Das Geheimnis der Schwarzen Pharaonen

Das Nationalmuseum des Sudan liegt versteckt in einer lauten, von Abgasen verpesteten Straße der Hauptstadt Khartum. Von außen sieht es aus wie einer unserer Sozialwohnblocks, in einer gealterten und verstaubten Version.

Von Céline Lison
Bilder Von Manoocher Deghati
Das Geheimnis der Schwarzen Pharaonen
Das Geheimnis der Schwarzen Pharaonen
bild Manoocher Deghati

Das Nationalmuseum des Sudan liegt versteckt in einer lauten, von Abgasen verpesteten Straße der Hauptstadt Khartum. Von außen sieht es aus wie einer unserer Sozialwohnblocks, in einer gealterten und verstaubten Version. Kaum habe ich jedoch die Schwelle überschritten, fällt mein Blick auf kostbare Schätze: ein Steinquader mit eingravierten Hieroglyphen und ein paar Keramiken, die darauf zu warten scheinen, endlich wahrgenommen zu werden. Zur Hofseite hin ist der Kernbestand der staatlichen archäologischen Sammlung aufgebaut, die Schätze aus dem Besitz der "Schwarzen Pharaonen". Die Könige von Nubien werden auch die Könige des Reichs Kusch genannt. Ihr Herrschaftsgebiet umfasste den nördlichen Teil des heutigen Sudan und den äußersten Süden des jetzigen Ägypten.

Im 8. Jahrhundert v. Chr. stießen sie die mächtigen Ägyptischen Pharaonen vom Thron. Wie gelang ihnen dieser Kraftakt und warum gerieten sie später weitgehend in Vergessenheit? Diesem Geheimnis bin ich auf der Spur. Der Sudan, das größte Land Afrikas, ist uns vor allem durch sein islamistisches Regime und den blutigen Konflikt in Darfur bekannt. Jenseits seiner Nordgrenze breitet Ägypten vor den Augen der Welt die Ergebnisse von mehr als zwei Jahrhunderten archäologischer Grabungen aus. Die Geschichte des alten Nubien dagegen ist nur in groben Zügen bekannt. Vor zwei Tagen sind wir mit einem Geländewagen von Khartum aus aufgebrochen. Wir hatten eine Reifenpanne, durchlitten eine mückenreiche Nacht unter freiem Himmel und fuhren Dutzende Kilometer Umweg, um eine funktionierende Fähre über den Nil zu finden.

Das Geheimnis der Schwarzen Pharaonen
Das Geheimnis der Schwarzen Pharaonen
bild Bild: Manoocher Deghati

Nun sind wir in Kerma, der Haupstadt des ersten Reichs Kusch. Nicht weit von hier stürzt der Nil über den dritten Katarakt. Kerma wurde 2500 v. Chr. erbaut und leistete den Ägyptern ein Jahrtausend lang Widerstand. Heute hat ein unkundiges Auge Mühe, die Spuren dieser Zeit zu finden. Wir erblicken nur eine Ruine aus sandfarbenen, ungebrannten Ziegeln: die deffufa, die einstige Kultstätte. Der Boden ringsum lässt noch die Fundamente von Häusern erahnen. Charles Bonnet streckt die Hand aus. "Hier waren Sakralgebäude, hier ein Zeremonienpalast, hier Werkstätten zur Herstellung von Opfergaben, hier die Residenz des Königs, hier Wohnhäuser..." Ich aber sehe nichts als Sand und Ziegel. Bonnet, ein Schweizer Archäologe von der Universität Genf, arbeitet seit den siebziger Jahren in Kerma. "Damals schimpften einige Kollegen mit mir. 'Im Sudan ist doch nichts, geh lieber nach Ägypten!', sagten sie. Doch wir haben hier eine ganz besondere Kultur entdeckt: ein komplexes Staatswesen, das zur selben Zeit wie das große Reich der Pharaonen bestand. Wir haben dieser Region eine eigene Identität und ihre eigene Geschichte zurückgegeben."

Das Geheimnis der Schwarzen Pharaonen
Das Geheimnis der Schwarzen Pharaonen
bild Bild: Manoocher Deghati

1000 Jahre nach seinen Anfängen war das Königreich Kusch so groß geworden, dass es sich zwischen dem zweiten und vierten Katarakt des Nil, also über mehr als 700 Kilometer, erstreckte. Der Handel florierte, weil Gold, Elfenbein und Ebenholz auf ihrem Weg vom Innern Afrikas nach Ägypten diesen Weg nehmen mussten. Den Pharaonen der 18. Dynastie wurden die Herrscher an der Südgrenze ihres Reichs zu mächtig. Um 1550 v. Chr. drangen Thutmosis I. und Thutmosis II. nacheinander ins obernubische Niltal vor. Die Kämpfe um Kerma dauerten lange, aber am Ende des Jahrhunderts war die Stadt erobert und zerstört. Nach der Zerstörung von Kerma besetzten die Ägypter Obernubien bis zum vierten Nilkatarakt. Niemand weiß, was danach mit den nubischen Königen geschah. Den Archäologen fehlt jede Spur von ihnen. Doch in Napata, unterhalb des vierten Katarakts, tauchen sie wieder auf. Die neue Hauptstadt des Reichs Kusch lag unweit des Nil und war ein Kreuzungspunkt der Handelsrouten. Vor ihren Toren ragte der Dschebel Barkal auf.

Die Nubier betrachteten das Plateau als Sitz des Gottes Amun, des Gottes der Könige, den auch die Ägypter verehrten. Der Dschebel Barkal stellt einige Anforderungen. Man muss ihn frühmorgens oder eine Stunde vor Sonnenuntergang besteigen, sonst kommt man beim Aufstieg vor Hitze um. Im Osten hebt sich eine 75 Meter hohe Felsnadel ab. Ihre Spitze hat viel zur Legendenbildung um den Berg beigetragen. Denn die alten Herrscher sahen darin einen Uräus, eine Kobra. Und die Schlange war das Totemtier der Pharaonen.

(NG, Heft 4 / 2006)

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