Geschichte und Kultur

Das Geheimnis von Angkor

Beim Überflug taucht der jahrhundertealte Tempel kurz auf und verschwindet dann sofort wieder unter der Walddecke von Nordkambodscha. Wie eine Halluzination.

Von Richard Stone
Bilder Von Robert Clark

Beim Überflug taucht der jahrhundertealte Tempel kurz auf und verschwindet dann sofort wieder unter der Walddecke von Nordkambodscha. Wie eine Halluzination. Doch was wir aus der Vogelperspektive zunächst nur als erdbraunen Schatten sehen können, ist ein Tor zur größten Metropole des Mittelalters – zu den Ruinen der untergegangenen Stadt Angkor.

Heute leben in dieser Gegend vor allem Reisbauern. Die Siedlungen der Khmer, des Volks im heutigen Staat Kambodscha wie schon im altertümlichen Königreich Kambuja, sprenkeln die Landschaft . Zum Schutz gegen die Überschwemmungen zur Zeit des Sommermonsuns stehen ihre Häuser auf Pfählen. Wir befinden uns auf halber Strecke zwischen dem sogenannten Großen See Südostasiens, dem Tonle Sap, etwa 30 Kilometer weiter im Süden, und den Kulen-Bergen, die sich 30 Kilometer weiter im Norden erheben. Dann plötzlich – noch einmal zieht Donald Cooney das Ultraleichtflugzeug über ein paar Baumwipfel hinweg – zeigen sie sich uns in vollerPracht: die Tempelanlagen von Angkor.

Der dem Hindugott Vishnu geweihte Banteay Samre aus dem 12. Jahrhundert wurde in den vierziger Jahren restauriert. Der Sakralbau gemahnt an das mittelalterliche Imperium der Khmer auf dem Höhepunkt seiner Macht. Der abgeschieden im Zentrum zweier Mauerkomplexe liegende Banteay Samre ist nur eines von mehr als tausend Heiligtümern, die die Khmer in der Stadt Angkor anlegten. Ihr architektonischer Eifer kann sich mit der Errichtung der Pyramiden in Ägypten durchaus messen.

Das Verschwinden der Zivilisation von Angkor ist eines der größten Untergangsszenarien der neueren Geschichte. Das Reich der Khmer bestand vom 9. bis etwa zum 15. Jahrhundert. In seiner Blütezeit beherrschte es weite Teile Südostasiens: von Myanmar (Birma) im Westen bis Vietnam im Osten. Rund 750.000 Menschen lebten in der Kapitale Angkor, deren damalige Fläche manche Experten für etwa so groß halten wie das heutige Berlin. Damit war Angkor der weitläufigste urbane Komplex der vorindustriellen Welt. Angkor Wat ist der kunstvollste Tempel der Stadt und zugleich das größte religiöse Bauwerk der Welt. Doch als Ende des 16. Jahrhunderts portugiesische Missionare auf seine lotusförmigen Türme stießen, kämpft e die einst so prächtige Hauptstadt des Reichs bereits gegen den Untergang. Wissenschaftler haben zusammengestellt, was die Ursachen gewesen sein könnten: die Invasion von Räubern, ein religiöser Sinneswandel in der Bevölkerung, die Verlagerung der Verkehrswege hin zum Seehandel, der eine Binnenstadt ins Hintertreffen geraten ließ.

Das sind hauptsächlich Vermutungen. Denn an den Türpfosten der Tempel sowie auf freistehenden Stelen sind zwar etwa 1300 Inschriften erhalten, aber eigentlich haben die Menschen von Angkor kein einziges Wort hinterlassen, das den Zusammenbruch ihres Reichs erklären könnte. Neuere Ausgrabungen – nicht der Tempel, sondern der Infrastruktur, die diese Stadt zum Funktionieren brachte – laufen nun auf eine weitere Antwort hinaus. Angkor wurde, so scheint es, ausgerechnet jene hochentwickelte Ingenieurskunst zum Verhängnis, auf der die Kraft und der Wohlstand des Reichs fußten: Die baubegeisterte Zivilisation der Khmer verstand die saisonalen Überschwemmungen Südostasiens zu bändigen und zu nutzen. Doch dann entglitt ihr die Kontrolle über das Wasser, die entscheidende Ressource. Und das ganze Königreich ging unter.
Ein faszinierender Augenzeugenbericht legt ein bildhaft es Zeugnis von der Hauptstadt Angkor auf dem Höhepunkt ihrer Macht ab. Der chinesische Diplomat Zhou Daguan, der gegen Ende des 13. Jahrhunderts beinahe ein Jahr im Zentrum der Khmer-Dynastie verbrachte, beschreibt einen grausigen Brauch: Um ein muteinflößendes Elixier herzustellen, wurde lebenden Spendern Gallenflüssigkeit entnommen. Das Ritual war erst kurze Zeit vor Zhous Besuch aufgegeben worden. Religiöse Feste feierten die Khmer mit Feuerwerken und Wildschweinkämpfen. Die größten Spektakel wurden dann abgehalten, wenn sich der Monarch in der Öffentlichkeit zeigte. Zur königlichen Prozession gehörten Elefanten und goldgezäumte Pferde sowie Hunderte blumengeschmückter Palastfrauen.

Der Lebensrhythmus von Angkor lebt auch in vielen Skulpturen fort. Sie haben Jahrhunderte des Verfalls überdauert. Einige der Flachreliefs an den Tempelfassaden zeigen Alltagsszenen – beispielsweise zwei Männer, die sich über ein Brettspiel beugen, oder eine Frau, die in einem schattigen Pavillon ein Kind zur Welt bringt. Andere huldigen der spirituellen Sphäre, die bevölkert wird von Geschöpfen wie den Apsaras, himmlischen Tänzerinnen, Botinnen zwischen Menschen und Göttern. Die Reliefs offenbaren aber auch die Schattenseiten dieser Welt. Zwischen Bildern irdischer Harmonie und sakraler Erleuchtung sind Kriegsszenen eingestreut. Ein Schiff überquert den Tonle Sap, dicht besetzt mit Truppen aus dem Nachbarkönigreich Champa. Die Szene wurde natürlich deshalb in Stein verewigt, weil die Khmer den Kampf gewonnen hatten.

Zwar entschied Angkor dieses Gefecht für sich; doch die Stadt war durch Rivalitäten gespalten. Das machte sie verwundbar für die Angriffe aus Champa im Osten sowie aus dem respekteinflößenden Königreich Ayutthaya im Westen. Da die Khmer-Herrscher mehrere Frauen hatten, war die Erbfolge meist nicht eindeutig. Unablässig kam es zu Intrigen. «Ihr Reich erwies sich oft als instabil», sagt Roland Fletcher, Archäologe an der Universität Sydney und einer der Direktoren des Greater Angkor Project (GAP). Seine Forschungen haben die Ursachen für den Niedergang der Khmer -Zivilisation zum Thema.
Nach Meinung einiger Wissenschaftler fiel ihre Gesellschaft so, wie sie zu Ruhm gekommen war: durch das Schwert. In den Annalen des Reichs Ayutthaya heißt es, das dessen Krieger im Jahr 1431 Angkor einnahmen. Die prachtvolle Hauptstadt der Khmer war zweifelsohne eine fette Beute: Inschriften prahlen, die Türme ihrer Tempel seien mit Gold verkleidet gewesen. Zhous atemraubender Bericht bestätigt das. Reisende aus dem Westenhingegen fanden nur noch Ruinen vor. Um die Geschichten von Angkors Wohlstand mit diesen Überresten in Einklang zu bringen, schlossen französische Historiker vor hundert Jahren aus der Erwähnung in den Annalen von Ayutthaya auf eine Plünderung der Stadt durch ihre Invasoren.

Fletcher bezweifelt diese Version. Er will unbedingt «herausfinden, was Siedlungen wachsen und sterben lässt». Einige frühe Forscher hätten den Fall des Khmer-Imperiums vor dem Hintergrund der Belagerungen in der europäischen Geschichte betrachtet. «Der Herrscher von Ayutthaya sagt zwar tatsächlich, er habe Angkor eingenommen, und er mag auch ein paar offizielle Insignien heimgebracht haben», erzählt Fletcher. Aber nach der Eroberung des Tempelbergs setzte der feindliche König seinen Sohn dort auf den Thron. «Es ist doch unwahrscheinlich, dass er die Stadt erst verwüstet und sie dann seinem Sohn übergibt.»

Die höfischen Ränkespiele mögen die meisten Untertanen der Khmer-Monarchie nicht weiter beschäftigt haben. Die Religion hingegen stand im Zentrum des täglichen Lebens. Angkor war eine regal-ritual city, eine Stadt der Gottkönige: Sie nahmen für sich in Anspruch, die Weltherrscher der Hinduüberlieferung zu sein, und errichteten daher Tempel für sich selbst. Doch im 13. und 14. Jahrhundert wurde der Hinduismus allmählich vom Theravada-Buddhismus verdrängt. Dessen Grundsatz sozialer Gleichheit mag eine Bedrohung für Angkors Führungsschicht dargestellt haben. «Er war sehr subversiv, ähnlich wie das Christentum im Römischen Reich», sagt Fletcher. «Es muss außerordentlich schwer gewesen sein, ihn aufzuhalten.»

Solch ein religiöser Wandel hätte die Autorität des Monarchen untergraben. Die Währung des Königreichs war Reis, das Hauptnahrungsmittel der zwangsverpflichteten Bauarbeiter sowie der Tausendschaft en von Tempeldienern. Einer Inschrift am Monument von Ta Prohm zufolge leisteten allein hier 12.640 Personen Fronarbeiten, außerdem bauten mehr als 66.000 Bauern etwa 2500 Tonnen Reis pro Jahr für die Ernährung dieser gewaltigen Anzahl von Priestern, Tänzern und Vasallen an. Rechnet man diese Gleichung nun für zusätzlich drei weitere sakrale Anlagen hoch – Preah Khan und die größeren Komplexe Angkor Wat und Bayon – schwillt die erforderliche Menge an Bauern auf 300.000 an. Das wäre dann, so die Schätzungen, beinahe die Hälfte der Bevölkerung Groß-Angkors. Eine neue egalitäre Religion wie der Theravada-Buddhismus könnte zu einer Rebelliongeführt haben.

Vielleicht hat der Hof der Stadt Angkor aber auch einfach nur den Rücken gekehrt. Jeder neue Herrscher errichtete in der Regel eigene Tempelbezirke. Diese Baubegeisterung mag die Stadt überfordert haben, als der Seehandel zu florieren begann. Im 16. Jahrhundert war das Machtzentrum der Khmer bereits näher an den Mekong, näher an Kambodschas heutige Hauptstadt Phnom Penh verlegt worden. Von dort aus hatte man einen besseren Zugang zum Südchinesischen Meer. Wirtschaftliche und religiöse Turbulenzen mögen Angkors Niedergang beschleunigt haben. Doch es war schließlich ein anderer Feind, der die Khmer-Herrscher wie aus heiterem Himmel traf: Ein Klimawandel brachte das Gleichgewicht ihres Wassersystems ins Wanken. Auf dieser vorzüglich eingestellten Maschinerie gründete die Stärke ihres Reichs: Mit Hilfe von Kanälen und Speichern konnten sie für die trockenen Monate Wasservorräte anlegen und sich in der Regenzeit der Überschüsse entledigen. Aber dann geriet ihre Welt aus den Fugen.

Angkor und seine Herrscher machten sich die Monsunfluten zunutze, die aus den Kulen-Bergen herabströmten, und das Reich blühte und gedieh. Seit der Ära von König Jayavarman II., der im frühen 9. Jahrhundert den Grundstein für das Imperium gelegt hatte, gründete das Wachstum der Gesellschaft auf höchst ertragreichen Reisernten. In ganz Südasien konnten vermutlich nur die altertümlichen Städte Anuradhapura und Polonnaruwa in Sri Lanka mit ihren berühmten Reservoiren eine ähnlich gute Wasserversorgung wie Angkor gewährleisten.
Um die Verlässlichkeit ihres Systems abzusichern, hatten die Khmer-Ingenieure gewaltige Strukturen geschaffen, darunter ein gigantisches Staubecken: den Westlichen Baray, acht Kilometer lang und gut zwei Kilometer breit. Um vor tausend Jahren dieses dritte und kunstvollste von Angkors Bassins zu bauen, müssen bis zu 200.000 Arbeiter etwa 12 Millionen Kubikmeter Erde zu ebenso kolossalen Uferbefestigungen aufgehäuft haben; die Wallanlagen sind 90 Meter breit und neun Meter hoch.

Noch heute speist sich das riesige rechteckige Becken aus dem Fluss Siem Reap. Bernard-Philippe Groslier, Archäologe an der École Française d’Extrême Orient (EFEO), würdigte als erster Wissenschaftler die enormenDimensionen dieses Wasserwirtschaftssystems. In einer wegweisenden Abhandlung aus dem Jahr 1979 beschrieb er Angkor als «cité hydraulique» – als „Wasserstadt“. Seine Hypothese: Die großen Barays erfüllten einen doppelten Zweck. Einerseits verkörperten sie den Ur-Ozean der Hindukosmogonie; andererseits dienten sie der Bewässerung von Reisfeldern.
Unglücklicherweise konnte Groslier seine Annahme nicht mit weiteren Belegen absichern. Der kambodschanische Bürgerkrieg, die brutale Herrschaft der Roten Khmer und die Vertreibung des Regimes durch vietnamesische Streitkräfte im Jahr 1979 machten Angkor 20 Jahre lang zum Sperrgebiet. Nach dem Rückzug der vietnamesischen Truppen stürzten sich Plünderer auf die Tempel, stahlen Statuen und meißelten gar Reliefs ab. Im Jahr 1992 eröffnete der Architekt und Archäologe Christophe Pottier die Forschungsstation der EFEO in Angkor wieder. Die vordringlichste Aufgabe war damals die Unterstützung Kambodschas bei der Restaurierung der verfallenen oder geplünderten Baudenkmäler.

Doch Pottier zog es vor allem in die Wildnis jenseits der Tempelmauern. Monatelang reiste er kreuz und quer durch die südliche Hälfte Groß-Angkors und kartografierte bis dahin verborgene Wohnhügel und Heiligtümer, die in der Nähe künstlicher Teiche lagen – auch diese dienten als Vorratsbecken.
Im Jahr 2000 bekamen Fletcher und sein Kollege Damian Evans dann Radarbilder der Nasa von Angkor in die Hand. Sie waren eine Offenbarung: Das Team der Universität Sydney, das mit der EFEO und APSARA (der kambodschanischen Behörde, die Angkor verwaltet) zusammenarbeitete, fand Spuren vieler weiterer Siedlungen, Kanäle und Wasserspeicher, insbesondere in den unzugänglichen Bereichen Angkors. Entscheidend war die Entdeckung von Zu- und Abflüssen an den Barays. Diese Erkenntnis beendete die von Grosliers Arbeit ausgelöste Debatte, ob die riesigen Wasserbecken lediglich für religiöse Rituale oder doch auch zur Bewässerung genutzt wurden. Die Antwort stand fest: sowohl als auch.

Die Wissenschaftler waren erstaunt über den Ehrgeiz der Khmer-Ingenieure. «Uns wurde klar, dass die gesamte Landschaft von Groß-Angkor künstlich ist», sagt Fletcher. Über die Jahrhunderte bauten Arbeitertrupps Kanäle und Deiche von insgesamt vielen hundert Kilometern Länge. Dieser Komplex leitete mit Hilfe feiner Unterschiede im natürlichen Gefälle des Geländes den Zulauf aus den Flüssen Puok, Roluos und Siem Reap in die Barays. In den Monaten des Sommermonsuns führten Überlaufkanäle überschüssiges Wasser ab. Und im Oktober oder November, wenn die Regenfälle versiegten, verteilten die Gräben das gespeicherte Wasser wieder. Dieses ausgeklügelte System hat vermutlich den Ausschlag gegeben, dass das Imperium von Angkor aus der Mittelmäßigkeit zu wahrer Größe aufstieg.
Bei der Ausgrabung eines der außergewöhnlicheren Beispiele für Angkors Können – einer immensen Konstruktion innerhalb der Wasseranlagen – macht Fletchers Team eine verblüffende Entdeckung: Offenbar wurde dieser Bau von Angkors eigenen Ingenieuren zerstört. Die sauber gefügten Steinblöcke an jener Stelle wurden aus Laterit gehauen, einem porösen eisenreichen Boden, der an der Luft aushärtet.

Vor einigen Jahren fanden Fletcher und Pottier zum ersten Mal einen Abschnitt dieses Gebildes. Damals hielten sie es für die Überreste eines kleinen Schleusentors. «Der Fund hat sich als Bauwerk von monströsen Ausmaßen erwiesen», erzählt er. Die Blöcke sind die Überreste eines gewaltigen Überlaufkanals auf einem Wall, der so lang wie ein Fußballfeld gewesen sein könnte: Konstrukteure hoben diese Trasse gegen Ende des 9. Jahrhunderts aus, um den Lauf des Flusses Siem Reap zu ändern. Sie lenkten ihn nach Süden um, zum damals neu erbauten Östlichen Baray. Dieses Staubecken ist beinahe so groß wie der spätere Westliche Baray. Der Damm lag im Fluss und leitete Wasser in den Kanal um. Die Ruinen des Abflussgrabens sind ein entscheidender Hinweis auf endlose Probleme: Generationen von Khmer-Ingenieuren hatten mit einem immer komplexeren und schwerer zu meisternden Wassersystem zu kämpfen. «Wahrscheinlich haben sie einen Großteil ihres Lebens damit zugebracht, es zu reparieren», sagt Fletcher. Einige Blöcke des Walls liegen kreuz und quer, riesige Abschnitte des Mauerwerks fehlen.
«Die schlüssigste Erklärung wäre, dass der Damm versagt hat», meint Fletcher. Möglicherweise hat der Fluss an der Anlage genagt und sie allmählich geschwächt. Vielleicht wurde sie von einer ungewöhnlich starken Überflutung weggeschwemmt, wie sie alle 100 oder vielleicht auch nur alle 500 Jahre einmal vorkommt. Dann bauten die Khmer einen Großteil der verbleibenden Konstruktion ab, um die Blöcke für andere Zwecke zu nutzen.

In einem Teich am Mebon, einem Inseltempel mitten im Westlichen Baray, findet sich ein weiterer Hinweis auf das Versagen des Wassersystems. Pollenkörner, die im Schlamm konserviert waren, zeigen, dass im Baray bis Anfang des 13. Jahrhunderts Lotus und andere Wasserpflanzen gediehen. Dann tauchen neue Arten von Pollen auf, von Farnen und anderen Pflanzen, die Sumpfböden oder dürres Land bevorzugen. In der Blütezeit von Angkors Macht war eines ihrer Staubecken offenbar eine Weile lang trockengefallen. «Da ist viel früher etwas schiefgegangen, als wir vermutet hatten», sagt Daniel Penny, Pollenexperte und ebenfalls einer der Leiter des Greater Angkor Project.

Jeglicher Schaden am Wassersystem hätte Angkor jedenfalls noch anfälliger gemacht gegen eine Naturerscheinung, mit der kein Ingenieur jener Zeit rechnen konnte. In Europa herrschte vom 14. Jahrhundert an mehrere hundert Jahre lang unberechenbares Wetter. Die sogenannte Kleine Eiszeit zeichnete sich durch strenge Winter und kühle Sommer aus. Bis vor kurzem lagen nur unzureichende Informationen über das Wetter in anderen Teilen der Welt in dieser Periode vor. Nun scheint es, als hätte auch Südostasien einen Klimawandel erlebt.

In der Gegend um Angkor dauert der Monsun etwa von Mai bis Oktober und liefert dort fast 90 Prozent der jährlichen Niederschlagsmenge. Brendan Buckley vom Lamont-Doherty Earth Observatory, dem geowissenschaftlichen Forschungsinstitut der Columbia-Universität bei New York, will die Monsunperioden längst vergangener Zeiten ermitteln. Dafür begibt er sich in den Wäldern Südostasiens auf die Suchenach Bäumen mit Jahresringen. Zwar weisen die meisten Arten der Region keine erkennbaren saisonalen Muster auf. Doch schließlich finden Buckley und sein Team eine Reihe langlebiger Spezies, darunter Teakbäume und seltene Fujian-Zypressen, von denen manche bis zu 900 Jahre alt sind. Die pflanzlichen Zeitzeugen erzählen eine faszinierende Geschichte.

Die Abfolge schmaler Jahresringe belegt dicht aufeinanderfolgende Perioden von Dürrekatastrophen: von 1362 bis 1392 und von 1415 bis 1440. In diesen Zeiträumen war der Monsun schwach oder verspätet. Manchmal mag er auch völlig ausge blieben sein. In anderen Jahren wurde die Region von Megamonsunen heimgesucht. Für ein ohnehin angeschlagenes Königreich könnte dieses extreme Wetter den Gnadenstoß bedeutet haben. «Wir wissen nicht, warum die potenzielle Kapazität des Wassersystems nicht ausgeschöpft wurde – das ist ein Rätsel», sagt Penny. «Aber es bedeutet, dass Angkor keine Fettpolster hatte. Die Stadt war der Bedrohung durch eine Dürre hilfloser ausgeliefert als zu jedem anderen Zeitpunkt in ihrer Geschichte.» Lange Trockenperioden, unterbrochen von sintflutartigen Regenfällen «dürft en das System ruiniert haben», vermutet Fletcher.

Zwar waren die Menschen im Süden – im Überschwemmungsgebiet des Tonle Sap – vor den schlimmsten Auswirkungen zunächst wohl geschützt. Denn der See speist sich aus dem Mekong, und für seinen Oberlauf in den Gletscherfeldern Tibets kann eine veränderte Monsunzeit wohl kaum Auswirkungen gehabt haben. Doch die Khmer-Ingenieure, so versiert sie waren, konnten das Wasser des Tonle Sap nicht gegen das natürliche Gefälle umlenken und so die Trockenheit im Norden lindern. Ihre einzige Pumpe war die Schwerkraft . Falls die Bewohner Nord-Angkors hungerten, während in anderen Teilen der Stadt Reis gehortet wurde, hatte das mit großer Wahrscheinlichkeit Unruhen zur Folge. Außerdem hätte eine schlecht ernährte Armee, zumal von innerem Streit geschwächt, die Stadt Angriff en von außen preisgegeben.

Tatsächlich ereigneten sich die Invasion aus Ayutthaya und die Vertreibung des Khmer-Königs gegen Ende der zweiten langen Dürreperiode. Addiert man zu diesem Klimachaos die sich verändernden politischen und religiösen Verhältnisse, dann sei Angkors Schicksal besiegelt gewesen, mutmaßt Fletcher. Das Reich der Khmer war nicht die erste Zivilisation, die von einer Klimakrise in die Knie gezwungen wurde. Jahrhunderte zuvor, während Angkor noch emporstieg, suchte auf der anderen Seite der Erde eine Wetterkatastrophe die Stadtstaaten der Maya in Mexiko und Mittelamerika heim. Heute glauben viele Wissenschaftler, dass die Maya der Überbevölkerung sowie der Umweltzerstörung als Folge dreier verheerender Dürreperioden im 9. Jahrhundert erlagen.

«Angkor ist im Grunde das Gleiche widerfahren», sagt der Anthropologe Michael Coe von der Yale-Universität. Die heutigen Gesellschaft en müssen sich womöglich auf ähnliche klimatische Herausforderungen gefasst machen. Buckley zufolge war der wahrscheinlichste Auslöser der Dürrekatastrophen von Angkor eine starke und anhaltende Erwärmung des Oberflächenwassers im zentralen und östlichen tropischen Pazifik, – wir kennen sie unter der Bezeichnung El Niño. Die Jahresringe von Bäumen in Vietnam zeigten ihm, dass schon solche natürlichen Schwankungen im Pazifikklima eine Dürre in Südostasien auslösen können.

Angkors Ende ist eine ernüchternde Lektion über die Grenzen menschlicher Genialität. Die Khmer hatten ihre Welt umgestaltet – eine gewaltige Investition, die aufzugeben den Herrschern des Reichs unerträglich gewesen sein muss. «Angkors Wasserwirtschaftssystem war eine erstaunliche Maschinerie, ein wunderbarer Mechanismus zur Regulierung der Welt», sagt Fletcher. 600 Jahre konnten die Ingenieure die herausragende Errungenschaft ihrer Zivilisation in Gang halten – bis am Ende eine stärkere Kraft die Oberhand gewann.

(NG, Heft 7 / 2009)

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