Geschichte und Kultur

Okawango - Afrikas Delta der Wunder

Es ist wie ein Traum: Unter dem wolkenlosen Himmel Botswanas, wenn Regen nur eine verblassende Erinnerung und eine ferne Hoffnung ist, kommt die Flut ins Okawango-Delta.

Von Kennedy Warne
Bilder Von David Doubilet

Im tieferen Wasser des Okawango lauert der Afrikanische Tigersalmler, ein Verwandter des Piranha.

Es ist wie ein Traum: Unter dem wolkenlosen Himmel Botswanas, wenn Regen nur eine verblassende Erinnerung und eine ferne Hoffnung ist, kommt die Flut ins Okawango-Delta. Entstanden ist sie durch Regen, der im Hochland von Angola niederging, 800 Kilometer entfernt. Jetzt, in der trockensten Jahreszeit, rauscht das Wasser den Okawango hinunter, breitet sich in seinem Delta aus, lässt Lagunen und Kanäle schwellen und überschwemmt die Flussniederung. Der Okawango ist ein Segen für das ausgedörrte Land und die durstende Natur.

Dieses Wunder geschieht in Zeitlupe: Das Land im Süden Afrikas ist so flach, dass die aus dem Regen geborene Flut des Okawango drei Monate braucht, bis sie das Flussdelta erreicht. Nach vier weiteren Monaten hat sie das ganze Okawango-Becken auf einer Länge von 250 Kilometern gefüllt. Zum Zeitpunkt ihrer größten Ausdehnung hat sich die Fläche der Feuchtgebiete verdreifacht - am Rand der Kalahari ist eine Oase von fast der Größe Schleswig-Holsteins entstanden.

Im Flachwasser des Okawango grasen Hunderte von Kaffernbüffel.

Aus dem Weltraum sieht das Okawango-Delta wie der Fußabdruck eines Vogels aus. Der Zufluss, das "Bein", wird hier Panhandle ("Pfannenstiel") genannt: ein 100 Kilometer breites Tal, durch das sich der Okawango windet. Die "Zehen", sechs an der Zahl, leiten das Wasser weiter in die Kalahari, wo es versickert und verdunstet. Mein Plan ist, dem Wasser des Okawango auf seinem Weg zu folgen - über und unter der Oberfläche, von den Regengebieten bis in die Wüste.

Im Jahr 1996 ließ die Regierung von Botswana das Okawango-Delta als eines der letzten unberührten Flusssysteme Afrikas - und der ganzen Welt - als international bedeutendes Feuchtgebiet registrieren und verpflichtete sich zu seinem Schutz. Aber der Okawango fließt auf dem größten Teil seiner Länge durch Angola und Namibia.

Eine junge Elefantenkuh watet in ein Wasserloch am Okawango.

Dort spielt Naturschutz kaum eine Rolle. Ein Feuchtgebiet zu schützen, nicht aber seinen Zufluss, ist allerdings ähnlich sinnlos, als würde man eine gefährdete Tierart bewahren wollen, ohne für ihre Nahrung zu sorgen. Natürlich hat Botswana auch wirtschaftliche Gründe, für den Erhalt des Deltas einzutreten: Der Okawango-Tourismus steht als Devisenbringer immerhin an zweiter Stelle hinter dem Diamantenbergbau .

Vor zehn Jahren setzten die drei Staaten eine Kommission ein, um die Bewirtschaftung des Okawango gemeinsam zu beaufsichtigen - mit wenig Erfolg, wie angesichts unterschiedlicher nationaler Interessen kaum anders zu erwarten war. Es gab Vorschläge, Botswana solle an Angola und Namibia eine Entschädigung dafür zahlen, dass diese ihre Pläne für Wasserkraftwerke und andere Vorhaben, die das Delta schädigen könnten, einschränken oder aufgeben. Sie wurden aber von keiner Seite ernst genommen.

(NG, Heft 4 / 2005)

Wei­ter­le­sen