Geschichte und Kultur

Die Traumfrau der Antike: Kleopatra

Von allen Legenden, die sich um das Leben der Königin vom Nil ranken, ist die Geschichte ihrer ersten Begegnung mit Julius Cäsar sicherlich die schönste. Über der Stadt Alexandria liegt Dunkelheit, als ein kleines Boot unbemerkt im Hafen festmacht.

Von Emanuel Eckardt

Von allen Legenden, die sich um das Leben der Königin vom Nil ranken, ist die Geschichte ihrer ersten Begegnung mit Julius Cäsar sicherlich die schönste. Über der Stadt Alexandria liegt Dunkelheit, als ein kleines Boot unbemerkt im Hafen festmacht. Ein Mann trägt einen Teppich zum Königspalast, auf ein Zeichen hin wird er eingelassen. Kurz darauf rollt er das Bündel vor dem römischen Feldherrn aus, der mit der Absicht ins Land gekommen ist, den andauernden Streit um den ägyptischen Thron zu beenden: Zu Cäsars Füßen liegt eine junge Frau von 21 Jahren. Ein unmissverständliches Angebot an den 52-Jährigen, der bekannt dafür ist, kaum einer Schönen widerstehen zu können. Es ist eine Nacht im Herbst des Jahres 48 v. Chr. Das berühmteste Liebespaar der Welt hat sich gefunden. Verführt sie ihn? Erobert er sie? Oder ist es beiderseits Liebe auf den ersten Blick?

Kurz darauf ist Kleopatra schwanger. Wir wissen nicht genau, was Cäsar an der Königin vom Nil faszinierte. Sicher, sie hat eine gute Erziehung genossen, kennt sich in Arithmetik, Geometrie und Rhetorik aus, hat sich zudem mit Astronomie und Medizin beschäftigt und beherrscht zehn Sprachen. Sie soll Bücher über Maße, Gewichte und Münzen verfasst haben, über Medizin, Kosmetik und Alchimie. Aber der große Stratege Cäsar sieht wohl auch ganz andere Dinge. Der Feldherr genießt es, Ägypten über Nacht zu erobern, das reichste Land der ihm bekannten Welt, das letzte Königreich am Mittelmeer, das formell noch unabhängig ist - ohne dafür auch nur einen einzigen Mann zu opfern. War Kleopatra eine orientalische Schönheit? Oder war sie eher rundlich, mit dickem Hals, Doppelkinn und Hakennase, wie ihre Darstellung auf manchen Münzen aus jener Zeit vermuten lässt? Die Porträts auf den antiken Geldstücken sagen nur wenig über ihr Gesicht und ihre Gestalt, glauben die Forscher. Wie also sah diese Femme fatale der Antike wirklich aus?

"Gehen wir zu ihr", sagt Bernard Andreae, ein deutscher Archäologe von 75 Jahren ohne Altersmilde, störrisches weißes Haar, blitzende grüne Augen, ein höchst lebendiger, unruhiger Geist. Wir haben uns am Eingang der Kapitolinischen Museen in Rom verabredet. Der Professor eilt voraus, zielstrebig steuert er in die Galerie der "Venus vom Esquilin". Wir bestaunen eine junge Frau, die selbstvergessen und in bezaubernder Nacktheit an einer Vase lehnt und nach unten blickt - die schönste im Kapitol. "Dies ist, aller Wahrscheinlichkeit nach, Kleopatra VII.", sagt Andreae. "Das hellenistische Standbild zeigt sie als Isis, die ägyptische Göttin der Liebe." Andreae, 1930 in Graz geboren, leitete zwölf Jahre lang das Deutsche Archäologische Institut in Rom und ist Träger des Ordens "Pour le Mérite". Eine Kapazität also - und dennoch, nach eigener Einschätzung, für viele Kollegen ein rotes Tuch. Denn wieder einmal erschüttert er die Fundamente fest gefügter Lehrmeinungen. Die römische Venus eine hellenistische Isis? Womöglich eine Kopie der goldenen Statue, die Cäsar seiner Geliebten einst im Tempel der Venus errichten ließ?

Vorwiegend Männer haben das Bild der großen Herrscherin der Antike mit Vokabeln wie Hure und Verführerin geprägt. 

(NG, Heft 10 / 2006)