Raunächte: 5 erstaunliche Rituale und ihre Geschichte

Die Raunächte bezeichnen die Zeit zwischen Heiligabend und dem 6. Januar. Für diese 12 Nächte zwischen den Jahren existieren in vielen Kulturen zahlreiche Bräuche. Das steckt hinter den jahrtausendealten Ritualen.

Von Sarah Langer
Veröffentlicht am 22. Dez. 2023, 15:48 MEZ
Raunächte

Rituale der Raunächte: Die Perchtenläufe sind vor allem in Süddeutschland und Österreich sehr beliebt.

Foto von Manfred Herrmann-stock-adobe.com

Die Raunächte, auch Rauhnächte, Glöckelnächte, Innernächte oder Unternächte genannt, gelten als magische Zeit und faszinieren die Menschen seit Zeiten vor Christi Geburt mit ihrem mystischen Ursprung. Abhängig von der Region starten sie am 21. oder 25. Dezember und dauern zwölf Nächte. 

Ursprung der Raunächte

Der Mystifizierung der Raunächte ist vielschichtig und reicht tief in die Geschichte zurück: So verweisen einige Deutungen auf die germanischen Winter- und Lichtfeste, andere auf keltische und slawische Einflüsse. Im Kern haben alle Ursprünge gemein, dass man glaubte, in dieser Zeit seien die Grenze zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt besonders dünn. Deshalb könnten die Geister der Verstorbenen, Ahnen und Naturgeister frei umherwandern und die Menschenwelt beeinflussen – positiv wie negativ. 

Deshalb entwickelten sich verschiedene Bräuche, um Schutz und Segen für das kommende Jahr zu erbitten. Menschen nutzten diese Zeit auch, um sich aufs nächste Jahr vorzubereiten und sich bewusst auf die Herausforderungen und Chancen der Zukunft einzustellen. Verschiedene Rituale sollten Glück, Gesundheit und Erfolg bringen und die Verbindung zu den spirituellen Dimensionen stärken.

In welcher Naturgegebenheit die Raunächte ihren Ursprung haben, lässt sich heute nur schwer ermitteln. Historiker vermuten, dass der Wechsel vom Mond- auf das Sonnenjahr dahinterstecken könnte, der während der Herrschaft von Julius Caesars (100 – 44 v. Chr.)  vollzogen wurde. Aufgrund des Kalenderwechsels verlängerte sich das Jahr um elf Tage und damit zwölf Nächte, die damals auch "tote Tage" genannt wurden – die heutigen Raunächte. Es gibt jedoch auch Überlieferungen, welche die Raunächte als alten heidnischen Brauch definieren, dessen Ursprung in der germanischen Zeitrechnung und den dort eingeschobenen Schaltmonaten von 11 Tagen Länge liegt. 

Was bedeutet eigentlich „Zwischen den Jahren“? 

Erst 1691 legte Papst Innozenz XII. den Anfang des neuen Jahres auf den 1. Januar. Kulturwissenschaftler Werner Mezger berichtet gegenüber dem MDR, dass es auch eine Zeit gab, in der das neue Jahr bereits an Weihnachten begonnen hatte. Ebenfalls galt der 6. Januar als Neujahr. Deshalb spricht man noch heute von den Tagen zwischen den Jahren. 

Die Herkunft der Bezeichnung "Raunächte" ist nicht eindeutig geklärt. Manche vermuten einen Zusammenhang mit „pelzig“ oder „haarig“, da die Dämonen in dieser Zeit mit Fell bekleidet herumspukten. Andere verbinden es eher mit der Ausräucherung des Hauses. Wiederum andere denken, dass der Begriff von dem althochdeutschen Wort "rauen", was so viel wie "rau" oder "wild" bedeutet, abstammt.

Frühe Rituale und erstaunliche Bräuche der Raunächte

Durch die Annahme einer Verbindung zwischen der realen und der jenseitigen Welt entwickelten sich am Anfang der Raunächte einige Regeln und Bräuche. So mussten Frauen und Kinder abends zuhause bleiben, es durfte keine Wäsche aufgehängt werden oder Unordnung im Haus herrschen – denn man glaubte, Geister fühlten sich im Chaos besonders wohl, würden sich in aufgehängter Wäsche verfangen und bleiben. 

Außerdem sollte frühmorgens nicht gepfiffen werden, da man sonst das Unglück beschwöre. Dem Zuschlagen von Türen wurde ein Zusammenhang mit Gewittern nachgesagt, wer Haare und Nägel während der Raunächte schnitt, machte sich im nächsten Jahr anfällig für Gicht oder Kopfweh. Diese und viele andere Traditionen haben sich über die Jahrhunderte gehalten oder sind wieder verschwunden. Geblieben und auf die früheren Raunächte zurückzuführen, ist zum Beispiel der heutige Brauch, Häuser in den Raunächten mit Weihwasser zu segnen. 

Mit der Räucherung soll das Böse ferngehalten und das Haus gereinigt werden.

Foto von Dagmar Breu-stock-adobe.com

Raunächte und ihre Rituale zwischen den Jahren 

In Deutschland, Österreich, der Schweiz, Skandinavien und anderen Teilen Europas gibt es unterschiedliche Traditionen, die sich aus den lokalen kulturellen und historischen Kontexten entwickelt und gehalten haben. Einige Rituale wurden von früher übernommen, einigen wurden mit der Zeit verändert, neue kamen hinzu. Diese fünf Rituale sind noch heute gängiger Bestandteil der Raunächte:

1. Räucherungen und Reinigung

Der Begriff "Raunächte" leitet sich – in einigen Überlieferungen – von dem Brauch des Räucherns ab. Während der 12 Nächte werden Kräuter, Harze und Hölzer verbrannt, um das Zuhause von negativen Energien zu befreien, sich von Altlasten und bösen Geistern zu lösen und das Haus mit positiver Energie fürs nächste Jahr aufzuladen. So dient das Räuchern bis heute nicht nur der physischen Reinigung, sondern auch der spirituellen Klärung. Dafür wurden spezielle Räuchermischungen verwendet, die je nach regionaler Tradition variierten. Früher verwendete man vor allem Weihrauch, mittlerweile gibt es beliebte Kräutermischungen mit Salbei oder Palo Santo.

2. Orakel und Zukunftsdeutung

Die Raunächte gelten traditionell als eine Zeit, in der die Zukunft auf besondere Weise gedeutet werden kann. Deshalb sind bis heute Orakel und andere Formen der Wahrsagerei während der Raunächte populär. Man glaubt, dass die Ereignisse und Träume in den Raunächten auf Geschehnisse im neuen Jahr hinweisen. So steht jeder Tag einer Raunacht für einen der Monat im kommenden Jahr. 

In einem alten Ritual sagten die Raunächte das Wetter vorher: In Form einer Bauernregel gab das Wetter der ersten Raunacht Aufschluss über das Wetter im ersten Monat, die zweite Nacht auf den zweiten Monat, usw. 

Daneben wurden auch Karten und Runen zur Zukunft befragt. Aus dieser Zeit hat sich das Bleigießen (mittlerweile eher Zinn- oder Wachsgießen) als beliebtes Ritual am Jahresende gehalten, das seinen Ursprung in der alten Tradition der Raunächte hat. 

3. Traumdeutungen während der Raunächte

Auch für die Traumdeutung während der Raunächte gilt: Jede Nacht steht für einen Monat des nächsten Jahres. Heute ist es ein beliebter Brauch, nach dem Aufwachen den Traum zu notieren und im Jahresverlauf zu checken, was eingetroffen ist. Ein besonderes Augenmerk soll der Träumer auf Symbole, wiederkehrende Situationen und Emotionen legen.

4. Die dreizehn Wünsche der Raunächte

Ebenfalls zur Tradition geworden: Am Anfang der Raunächte werden 13 Wünsche auf kleine Zettel geschrieben. Ab der Nacht zum 25. Dezember wird jeden Tag immer ein Zettel in einer Feuerschale verbrannt. So sollen sich höhere Mächte um die Erfüllung der Wünsche kümmern. Der 13. Wunsch, der am Ende übrigbleibt, muss von einem selbst erfüllt werden. 

5. Der Perchtenlauf

Dieser Brauch ist heute noch in Süddeutschland und Österreich verbreitet und lässt sich auf einen vorchristlichen Volksglauben zurückführen. Es heißt, dass sich die Pforte zur Welt der Toten zwischen den Jahren öffnet und Geister, wie auch Dämonen die Möglichkeit bekommen, auf unserer Erde zu weilen und den Menschen zu schaden. Deshalb erscheint, der Sage nach, Frau Percht (mancherorts auch als Frau Holle bekannt). Sie belohnt Fleiß und Ordnung und bestraft Ungehorsam und Unordnung. Gemeinsam mit ihren Gefolgsleuten – dem Teufel, den guten Schönprechten (stehen für das Leben, Licht und Ordnung), Musikern, Tänzern und Schlenzern, die die Zuschauer ärgern sollen – vertreibt sie mit Glocken, Trommeln und anderen lauten Geräuschen das Böse. Auf den modernen Perchtläufe versammeln sich Menschen mit gruseligen Masken und Pelzumhängen. Mit Kuhglocken, Glockenspielen, Trommeln oder Ruten vertreiben sie die Geister. Bekommt man als Zuschauer von den Schlenzern einen leichten Schlag mit der Rute, soll das Glück, Fruchtbarkeit und Gesundheit bringen. 

Aus diesem Brauchtum hat sich das heutige Silvesterfeuerwerk entwickelt: Das laute Knallen um Mitternacht soll böse Geister vom neuen Jahr fernhalten. 

Insgesamt sind die Raunächte eine Zeit, in der Menschen auf der ganzen Welt durch verschiedene Bräuche und Rituale versuchen, sich auf das kommende Jahr vorzubereiten und spirituelle Erfahrungen zu sammeln. Ob man an die magische Bedeutung dieser Tage glaubt oder nicht, die Raunächte bieten eine Gelegenheit zur Reflexion, Reinigung und Neuausrichtung für das bevorstehende Jahr.

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