Geschichte und Kultur

Ernest Shackleton

Er gelangt vor Scott und Amundsen näher an den Südpol als je ein Mensch vor ihm. Auf seiner dritten Antarktisexpedition steckt er im Packeis fest – und startet die spektakulärste Rettungsaktion in der Geschichte des Südpolarmeers.

Von National Geographic
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Ernest Shackleton gelangt vor Scott und Amundsen näher an den Südpol als je ein Mensch vor ihm. Auf seiner dritten Antarktisexpedition steckt er im Packeis fest – und startet die spektakulärste Rettungsaktion in der Geschichte des Südpolarmeers.

Der Erfolg einer Expedition – wovon hängt er ab? Es gab Unternehmen, die brachen auf, und niemand hörte jemals wieder etwas von ihnen. Andere erreichten zwar ihr hoch gestecktes Ziel, aber auf dem Rückweg kamen alle Teilnehmer um. Für viele Expeditionsleiter zählte ein einzelnes Leben nicht viel, wenn es darum ging, ihre Vision zu verwirklichen. Doch manche hätten ihr eigenes Leben gegeben, um alle Mitglieder wieder heil nach Hause zu bringen. Vielleicht sind das die größten Entdeckerpersönlichkeiten – auch wenn sie ihr eigentliches Ziel gar nicht erreicht haben. Ernest Shackleton ist so ein Fall.

Der gebürtige Ire ist Anfang 20 und Offizier der englischen Handelsmarine, als er an Robert F. Scotts erster Antarktisexpedition teilnimmt. Schon bei der ersten Überwinterung im Packeis zeigen sich die Unterschiede der beiden Männer. Scott, ganz englischer Marineoffizier, legt mehr Wert auf Hierarchien als auf gute Kommunikation zu seinen Leuten. Shackleton dagegen findet zu jedem guten Kontakt und wird so zum psychologischen Führer der Expedition.

Shackleton begleitet Scott gemeinsam mit Edward Wilson auf dessen erster Fahrt Richtung Südpol. Auf dem Rückweg ist er so geschwächt, dass er zeitweise von den anderen beiden auf einem Schlitten gezogen werden muss. Scott, mit dem er sich verkracht hat, schickt ihn als dienstuntauglich nach Hause. Doch in England wird Shackleton als Held gefeiert – immerhin ist er einer der Männer, die bisher am weitesten nach Süden vorgedrungen sind.

Durch den Beifall ermutigt, treibt Ernest Shackleton das Geld für eine eigene Antarktisexpedition auf und kauft die „Nimrod“. Mit zehn Ponys und neun Hunden geht es 1907 abermals zum südlichsten Kontinent. Die Expedition errichtet ihr Lager auf der Ross-Insel.

Shackleton teilt das Unternehmen in mehrere Gruppen auf. Einer Mannschaft gelingt die Erstbesteigung des 3795 Meter hohen Vulkans „Erebus“. Ein zweites Team erreicht am 16. Januar 1909 als erstes den magnetischen Pol der Südhalbkugel auf Victorialand. Shackleton selber bereitet unterdessen seinen Marsch zum geographischen Südpol vor.

Am 29. Oktober 1908 bricht er, begleitet von Jameson Adams, Eric Marshall und Frank Wild, mit vier Ponys auf. Es wird ein unbarmherziger Gewaltmarsch. Die Ponys sinken im Schnee ein, fallen in Gletscherspalten. Alle müssen getötet werden, die Männer ziehen ihre Schlitten nun selber. Shackleton entdeckt den Beardmore-Gletscher. Ohne Steigeisen kämpfen er und seine Männer sich die gewaltige Eiszunge hinauf. Ende Dezember erreichen sie als erste Menschen das antarktische Hochplateau. Von hier aus strömen die Gletscher Richtung Küste.

Shackleton und seine Männer leiden an Schneeblindheit, Hunger und Erfrierungen. Aber sie ziehen weiter nach Süden. Am 9. Januar erreichen sie 88 Grad 23 Minuten. Die Vorräte gehen zur Neige, sie sind am Ende ihrer Kräfte, aber nur noch 185 Kilometer vom Pol entfernt. Kein Mensch war jemals so nah am südlichsten Punkt der Erde. Doch Shackleton opfert seine Männer nicht. Er dreht um. Adams wird auf dem Rückweg so krank, dass er nicht mehr laufen kann. Die anderen ziehen ihn auf einem Schlitten. Die letzten 36 Stunden marschieren sie ohne Pause – und retten ihm dadurch das Leben. Die Expedition hat den Pol nicht erreicht. Sie ist dennoch ein großer Erfolg. In England wird Shackleton dafür in den Adelsstand erhoben.

Roald Amundsen erreicht 1911 als Erster den Südpol. Peary hat zwei Jahre vorher den Nordpol erobert. Doch eine Trophäe ist für Shackleton noch zu holen: die Durchquerung der Antarktis. Am 1. August 1914 sticht er mit der „Endurance“ in See. Die Expedition ist überschattet vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In Buenos Aires kommen 69 kanadische Schlittenhunde an Bord. Am 5. November 1914 erreichen die Männer Südgeorgien, einen Monat später segeln sie mit frischen Vorräten weiter ins Südpolarmeer.

Das Weddellmeer – es liegt zwischen der ostantarktischen Küste, der Antarktischen Halbinsel und den Süd-Sandwich-Inseln – ist eines der gefährlichsten Meere der Welt. Hier toben Orkane und haushohe Wellen. Eisschollen werden von der Strömung nach Westen vorangetrieben. Wenn sie sich schließen, spricht man von Eisdrift. Sechs Wochen bahnt sich die „Endurance“ einen Weg durch das Packeis. Immer wieder kann sie sich in offene Wasserrinnen retten. Doch am 20. Januar 1915 sitzt sie fest – eine Tagesreise von dem geplanten Landeplatz an der antarktischen Küste entfernt. Fußballspielen auf dem Eis, Training mit den Hunden, sonntags Gesangsabende – der Winter ist lang. Am 1. Mai verschwindet die Sonne – die Eisdrift treibt das Schiff immer weiter von der Küste weg. Im September – Frühling auf der Südhalbkugel – rührt sich das Eis. Schollen schieben sich krachend übereinander, verkeilen sich, bäumen sich auf. Die „Endurance“ führt einen zähen Todeskampf. Die Männer müssen tatenlos zusehen. Am 27. Oktober zerbirst ihr Schiff – und sinkt.

Die Truppe rettet sich aufs Eis, gründet das „Patience Camp“. Schlafsäcke werden verlost. Shackleton dreht es so, dass die Offiziere die dünneren bekommen. Sie schleppen drei offene Boote mit, um sich darin zu retten, sobald sich die Eisfläche öffnet. Ein Mann darf sein Banjo mitnehmen, um die Truppe abends aufzuheitern. Shackleton weiß, wie wichtig die Stimmung fürs Überleben ist. Die tierlieben Engländer müssen ihre Hunde erschießen, damit sie selber nicht verhungern. «Ich habe viele Männer gekannt, die ich lieber erschießen würde als den schlechtesten dieser Hunde», schreibt der Offizier Frank Wild in sein Tagebuch.

Das Eis wird dünner. Jede Nacht bangen die Männer in den Zelten um ihr Leben. Ob die Scholle hält, die sich da unter ihnen bewegt? Dann endlich, am 9. April, können sie in die Boote. Sie nehmen Kurs auf die Elephant-Insel. Sieben Tage in offenen Booten über das stürmische Eismeer – als sie auf dem kargen Eiland ankommen, sind sie mehr tot als lebendig. «Eine so wilde und ungastliche Küste habe ich noch nie gesehen», notiert Frank Hurley, der Fotograf. Kein Mensch weiß, wo sie sind. Südgeorgien mit seiner Walfangstation liegt fast 1500 Kilometer entfernt.

Doch Shackleton wagt das schier Unmögliche. Mit fünf Männern sticht er am 24. April 1916 in einem siebeneinhalb Meter langen, offenen Boot in See, um von dort Rettung zu holen. Sie nehmen Proviant für vier Wochen mit. Wenn sie die Insel bis dahin nicht erreicht hätten, meint Shackleton, wären sie sowieso untergegangen. Das Südpolarmeer kocht, immer wieder überzieht Eis die Taue des Boots. Ihre nasse Kleidung trocknet während der ganzen Fahrt nicht. Wenn bei einem der Männer die Lebensgeister nachzulassen drohen, lässt Shackleton heiße Pulvermilch zubereiten. Schneetreiben und Stürme behindern die Navigation. Es ist schwer, die Sonne mit dem Sextanten anzuvisieren. Ein Wunder, dass sie nach 16 Tagen Südgeorgien erreichen. Es dauert vier Monate – noch ist Krieg –, bis Shackleton ein chilenisches Schiff auftreibt, um seine Männer von der Elephant-Insel zu retten, doch am Ende hat er keinen einzigen Mann verloren.

1921 bricht der große Polarfahrer noch einmal in die antarktischen Gewässer auf. Doch in Südgeorgien stirbt er an Herzversagen. Ernest Shackleton liegt dort zwischen norwegischen Walfängern begraben.

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