Geschichte und Kultur

Alfred Wegener

Der Deutsche ist ein besessener Forscher. Er erkundet die Nordostküste Grönlands und durchquert das Binneneis. Noch einmal bricht er auf, um im Landesinnern eine Forschungsstation zu errichten – und kehrt nie mehr zurück.

Von National Geographic

Der Deutsche Alfred Wegener ist ein besessener Forscher. Er erkundet die Nordostküste Grönlands und durchquert das Binneneis. Noch einmal bricht er auf, um im Landesinnern eine Forschungsstation zu errichten – und kehrt nie mehr zurück.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind alle Länder der Erde entdeckt, nur Nord- und Südpol noch zu erobern. Es geht es nicht mehr darum, an fremden Gestaden eine Flagge zu hissen oder unbekanntes Terrain zu durchqueren. Ein anderer Entdeckertyp ist nun gefragt. Immer noch muss er Abenteurer sein, mit einer Portion Mut und Draufgängertum. Doch nun braucht es auch eine Liebe zum Detail, einen Hang zur Wissenschaft. Selbst wenn alle Länder entdeckt sind, so sind auf den Karten noch eine Menge weiße Flecken zu tilgen. Sie liegen in den unwegsamsten Gebieten der Welt.

In Grönland zum Beispiel fehlt noch ein ganzer Küstenabschnitt im Nordosten. Carl Koldewey ist 1870 bis zum Kap Bismarck, auf 77 Grad nördlicher Breite, vorgedrungen. Robert E. Peary erreichte Kap Bridgman über Land bei 83 Grad. Am 24. Juni 1906 sticht eine dänische Expedition in See, um das Gebiet zu erforschen, das dazwischen liegt. Der Schriftsteller Ludwig Mylius-Erichsen leitet das Unternehmen. Mit an Bord sind zwei Kunstmaler und sechs Wissenschaftler – darunter der deutsche Meteorologe Alfred Lothar Wegener.

Wegener hat in Berlin und Heidelberg Astronomie, Geophysik und Meteorologie studiert. Ein Semester war er in Innsbruck. Dort zog er mit Seil, Pickel und Steigeisen in die Alpen, um die Flora und das Gestein zu erforschen. Nach seiner Promotion 1904 ging er an das aeronautische Observatorium in Lindberg, wo bereits sein Bruder Kurt arbeitete. Alfred Wegener studierte die Physik der Wolken, erforschte die höheren Luftschichten mit Drachen und Fesselballons. Als Wegener von der dänischen Expedition hörte, bewarb er sich sofort – und wurde als einziger Ausländer genommen.

Das Expeditionsschiff „Danmark“ dringt durch das Eis der Grönlandsee zum Kap Bismarck vor. Die Männer gehen auf der Koldewey-Insel an Land, finden jede Menge Versteinerungen: Ammoniten in Sandstein, Muscheln in Kalk, versteinertes Holz. Sie gehen in der Dove-Bai vor Anker und errichten ihr Basislager an Land. Später bauen sie dort eine wissenschaftliche Station auf. Nachts hören sie das Geheul von Wölfen, das dem ihrer Hunde verblüffend ähnlich ist. Sie fahren mit Schlitten zur Sabine-Insel, wo einst Koldeweys „Germania“ überwintert hat. Auch in der Polarnacht unternehmen sie Fahrten, bestaunen das Nordlicht. «Sieht man dies prächtige Lichtphänomen zum ersten Male, so steht man der Erscheinung, wenn auch bezaubert von ihrer Schönheit, hoffnungslos gegenüber», schreibt Wegener in sein Tagebuch. «Was soll ich hier messen an dieser unsteten, über den ganzen Himmel hinspielenden Lichterscheinung?»

Im Frühjahr fahren sie mit Hundeschlitten die Fjorde entlang, kartographieren die gewundene Küstenlinie. Wegener erlegt seinen ersten Bären, führt luftelektrische Messungen durch. 1907 kommen Mylius-Erichsen und zwei Begleiter bei einer Exkursion nach Norden ums Leben. Doch als die Expedition im Juli 1908 zurück nach Dänemark fährt, weiß Wegener, dass Grönland ihn nie wieder loslassen wird.

Zu Hause entwickelt Alfred Wegener seine Theorie der Kontinentalverschiebung. «Sehen Sie sich doch bitte mal die Weltkarte an: Passt nicht die Ostküste Südamerikas genau an die Westküste Afrikas, als ob sie früher zusammengehangen hätten?», schreibt er 1911 an seine spätere Frau. Er ist sicher, dass die Ozeane und Kontinente dadurch entstanden sind, dass sich die Erdkruste eines Urkontinents verschoben hat. Als Wissenschaftler weiß Wegener, dass seine Vermutung durch paläontologische und geologische Untersuchungen belegt werden muss. Doch das Fachpublikum hält zunächst nicht viel von seinen Ansichten, als er sie das erste Mal öffentlich präsentiert. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Theorie, angereichert durch neue Erkenntnisse, als Modell der Plattentektonik anerkannt.

Am 22. Juli 1912 bricht Wegener mit einer dänischen Expedition unter Johann Peter Koch erneut nach Grönland auf. Sie wollen zu viert die Insel von Osten nach Westen durchqueren und dabei das Inlandeis erforschen. Sie steigen vom Bag-Fjord aufs Inlandeis. Islandponys, die sie auf dem Schiff nach Grönland transportiert haben, schleppen die Ausrüstung von der Küste bis zum Rand des Binneneises, dann auf das Eisschild hinauf. Eine unsägliche Plackerei. Oben errichten die Männer ein kleines Fertighaus, in dem sie überwintern. Sie legen Proviantdepots im Inland an, führen Eisbohrungen bis in 24 Meter Tiefe durch, studieren die Mechanik der Gletscherbewegungen.

Anfang Mai 1913 ist das Wetter immer noch so schlecht, dass sie nicht aufbrechen können. Als sie endlich loskommen, bremst Treibschnee das Vorankommen. Die Pferde sind bald so erschöpft, dass zwei erschossen werden müssen. Auch die anderen drei überleben die Eisquerung nicht. Am 9. Juni messen die Forscher minus 34 Grad, sie sind auf 2853 Meter Höhe. Wegener hat sich die Nase erfroren, es bilden sich große Hautfetzen. Ende Juni fängt es an zu schneien, der Winter naht. Sie sind noch 63 Kilometer von der Westküste entfernt. «Spalten, Oberflächenbäche, Schmelzknollen, Mittagslöcher von einem halben Meter Breite und einem Meter Tiefe, alle diese bekannten Dinge, die den Glaziologen so begeistern, aber das Fortkommen mit Schlitten fast unmöglich machen, erwarten uns hier», schreibt Wegener. Dann endlich begrüßen Vogelgezwitscher und Schmetterlinge – fast vergessene Boten einer Welt ohne Eis – die zu Tode erschöpften Polarforscher an der Westküste. Wegeners Buch „Durch die weiße Wüste“ erscheint erst 1919, nach dem Ersten Weltkrieg.

Im Jahr 1924 erhält Alfred Wegener eine Professur in Graz. Vier Jahre später unterbreitet er der deutschen „Notgemeinschaft der Wissenschaft“ – es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise – einen Plan für weitere Forschungen auf der größten Insel der Welt. Wegener möchte die Eisdicke mit verbesserten Methoden messen und zwei feste Stationen einrichten, auf denen ein Jahr lang meteorologische Beobachtungen aufgezeichnet werden sollen. Die Wissenschaftsgemeinschaft stimmt zu.

Wegener fährt 1929 mit einer Vorexpedition an die grönländische Westküste. Er findet am Kamarujukgletscher eine geeignete Stelle, um aufs Binneneis zu gelangen. Dort legen er und seine Männer Depots für die Hauptexpedition an. Wegener führt erste Messungen durch. Oberhalb des Gletschers beträgt die Eisdicke 300 Meter. Im Inland, auf 1500 Meter Höhe, misst sie 1200 Meter. Das Land selber ist dort nur 300 Meter hoch.

Die Hauptexpedition startet am 1. April 1930 von Kopenhagen. 20 Mann nehmen an ihr teil. In Grönland müssen zwei Motorschlitten und 2500 Kisten vom Kamarujuk-Fjord aufs Inlandeis geschafft werden. 32 Grönländer, 143 Hunde, 20 Packpferde schleppen über Wochen, wenn nicht Monate, die tonnenschwere Ausrüstung hinauf. Ein Teil der Truppe fährt 400 Kilometer ins Landesinnere und errichtet dort die Station „Eismitte“. Zwei Männer, Johannes Georgi und Ernst Sorge, bleiben, um dort zu überwintern. Gleichzeitig beginnen an der Küste die Forschungen. Die Glaziologen bringen Teerstriche über der Randzone des Gletschers an, um dessen Bewegung zu messen. Andere Männer setzen die Motorschlitten „Schneespatz“ und „Eisbär“ in Gang – sie fahren allerdings sehr langsam.

Im September setzt starker Schneefall ein. Doch ein Transport mit Petroleum muss noch nach „Eismitte“, sonst kommen die beiden Männer dort nicht über den Winter. Wegener bricht mit Fritz Loewe und zwölf Grönländern am 22. September – sehr spät im Jahr – ins Herz des Eisschilds auf. «Schon die Reise hierher war sehr hart, und was uns bevorsteht, ist jedenfalls keine Vergnügungsfahrt», schreibt er in einem Brief, den er bei Kilometer 62 Personen aus seiner Truppe mitgibt, die umkehren. Zum Schluss sind sie nur noch zu dritt: die beiden Deutschen und der Grönländer Rasmus Willemsen. Es ist bis zu minus 54 Grad kalt, der Wind weht von vorn. Es ist die weiße Hölle. Am 30. Oktober erreichen sie die Inlandstation. Loewe sind mehrere Zehen erfroren, und er kann die Rückreise zur Küste nicht antreten. Wegener und Rasmus brechen am 1. November 1930 auf – sie kommen nie an.

Die Männer im Basislager vermuten, dass sie alle in „Eismitte“ überwintern. Die Männer in „Eismitte“ denken, Wegener und Rasmus seien heil am Basislager angekommen. Alfred Wegener wird erst im Mai 1931 gefunden - einen Meter unter dem Schnee. Zwei Skier stecken neben ihm. Er hat keine Erfrierungen, vermutlich ist er vor Erschöpfung an einem Herzschlag gestorben. Die Männer begraben ihn im ewigen Eis. Rasmus Willemsen hat seinen Weg zur Küste alleine fortgesetzt. Sein Leichnam wurde nie gefunden.

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