, Wasser zu holen oder eine Frau erben zu lassen. Die schwere Arbeit, der Mangel an Rechten und die Gewissheit, dass das Leben für andere iranische Frauen einfacher ist – all das hat zur Folge, dass es meistens zuerst die Frauen sind, die sich vom nomadischen Leben abwenden.

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Mahnaz Gheybpour, 41, ist vor zehn Jahren aus den Zelten ausgezogen. Jetzt pendeln sie und ihr Mann zwischen zwei einfachen Häusern, das eine in Chuzestan für den Winter, das andere in der Nähe von Chelgard für den Sommer. „Ich lasse meine Töchter keinen Nomaden heiraten“, sagt sie. „Unsere Lebensweise ist schrecklich. Ich möchte, dass sie in der Stadt wohnen und studieren.“

Gheybpour hat mit 16 geheiratet. „Ich war ein Kind.“ Ihre 17-jährige Tochter wolle keinen Ehemann. „Sie sagt immer: ‚Warum sollte ich mir das Leben so schwer machen wie du?‘“ Schwer ist es auch, weil seit 15 Jahren Dürre herrscht, die viele der großen Flüsse und Seen austrocknen ließ. Außerdem wird mehr gebaut: Neue Zäune, Straßen und Dämme versperren den Nomaden den Durchgang.

Am Rande der Ortschaft Lali, wo viele der ehemals nomadischen Bachtiaren heute in einfachen Wohnungen leben, rauchen Mehdi Ghafari und sein Freund Aidi Shams eine Wasserpfeife. Beim Sonnenuntergang erzählen sie von ihrer Vergangenheit auf den alten Wanderungen. Ihre Frauen seien jetzt zufriedener, berichten sie, und ihre Kinder gehen zur Schule. „Wir hatten keine Wahl, wir mussten uns anpassen“, sagt Ghafari.

Einer der letzten auf dem Berg, Nejat Ghanbari, 76, erinnert daran, dass die Nomaden von den präislamischen Königen Persiens abstammen: „Wir sind die Nachfahren des großen Kourosh Kabir“, des legendären Königs Kyrus dem Großen, der um 550 v. Chr. über ein ganzes Weltreich herrschte. „Wenn wir sterben, ist es das Ende der Nomaden. Der Gedanke macht mich traurig.“

Dieser Artikel wurde gekürzt. Lesen Sie die ganze Reportage in Heft 4/2019 des National Geographic-Magazins. Jetzt ein Abo abschließen!

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