Geschichte und Kultur

„Der Islam soll Lösung aller Probleme sein“

ISIS im Irak, Boko Haram in Nigeria und die Salafisten in Deutschland. Islamisten machen vielen Menschen Angst, wohl auch deshalb gibt es über den Islam als Religion so viele Missverständnisse. Der Wissenschaftler Stephan Rosiny klärt auf.

Von Lisa Srikiow
„Der Islam soll Lösung aller Probleme sein“

ISIS im Irak, Boko Haram in Nigeria und die Salafisten in Deutschland. Islamisten machen vielen Menschen Angst, wohl auch deshalb gibt es über den Islam als Religion so viele Missverständnisse. Der Politik- und Islamwissenschaftler Stephan Rosiny klärt auf.

Entführungen, Überfälle, Morde – das Vorgehen islamistischer Gruppen wie Boko Haram in Nigeria und ISIS in Irak erschreckt uns. Warum gehen die Milizen so brutal vor?
Es geht diesen radikalislamistischen Gruppen um Einschüchterung, man will unter den Gegnern Angst und Schrecken verbreiten. Damit sind die Kämpfer des "Islamischen Staats im Irak und in Großsyrien" (ISIS) äußerst erfolgreich, denn viele irakische Regierungssoldaten sind Hals über Kopf geflohen. Zudem haben islamistische Extremisten eine konkrete Endzeiterwartung. Durch den Kampf gegen vermeintlich Ungläubige versprechen sie sich einen Platz im Paradies. Für die Kämpfer von ISIS und Boko Haram ist Gewalt somit ein legitimes Mittel, um ihre Ziele zu erreichen.

Die Religion prägt die gesamte Vorstellungswelt?
Allgemein sehen Islamisten im Islam die Lösung auf sämtliche Probleme. Für die Anführer von ISIS beispielsweise ist der Salafismus, eine sehr fundamentalistische und exklusive Deutung des Islam, das einzig richtige Verständnis ihrer Religion. Salafisten legen die islamischen Quellen wortwörtlich aus, für sie gilt stets die strengste Regel – auch wenn es liberalere Interpretationen derselben Textstelle gibt. Nehmen Sie als Beispiel die Verschleierung der Frau. Dafür gibt es unter Muslimen mehrere Auslegungen. Aus dem Koran selbst lässt sich noch keine Verschleierungspflicht ableiten, sondern erst aus ergänzenden, uneinheitlichen Prophetenüberlieferungen. Die Salafisten verlangen, dass Frauen sich voll verschleiern, das heißt auch ihr Gesicht.

Wer sich nicht daran hält, wird zum Feind – auch, wenn er Muslim ist?
Ja, nicht nur Christen und Säkulare, auch Muslime sind sehr oft das Ziel salafistischer Gewalt. Islamisten wie die Kämpfer von ISIS beanspruchen die Deutungshoheit über die islamischen Quellen, die sie extrem eng auslegen. Wer ihnen nicht folgt, ist kein rechtgeleiteter Muslim mehr, und er kann sogar als „Abtrünniger“ verfolgt werden.

Warum ist dieser brutale Islamismus gerade jetzt auf dem Vormarsch?
In Nigeria sind die Menschen unzufrieden über die Verteilung des Wohlstands. Im Irak geht es um die Frage, wer das Land rechtmäßig beherrschen darf – Schiiten oder Sunniten. Die Schiiten haben lange unter dem von Sunniten dominierten Regime Saddam Husseins gelitten. Nach seinem Sturz im Jahr 2003 wollten sie eine weitere Diskriminierung nicht dulden und beanspruchten viele sicherheitsrelevante Ämter für sich. Dass sie ihren Machtanspruch verlieren sollten, konnten wiederum viele Sunniten nicht akzeptieren. Der Konflikt hat also eher politisch-kulturelle Ursachen. Dabei haben Schiiten und Sunniten lange friedlich nebeneinander gelebt, die Übergänge zwischen beiden Konfessionen sind in einigen religiösen Praktiken wie der Heiligenverehrung fließend. Aber ISIS hat die Unzufriedenheit vieler Sunniten mit der schiitischen Regierung ausgenutzt, um ein Feindbild, einen Sündenbock zu etablieren. So konnten sie viele Anhänger mobilisieren. Islamisten knüpfen da an, wo Menschen sich ungerecht behandelt fühlen oder Not leiden.

Auch in Deutschland sind die Salafisten erstaunlich erfolgreich. Warum?
Gerade Menschen aus der zweiten oder dritten Einwanderergeneration, aber auch junge deutschstämmige Konvertiten, fühlen sich vom Salafismus angezogen. Oft mussten sie in ihrem jungen Leben bereits Rückschläge erleiden: Misserfolge in Schule und Ausbildung, Rassismus oder Diskriminierung aufgrund ihrer Religion. Auch Erfahrungen mit Kriminalität oder Drogen spielen bei vielen eine Rolle. Kommen sie dann mit Salafisten zusammen, haben sie oft ein religiöses Erweckungserlebnis.

Warum helfen ihnen die Salafisten bei der Sinnsuche?
Viele junge Salafisten in Deutschland weisen eine gebrochene Biographie auf, in der sie keine gefestigte Identität entwickeln konnten. Sie sehen sich wegen ihrer muslimischen Herkunft oft als Opfer ihrer bisherigen Umgebung. Der Salafismus liefert ihnen dagegen nun viele Erklärungen. Sie sehen ihre persönlichen Rückschläge in einem größeren Kontext, wenn ihnen eingeflüstert wird, dass nicht nur sie, sondern Muslime auf der ganzen Welt diskriminiert werden. Viele radikalisieren sich deshalb - in dem Glauben, den Islam verteidigen zu müssen. Zudem bekommen sie in der neuen Glaubensgemeinschaft Wertschätzung und erleben Geborgenheit. Dinge, die ihnen die deutsche Gesellschaft oftmals leider nicht bieten konnte.

Bereiten Ihnen die Aktivitäten der Salafisten hierzulande Sorgen?
Salafismus ist die am schnellsten wachsende Religionsgemeinschaft in Deutschland. Gefährlich wird Salafismus, wenn er sich mit aktuellen politischen Konflikten wie den Kriegen in Syrien oder im Gasastreißen verbindet, da sich seine Anhänger dann zu radikalen, gewaltbereiten Dschihadisten entwickeln können.

Stephan Rosiny beschäftigt sich unter anderem mit dem Politischen Islam (Islamismus) und dem Zusammenhang von Religion und Gewalt am Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA) in Hamburg.
Seine aktuelle Publikation „Des Kalifen neue Kleider“ - Der „Islamische Staat“ in Irak und Syrien ist unter www.giga.de abrufbar.

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