Geschichte und Kultur

Wunder über Manhattan

Was tun mit einer Hochbahntrasse, die nicht mehr benötigt wird und verfällt? Einen Park anlegen! Mit heimischen Pflanzen, Ausblicken auf Stadt und Fluss. Mit viel Platz für Flaneure und Verliebte. Manhattan macht es vor.

Von Paul Goldberge
Bilder Von Diane Cook und Len Jenshel

Ein Zufluchtsort? Eine grüne Insel im Ozean aus Beton? Die High Line im Stadtteil Chelsea wirkt wie das Gegenteil eines Parks: eine schroffe Stahlkonstruktion, auf deren Gleisen einst Waggons in Fabriken rollten. Heute ist sie eine Oase für die Menschen von New York.

Tatsächlich galt die High Line bis vor kurzem als Altlast für die Stadt – zudem als eine, die immer weiter zerfiel. 1934 war die Bahnlinie zwischen Lagerhäusern und Betrieben der Lower West Side von Manhattan in Betrieb genommen worden, 1980 rollte der letzte Güterzug mit tiefgefrorenen Truthähnen über die Gleise. Seitdem rottete das Bauwerk vor sich hin.

Viele Anwohner konnten kaum abwarten, dass der hässliche Bahnkörper endlich verschwindet. Auch Rudolph Giuliani, von 1994 bis 2001 Bürgermeister von New York, gehörte zu ihnen. Seine Verwaltung hatte erkannt, dass der Prozess der Gentrifizierung auch in Chelsea voranschritt, dass immer mehr Galerien, Restaurants und schicke Apartments das Quartier veredelten. Nachdem ein südlich verlaufender Abschnitt der Trasse abgerissen war, sollte auch das gut zwei Kilometer lange Teilstück zwischen Gansevoort und 34th Street beseitigt werden: Das Viertel sollte zeigen, was in ihm steckte.

Selten lag eine öffentliche Verwaltung so daneben. Knapp zehn Jahre nachdem Giulianis Beamte versucht hatten, die High Line abzureißen, hat sie sich zu einem der originellsten und einladendsten öffentlichen Räume New Yorks entwickelt. Auf den schwarzen Stahlträgern der stillgelegten Bahnlinie grünt heute ein Park, der über der Straße zu schweben scheint. Er ist alles in einem: Boulevard für Spaziergänger, ein Ort, um sich zu treffen, ein botanischer Garten.

Das untere Drittel, das an der Gansevoort Street beginnt und sich über die Tenth Avenue bis zur West 20th Street erstreckt, wurde im Sommer 2009 eröffnet. In diesem Frühjahr wird ein zweiter Abschnitt freigegeben, mit dem der Park um zehn Querstraßen fast einen Kilometer weiter bis zur 30. Straße wächst. Freunde der Anlage malen sich schon aus, wie sich der Park eines Tages über die gesamte Strecke der High Line erstreckt.

Es ist eine eigenartige Erfahrung, in acht Meter Höhe durch einen Park zu laufen. Man ist mit dem Leben auf der Straße verbunden und steht doch über den Dingen. Wer mag, nimmt Platz inmitten von gärtnerisch umsorgten Anpflanzungen, lässt sich von der Sonne bescheinen und schaut auf den Hudson River. Auch zum Wandern eignet sich die Trasse, die mal zwischen alten, mal an gewagten neuen Gebäuden vorbei verläuft. Stadtmenschen staunen darüber, dass kein Verkehr und keine Ampel zum Warten zwingen – zehn Blocks weit zu laufen fällt nicht schwerer als sonst zwei.

Der Entwurf stammt von dem Landschaftsarchitekten James Corner vom Planungsbüro Field Operations und dem Architekturbüro Diller Scofidio + Renfro. Mit ihrem Konzept übertrumpften sie Berühmtheiten wie Zaha Hadid, Steven Holl und den Landschaftsarchitekten Michael van Valkenburgh. «Wir stellten uns ein langes, gewundenes Band mit separaten Episoden vor», erläutert Corner sein Konzept. «Überall soll der Charakter der High Line spürbar bleiben, aber dabei soll es Variationen geben.» Schlanke Sitzbänke aus Holz scheinen aus dem Boden herauszuwachsen. Viele der alten Gleise wurden liegen gelassen und in die Gehwege und das Grün integriert. Gemeinsam mit dem niederländischen Landschaftsarchitekten Piet Oudolf empfahl Corner eine Bepflanzung mit hochwachsenden Gräsern und Schilfpflanzen – alles sollte dem Gestrüpp und den Wildblumen ähneln, die sich von allein zwischen den Gleisen breitgemacht hatten.

Der erste, der den stillgelegten Bahnkörper retten wollte, war Peter Obletz, ein Eisenbahnfanatiker. Für zehn Dollar erwarb er die gesamte Konstruktion vom Betreiber Conrail, um die Schienen wieder nutzbar zu machen. Ein Rechtsstreit zog sich über Jahre hin, Obletz unterlag; er starb 1995 – und doch gilt er als Vorreiter der Idee, die High Line zu bewahren.

Die wahren Helden dieser Geschichte aber sind Joshua David und Robert Hammond. Der freischaffende Autor und der Künstler, der seinen Unterhalt mit Arbeiten für junge Technologieunternehmen bestritt, begegneten sich 1999 bei einem Anwohnertreffen, auf dem über die Zukunft der Trasse diskutiert wurde. «Mir fiel ein Artikel in der New York Times auf, in dem es hieß, dass die High Line abgerissen werden sollte», erinnert sich Hammond, damals 36. «Dabei liebte ich die Stahlkonstruktion, ich mochte die Nieten, den Zerfall. Der Bezirksbeirat hatte das Thema auf der Tagesordnung. Ich ging hin. Josh saß auf dem Platz neben mir. Wir beide waren die Einzigen auf der Versammlung, die für die Erhaltung eintraten.» Und Joshua David, damals 29, fügt hinzu: «Es wurde auch über eine neue Nutzung diskutiert. Aber das brachte jene auf, die sich für den Abriss einsetzten – wir konnten kaum glauben, wie heftig die Wut dieser Leute war.»

Die beiden baten, die Trasse besichtigen zu dürfen. «Wir stiegen hinauf», sagt Hammond, «und sahen auf zweieinhalb Kilometern nur Wildblumen – mitten in Manhattan.» Oben auf den stählernen Stelzen tat sich eine faszinierende Weite auf. Die beiden waren wild entschlossen, den Abriss der High Line zu verhindern. Im Herbst 1999 gründeten sie die Initiative „Freunde der High Line“. Zunächst setzten sie sich bescheidene Ziele. «Wir wollten verhindern, dass Giuliani die Trasse abreißt», sagt Hammond. «Aber das war nur ein erster Schritt, und bald wurde uns klar, dass wir hier etwas Neues für die Öffentlichkeit schaffen könnten.»

(NG, Heft 4 / 2011)

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