Festmahl früher Menschen? Tausende Tierknochen aus der Steinzeit in Bayern gefunden

Höhlenbären, Mammuts, Nashörner: Der Speiseplan früher Menschen war wohl abwechslungsreicher als gedacht. Doch handelt es sich bei den tierischen Überresten aus Mittelfranken um Jagdbeute oder stand bei dem eiszeitlichen Gelage Aas auf dem Menü?

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 10. Juni 2022, 08:50 MESZ
Bisher wurde erst ein Bruchteil des Bodens der altsteinzeitlichen Fundstelle untersucht. Dennoch wurden bereits Tausende Tierknochen ...

Bisher wurde erst ein Bruchteil des Bodens der altsteinzeitlichen Fundstelle untersucht. Dennoch wurden bereits Tausende Tierknochen und -zähne ausgegraben.


 

Foto von BLfD

Unzählige Knochen und Zähne von Höhlenbären, Mammuts, Wölfen, Nashörnern und Wildpferden – allein 300 auf einer Fläche von nur einem Quadratmeter. Bei ihrer Grabung im Landkreis Ansbach in Mittelfranken tat sich Archäologinnen und Archäologen ein Tierfriedhof von ungeahnten Dimensionen auf. Insgesamt fanden sie bisher mehrere Tausend Knochen- und Zahnüberreste, dabei wurde von der altsteinzeitlichen Fundstelle bisher nur etwa ein Prozent untersucht. Das berichtet das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD). 

Datiert werden die Funde bisher auf ein Alter zwischen 42.000 und 32.000 Jahre. Doch die Tiere waren nicht allein. Während der Untersuchungen des BLfD wurde klar: Auch Menschen haben sich an diesem Ort aufgehalten. Sie waren wohl auch daran beteiligt, dass sich eine derartige Menge an Tierknochen an einem Ort ansammeln konnte. Denn mindestens eines der untersuchten Knochenfragmente wies Schnittspuren auf – verursacht von einem scharfkantigen Feuersteinstück. 

Mathias Pfeil, Generalkonservator und Leiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, betont, wie wichtig dieser Fundort für die Rekonstruktion der Menschheitsgeschichte ist. „In der Altsteinzeit lebten in Europa viel weniger Menschen als heute. Zeitweise geht die Forschung von nur wenigen tausend Individuen aus“, sagt er. „Dieser Fundort wird helfen, unsere menschlichen Anfänge zu verstehen.“

An diesem über 40.000 jähre alten Höhlenbär-Knochen fand man Schnittspuren, die von einem scharfkantigen Feuersteinstück stammen.

Foto von BLfD

Jagdbeute oder Aas?

Der Knochen, in dem die Forschenden die frühen menschlichen Spuren fanden, stammt von einem Höhlenbär – wie die meisten der bisher gefundenen Überreste – und konnte durch die Radiokarbonmethode auf 40.000 v. Chr. datiert werden. Damit ist er der bisher älteste der bestimmten Überreste. Andere Funde derselben Ausgrabungsstelle sind jünger: „Die Radiokarbonanalyse eines Wolfknochens ergab eine Datierung von ca. 30.000 vor Christus“, so ein Pressesprecher des BLfD. Das bedeutet, dass sich die Überreste innerhalb von mindestens 10.000 Jahren an dem Areal angesammelt haben.

Ob sich 40.000 v. Chr. an dem Ort Neandertaler oder anatomisch moderne Menschen aufhielten, ist bislang unklar. Auch, ob die jüngeren Knochen ebenfalls in Verbindung mit ihnen stehen. „Wir sprechen bisher von mindestens einem Aufenthalt von Menschen an dieser Stelle – circa 40.000 Jahre vor Christus“, so das BLfD. Ob auch 10.000 Jahre später noch Menschen an dem Ort verweilten, müsse man durch weitere Untersuchungen aufklären. 

Außerdem sei die Frage nach der genauen Beschaffenheit des Areals zu dieser Zeit wichtig. Denn wo genau die Tiere damals gestorben sind, ist vor allem bei der Frage nach ihrer Todesursache relevant. Bisher vermuten die Archäologinnen und Archäologen, dass es sich bei der Fundstelle um eine ehemalige Höhle oder einen Rastplatz unter freiem Himmel gehandelt haben könnte. Falls es sich um eine Höhle gehandelt hat, liegt nahe, dass die Tiere gar nicht durch den Menschen, sondern durch andere Jäger wie beispielsweise Hyänen ums Leben kamen. In dem Fall hätten die menschlichen Bewohner der Höhle womöglich das Aas der Hyänen für den eigenen Verzehr weiterverwertet. 

„Mensch und Tier teilten sich ihren Lebensraum in der Altsteinzeit“, so das BLfd. Deshalb sei es auch möglich, dass die Menschen nur mit einem Teil der getöteten Tiere zu tun hatten. Doch selbst wenn Menschen das Areal nicht lange nutzen, ist es laut BLfD nicht ungewöhnlich, an solchen altsteinzeitlichen Fundstellen, an denen mindestens zeitweise Menschen lebten, viele Tierüberreste zu finden: „Die Ressource Tier wurde bestmöglich verwertet. Während das Fleisch der Jagdbeute als überlebenswichtige Nahrungsquelle diente, wurden aus der Tierhaut, den Sehnen, Knochen und ggf. Horn, Geweih oder Elfenbein auch Werkzeuge, Kleidung und vieles mehr hergestellt, das die Menschen zum täglichen Leben benötigten.“ 

Menschheitsgeschichte in Mittelfranken

Aussagen über die Dauer des Aufenthalts der Menschen oder gar ihre Gruppengröße zu machen, ist bisher schwierig. Dennoch ist der Ausgrabungsort für die Geschichte der frühen Menschen in Mittelfranken – und in Deutschland generell – von außerordentlicher Bedeutung. Denn auch um den Fundort der Knochen herum birgt das Erdreich unzählige Zeugnisse vergangener Zivilisationen. „Bei zuvor stattgefundenen Ausgrabungen konnten mehrere vor- und frühgeschichtliche Befunde festgestellt werden, die von Siedlungsgruben und Pfostenstandspuren der Metallzeiten bis zu latènezeitlichen und frühmittelalterlichen Brand- und Körpergräber reichen.”

Auch Archäologe Christoph Lobinger, der die Grabung fachlich betreut, betont die Bedeutung des Ortes für die Geschichte der Region. „Das Erdreich birgt hier Zeugnisse aus mehr als 40.000 Jahren bayerischer Geschichte – von den Menschen der Altsteinzeit über die Kelten bis hin zu den ersten Franken haben Menschen hier gelebt und Spuren hinterlassen“, sagt er.

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