Gute Vorsätze: Die Geschichte eines alten Brauchs

Schon sehr lange fassen Menschen an Neujahr gute Vorsätze - ihre Umsetzung war dabei schon immer schwierig. Woher kommt der Brauch und warum sind Ziele so wichtig?

Von Markus Röck
Veröffentlicht am 2. Jan. 2023, 10:35 MEZ
Gute Vorsätze: Die Geschichte eines alten Brauchs

Die Zukunft anders gestalten und dabei die Vergangenheit hinter sich lassen? Es ist ein uralter Brauch, sich zum Jahreswechsel gute Vorsätze zu fassen. Damit die Umsetzung gelingt, spielen verschiedene Faktoren eine Rolle.

Foto von Hadija Saidi on Unsplash

Früher schlafen gehen, ein neues Hobby anfangen oder umweltverträglicher leben: Alle Jahre wieder kommt die Zeit, in der man gute Vorsätze fürs neue Jahr macht. Bei einer Umfrage des Portals Statista, die im November 2022 durchgeführt wurde, gaben rund 49 Prozent der befragten Teilnehmer aus Deutschland an, einen oder mehrere gute Vorsätze für das Jahr 2023 zu haben. Damit zählen Neujahrsvorsätze sicherlich zu den beliebtesten Silvesterbräuchen, die heutzutage praktiziert werden.

Doch woher kommt der Brauch, sich an Neujahr gute Vorsätze zu machen? An dieser Frage scheiden sich die Geister der Experten. Fakt ist, dass es ihn schon sehr lange gibt. Schon im Römischen Reich gab es Anfang des Jahres bei einem Fest zu Ehren des Gottes Janus Bräuche, die den heutigen Neujahrsvorsätzen ähnelten. Manche Experten sind der Auffassung, Neujahrsvorsätze seien noch älter und vermuten den Ursprung im alten Babylon: Dort habe man bereits vor rund 4000 Jahren beim Neujahrsfest Akitu den Göttern versprochen, Schulden zu bezahlen oder geborgte Gegenstände zurückzugeben.

Richtiges Verhalten: Die Herkunft von guten Vorsätzen

Wo die guten Vorsätze tatsächlich ihren Anfang nahmen, lässt sich nicht rekonstruieren. „Es gibt keine Kulturgeschichte oder einen Startpunkt bei Neujahrsvorsätzen“, sagt Dr. Helmut Groschwitz, Experte für immaterielles Kulturerbe an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Schon immer sei die Frage „Wie verhalte ich mich richtig“ für Menschen von Bedeutung gewesen. Laut Groschwitz seien gute Vorsätze oftmals auch im Zusammenhang mit der Religionsentwicklung zu sehen.

Dr. Helmut Groschwitz ist Experte für immaterielles Kulturerbe an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Er weiß, warum richtiges Verhalten schon immer von Bedeutung war.

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Immer wieder hätte es von der Religion vorgegebene Normen gegeben, die ein besseres Verhalten aufzeigten. „Bei den abrahamitischen Religionen, wie dem Christentum, könnte man zum Beispiel bereits die 10 Gebote als Vorsätze ansehen“, sagt Groschwitz. Vor allem vor religiösen Festen habe man hinterfragt, inwiefern das eigene Verhalten mit den vorgegebenen religiösen Normen übereinstimme. „Durch Vorsätze hat man versucht, diesem Idealbild näherzukommen“, so der Kulturhistoriker.

Dabei waren gute Vorsätze keineswegs auf das Neujahrsfest beschränkt. In christlichen Religionen hätte es im Jahresverlauf mehrere „Übergangszeiten“ gegeben, die von einem Wechsel – bdarunter auch beim Gesinde oder den Dienstboten – gekennzeichnet waren. Dazu gehörten neben Weihnachten oder Neujahr etwa das Epiphaniasfest am 6. Januar, Mariä Lichtmess am 2. Februar oder der Sankt-Martins-Tag am 11. November. „Solche Termine, an denen etwas endet und etwas Neues anfängt, sind immer mit einer Unsicherheit verbunden - und mit dem Wunsch, dass das, was als Nächstes kommt, gut sein wird“, sagt Groschwitz. An diesen Tagen hätte es deshalb mehrere Praktiken gegeben, mit denen man das eigene Glück beeinflussen wollte. Dazu zählten auch Wahrsagebräuche oder das Aufstellen von guten Vorsätzen.

Selbstoptimierung statt Gottgefälligkeit: Neujahrsvorsätze im Wandel der Zeit

Wie das Neujahrsfest selbst gewannen gute Vorsätze an Neujahr erst mit der fortschreitenden Säkularisierung – also dem Loslösen des gesellschaftlichen Lebens von der Religion – ab dem 18. Jahrhundert an Bedeutung. Während zunächst noch religiöse Feste eine Art Orientierung boten, richtete man sich in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft vor allem nach dem Kalenderverlauf. Der Jahreswechsel geriet zunehmend in den Fokus. „Neujahr ist ein Festtermin, an dem Menschen die Wahrnehmung haben, hier fängt eine neue Einheit an“, sagt Groschwitz. Zudem würde dem inzwischen säkularen Neujahr mit der Zeit „zwischen den Jahren“ ebenfalls wieder eine solche Übergangszeit vorausgehen, wie es vor religiösen Festen der Fall war.

Mit der Säkularisierung hätten sich aber auch die guten Vorsätze selbst geändert. „Im religiösen Bereich haben wir eine starke extrinsische Motivation – der Impuls kommt von außen her“, sagt Groschwitz. Gerade in protestantischen Kreisen zielten Vorsätze beispielsweise oft darauf ab, ein gottgefälligeres Leben zu führen. Heutige Vorsätze hingegen würden vor allem dem Zweck der Selbstoptimierung dienen - un dem Wunsch, sozialen Normen zu entsprechen. „Auf diese Weise bekommen Vorsätze eine andere Bedeutung“, so der Kulturwissenschaftler.

Konträre Bedingungen: Warum gute Vorsätze scheitern

Neben ihrer neuen Bedeutung als Mittel zur Selbstoptimierung gibt es ein weiteres Merkmal, das moderne Vorsätze auszeichnet: Sie scheitern nicht gerade selten. Warum das so ist, beschäftigt auch die Psychologie. So auch Prof. Dr. Dieter Frey, Sozialpsychologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Natürlich sind die Menschen zunächst optimistisch, dass der Vorsatz, den sie ergriffen haben, auch umsetzbar ist. Aber sie merken relativ schnell, dass es da eben auch Barrieren gibt“, sagt Frey.

Der stärkste Faktor, der Neujahrsvorsätze scheitern lässt, sei das Nicht-Berücksichtigen von „konträren Bedingungen“ – also all jenen Dingen, die gegen die Umsetzung sprechen, so Frey. Dazu gehöre Zeitdruck ebenso, wie das Tagesgeschäft oder fehlende Disziplin. „Wichtig ist, dass man sich dieser konträren Bedingungen bewusst wird, indem man sich mit ihnen auseinandersetzt“, sagt Frey.

Annähern statt meiden: So können gute Vorsätze gelingen

Daneben gibt es aber noch weitere Dinge, die Neujahrsvorsätze scheitern lassen. So zum Beispiel die Art, wie gute Vorsätze formuliert sind. Für eine 2020 im Fachmagazin „Plos One“ veröffentlichte Studie untersuchte ein Forscherteam der Universitäten Stockholm und Linköping den Erfolg von Neujahrsvorsätzen. 1066 Freiwillige, die sich alle 2017 Neujahrsvorsätze fassten, wurden bei der Umsetzung ihrer Vorsätze begleitet. Aus der Studie geht hervor, dass „annäherungsorientierte Vorsätze“, wie etwa „Ich werde anfangen mit …“ häufiger Erfolg bringen würden als „meidungsorientierte Vorsätze“, wie „Ich werde aufhören mit …“.

Laut Dieter Frey gäbe es zudem sogenannte „förderliche Bedingungen“, die ebenfalls den Erfolg von guten Vorsätzen beeinflussen können. Dazu gehören etwa klare Prioritäten, die Einsicht, warum man etwas verändern muss, oder konkrete Punkte, wann, wo und wie man einen Vorsatz umsetzen möchte. Auch Belohnungen, Gruppendruck oder das Öffentlichmachen der eigenen Vorsätze können zu ihrem Erfolg beitragen. Die Verhaltensänderung müsse aber auch Spaß machen.

Es sind also nur ein paar Anpassungen – mal in der Formulierung der Vorsätze, mal bei der Art der Umsetzung – notwendig, um die guten Vorsätze in diesem Jahr vielleicht doch endlich einmal zum Erfolg zu bringen. Und noch etwas braucht es laut Frey: Geduld. „Wichtig ist, dass man nicht zu sehr verzweifelt und jeden Tag als neue Chance sieht.“

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