Vertrauter fremder Süden

Unsere Autorin ist farbig und kommt aus dem weltoffenen New York. Auf einer Reiseroute zu Ehren der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung erlebt sie die amerikanischen Südstaaten. Donnerstag, 19. Dezember 2019

Die Limonade ist noch nicht fertig, Süße“, sagt die Kassiererin. „Aber wie wär’s mit Eistee?“ Es ist elf Uhr vormittags im Eagle’s Restaurant in Birmingham im US-Bundesstaat Alabama. Das grau verputzte Häuschen mit der roten Markise wirkt in seiner Winzigkeit ein wenig verloren in diesem trostlosen Industriegebiet im Norden der Stadt. In der kleinen Küche pressen einige Frauen Zitronen aus und gießen den Saft für die Limonade in eine große Schüssel.

Das einfache Lokal ist seit seiner Eröffnung im Jahr 1951 im Besitz derselben afroamerikanischen Familie. An den Wänden hängen verblasste Fotos von Sportlern und Politikern, die hier zu Gast gewesen sind. Es ist noch ein bisschen früh für das Buffet mit Klassikern aus der Südstaatenküche wie geschmortem Ochsenschwanz, Bohnenpfanne und glasierte Süßkartoffeln. Mein Vater und ich sind gerade erst zu unserem Roadtrip durch Alabama aufgebrochen, das vor mehr als einem halben Jahrhundert im Zentrum der Bürgerrechtsbewegung stand.

Mein Vater sitzt in einer der sechs Nischen des Lokals. Er hat die Brille auf die Stirn geschoben und studiert mit zusammengekniffenen Augen auf seinem Smartphone die Google-Karte, auf der unsere Strecke in Richtung Süden markiert ist: von Birmingham, mit gut 200000 Einwohnern die größte Stadt Alabamas, über das Örtchen Selma bis nach Montgomery, das in den Fünfzigerjahren Zentrum der schwarzen Bürgerrechtsbewegung wurde. Ich reise mit meinem Vater zum ersten Mal in den Deep South, den amerikanischen Südosten der USA.
Wir wollen die in Alabama liegenden historischen Stätten des Civil Rights Trail besuchen, der 2018, genau 50 Jahre nach der Ermordung von Martin Luther King, eröffnet wurde. Die Strecke zu Ehren der Bürgerrechtsbewegung führt durch 15 Bundesstaaten zu 130 Museen, Kirchen, Gerichtsgebäuden und anderen Orten, die für die Durchsetzung gleicher Rechte für Farbige in den USA von historischer Bedeutung sind.

Der Civil Rights Trail folgt auch der knapp 90 Kilometer langen Route von Selma nach Montgomery, die Demonstranten 1965 auf einem Protestmarsch für freies Wahlrecht entlanggingen. Er führt nach Montgomery, wo die farbige Näherin Rosa Parks einem Weißen ihren Sitzplatz im Bus verweigerte. In den Fünfzigerjahren trug Birmingham den Beinamen „Bombingham“, weil Rassisten dort wiederholt Anschläge auf die Wohnhäuser schwarzer Aktivisten und auf öffentliche Versammlungsorte wie die 16th Street Baptist Church verübten. In der Kirche wurden 1963 bei einem Bombenanschlag vier Mädchen getötet.

In Birmingham übernachten wir im 13-stöckigen Redmont, einem der ältesten Hotels in Alabama. Mir gefallen die hohen Decken, die Kristalllüster und die Portiers in ihren Uniformjacken. Aber die historischen Details erinnern mich auch daran, dass mein Vater und ich 1925, als das Redmont eröffnet wurde, hier kein Zimmer bekommen hätten. „Weißt du, dass Schwarze das Konzept des Bed-and-Breakfast erfunden haben?“, fragt mein Vater auf der Fahrt von Birmingham nach Süden ins knapp zwei Stunden entfernte Selma. Ich sehe ihn von der Seite an. „Im Ernst?“ – „Na ja, nicht ganz“, gibt er zu. „Es ist meine Theorie, weil wir ja nirgends übernachten konnten. Dafür gab es das Green Book.“

„The Negro Motorist Green Book“, so hieß es genau. Es war ein Reiseführer für afroamerikanische Autoreisende, herausgegeben vom New Yorker Briefträger Victor Hugo Green. Das Buch enthielt persönliche Empfehlungen von anderen Schwarzen. Die Leser erfuhren so, in welchen Restaurants sie eine warme Mahlzeit bekommen konnten. Falls das nächste Gasthaus, in dem Farbige willkommen waren, weit entfernt lag, waren viele auf kaltes Brathuhn angewiesen, das sie in einen Schuhkarton verpackt mit auf die Reise nahmen. Sie konnten auch nachschlagen, wo sie ihre Notdurft nicht am Straßenrand oder in einer mitgeführten „Pinkeldose“ verrichten mussten, sondern auf eine Toilette gehen durften – natürlich nur eine für Schwarze. Rastplätze waren tabu, ebenso wie bestimmte Gemeinden, in denen sich nach Einbruch der Dunkelheit kein farbiger Besucher sehen lassen durfte. Diese sogenannten Sundown Towns, so riet das „Green Book“, sollte man meiden.

Wir fühlen uns heute auf den Straßen von Alabama sicher. Aber wenn wir uns morgens auf den Weg machen, setzt mein Vater bewusst eine Mütze auf, die ihn als Veteran der US- Navy kenntlich macht. In Selma sind wir mit Thelma Dianne Harris verabredet. Die heute 69-Jährige hat hier als Schülerin an den Märschen teilgenommen, auf denen das Wahlrecht für Schwarze eingefordert wurde. Wir treffen sie an der Brown Chapel African Methodist Episcopal Church. Von hier aus machten sich die Demonstranten auf den Weg in die Hauptstadt Montgomery. In der Bürgerrechts-Ära diente die Kirche nicht nur als Ort für den Sonntagsgottesdienst, sondern auch als Zuflucht und als Zentrale, aus der heraus Demonstrationen geplant wurden.

Thelma Harris ist zierlich, hat eine sanfte Stimme und ein herzliches Lächeln. Gemeinsam fahren wir zur Edmund Pettus Bridge. „Ich erinnere mich noch ganz genau an diesen Tag“, erzählt sie. „Ich war 15.“ Sie meint den 7. März 1965, den „Bloody Sunday“. Etwa 600 Demonstranten versuchten auf ihrem Marsch, die Brücke zu überqueren. Sie wollten in Montgomery ihr Anliegen dem damaligen Gouverneur von Alabama, George Wallace, vortragen. Als sie die Edmund Pettus Bridge am Stadtrand erreichten, „wartete der Mob auf uns. Sie griffen die vorn marschierenden Demonstranten an und schlugen mit Baseballschlägern und Rohren auf sie ein. Die Luft war voll Tränengas“, erinnert sich Harris.

Sie war damals mit ihrem Bruder dabei. Sie rannten los, ein berittener Polizist hinter ihnen her, und sie flüchteten in die Kirche. Einschüchtern ließen sie sich nicht. Zwei Wochen später, am 21. März, überquerten die Bürgerrechtler schließlich erfolgreich die Brücke. Am 25. März erreichten sie Montgomery. Thelma Harris gehörte zu den 25000 Demonstranten, die sich dort versammelten.

Nicht weit entfernt liegt der malerische Old Live Oak Cemetery, der für seine großartige Landschaftsarchitektur bekannt ist. An der Kieseinfahrt zum Friedhof sehen wir fantastische, uralte Bäume, von denen zotteliges Louisianamoos herabhängt – und dazu auf jedem Grab eine ordentlich platzierte Südstaatenflagge, als Erinnerung an die „guten alten Zeiten“ der Rassentrennung. Rot flattern sie im Wind. Ich fühle mich wie in einem fremden Land. Kann man wirklich Traditionen wie diese von Rassismus trennen?

Die letzte Station auf unserem Roadtrip durch die Südstaaten ist Montgomery. Hier wollen wir mit Michelle Browder eine Rundfahrt machen. Die Malerin und Aktivistin ist in Alabama aufgewachsen. Wir klettern in ihren Golfcart und sausen zum historischen Viertel Court Square-Dexter Avenue. Dort erzählt sie uns von der bewegten Geschichte des Stadtteils: Vom Winter Building am Court Square wurde das Telegramm mit dem Befehl zum Angriff auf Fort Sumter geschickt – der Auslöser für den amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865. An der Ecke gegenüber wurde die Näherin Rosa Parks verhaftet. Am erschütterndsten ist für mich aber, dass der gesamte Court Square einst als Sklavenmarkt diente.

Die nächste Station unserer Stadttour ist das State Capitol – und vor dem Regierungsgebäude stehen mindestens 25 langhaarige Männer in Lederkleidung. Jeder trägt eine große Konföderiertenfahne oder die Flagge von Alabama. Einer brüllt in ein Megafon, dass sein Recht, Waffen zu tragen, nicht von Linken behindert werden dürfe. Auf der anderen Seite erblicken wir eine Versammlung auf dem Rasen des Ersten Weißen Hauses der Konföderation. Alle Teilnehmer tragen traditionelle Kleidung aus der Zeit des Bürgerkriegs. Das Gebäude diente dem Südstaaten-Präsidenten Jefferson Davis als Amtssitz, als Montgomery 1861 die Hauptstadt der Konföderierten Staaten von Amerika war. Es herrschen mindestens 30 Grad. Die Männer tragen Drei­teiler, die Frauen Reifröcke und Blusen mit aufwendigem Spitzenbesatz. Der Anblick erscheint mir unwirklich. Zwischen den beiden Menschenansammlungen komme ich mir vor, als stünde ich zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Der Civil Rights Trail vermittelt den­jenigen, die gegen Unrecht gekämpft haben und weiterhin kämpfen, die Botschaft: Ich sehe und achte dich. Ich habe auf dieser Reise gelernt, dass ich mich in meinem eigenen Land zu Hause und zugleich außen­ stehend fühlen kann.

Wei­ter­le­sen