Mit dem Zug durch Kanada

Auf einer einmaligen Reise von Toronto nach Vancouver offenbart sich die unvergessliche Vielfalt der kanadischen Landschaften.

Ich bin ein introvertierter Mensch. Damit meine ich nicht nur, dass ich lieber fernsehe, als auf Cocktailpartys zu gehen, sondern dass Small Talk mein schlimmster Albtraum ist. Wie konnte es also dazu kommen, dass ich mit Fremden an einem Tisch sitze und esse – und dabei auch noch Spaß habe?

Schuld ist meine Liste mit Dingen, die ich in meinem Leben unbedingt mal machen will. Eine ganz bestimmte Reise steht schon seit Jahren darauf: Eine Zugfahrt durch ganz Kanada im Canadian, dem Flaggschiff des Verkehrsunternehmens Via Rail. Die Reise verspricht wunderschöne Landschaften, überragenden Service und die Möglichkeit, das zweitgrößte Land der Erde auf eine einzigartige Weise zu entdecken: 4.465 Kilometer in nur vier Tagen. Also beschloss ich, dass es an der Zeit war, diesen Punkt auf der Liste abzuhaken.

Tag 1: Von Washington, D.C., nach Toronto

An der Union Station in Toronto, dem geschäftigsten Bahnhof Kanadas, begebe ich mich direkt zur Via Rail Lounge. Bald tummeln sich dort etliche Menschen und ich kann einen ersten Blick auf meine Mitfahrer werfen. Unter ihnen befinden sich junge und ältere Pärchen und ein paar Reisende, die genau wie ich allein unterwegs sind. Ein Gefühl von Aufregung liegt in der Luft, das in unserer heutigen Zeit der hastigen Hochgeschwindigkeitsreisen anachronistisch wirkt.

Kurz vor 22 Uhr wird zum Einsteigen aufgerufen. Keine zehn Minuten später werde ich in meine Kabine in Waggon 13 eskortiert, wo bereits ein gemütliches Bett für die Nacht vorbereitet wurde. Es gibt ein Waschbecken, eine abgetrennte Toilettenkabine und – am allerbesten – ein großes Panoramafenster.

Am hinteren Ende des Zuges versammeln sich die Passagiere in einem Waggon mit gewölbtem Glasdach, um auf eine gute Reise anzustoßen. Die Gläser klirren leise, als der Zug aus dem Bahnhof fährt. Ich bleibe ein Weilchen dort, kehre dann aber in meine Kabine zurück, um das zu tun, worauf ich mich am meisten gefreut habe: die Welt an meinem Fenster vorbeiziehen zu sehen. Wir fahren an Fabriken, modernen Wohnhäusern, Graffiti, Loft-Apartments und einem Gewächshaus vorbei, während wir Toronto verlassen. Dann öffnet sich der Himmel über mir und ich kann die Sterne sehen.

Tag 2: Von Sudbury zum Sioux Lookout in Ontario

Als ich aufwache, geht gerade die Sonne über Markham in Ontario auf. Ich mache ungefähr 50 Fotos, als ich versuche, die Farben des Lichts einzufangen. Der Zug fährt in den Bahnhof Sudbury Junction in Greater Sudbury ein. Die Stadt entstand auf dem Rücken von Bergarbeitern und Holzfällern.

Frühstück gibt es im Speisewagen von 6.30 Uhr bis 8.30 Uhr, und wie es in Zügen üblich ist, werden die Passagiere auf Tische für jeweils vier Personen verteilt. Meine Beklemmungen darüber, mit Fremden zu essen, sind im Nu verflogen. Es gibt kein nervöses Herumirren auf der Suche nach Tisch- oder Gesprächspartnern. Man wird an seinen Platz geführt, stellt sich vor und dann ergibt sich das Gesprächsthema von ganz allein: Fahren Sie das erste Mal mit dem Zug? Ist die Landschaft nicht unglaublich? Jegliches potenziell unangenehme Schweigen verfliegt durch das Staunen über die Landschaft, die an den großen Panoramafenstern vorbeirauscht. Wir passieren zahlreiche Seen, Fischersiedlungen und Hütten, die auf Inseln stehen, welche kaum größer als die Bauten selbst sind.

An meinem Tisch sitzen ein schottisches Pärchen aus der Nähe von Toronto, das nach Jasper reist, und ein ehemaliger Goldgräber auf dem Heimweg nach Victoria, der einen längeren Aufenthalt in Sudbury hatte. Wir befänden uns hier im Elchgebiet, erklärte er, und in der Brunftzeit würden die aufgebrachten Tiere gelegentlich drohend auf den Zug zustürmen.

Den Rest des Tages verbringe ich im Skyline Car, dessen gewölbte Glasdecke fast einen Rundumblick ermöglicht, und in meiner eigenen Kabine. Eigentlich hatte ich mir ein Buch mitgenommen, aber die Landschaft ist einfach zu fesselnd. Wir fahren durch Städte mit Namen wie McKee’s Camp, Gogama, Foleyet und Mud River. Am Fenster rauschen Birkenhaine und Biberdämme vorbei – und umgestürzte Bäume, die von den Aktivitäten der Tiere zeugen.

Schneller als erwartet war es Zeit für das Abendessen. Ich sitze an einem Tisch mit dem schottischen Pärchen vom Frühstück und einem Engländer, der in Australien lebt und seit zwei Monaten durch Kanada reist. Die Fahrt mit dem Canadian ist sein „Geschenk an sich selbst“. Ich entscheide mich für den Rostbraten mit Sauce, Kartoffeln und Brokkoli. Es schmeckt vorzüglich.

Während ich zu Abend esse, bereitet das Personal meine Kabine für die Nacht vor. Für eine Fahrt mit dem Canadian kann man eine von drei Serviceklassen buchen: Economy, Sleeper (meine Buchung) und Prestige. Reisende in der Economy-Klasse wollen für gewöhnlich innerhalb Kanadas von A nach B, erklärt mir der Servicekoordinator John Matthews. Sleeper-Passagiere wollen im Normalfall die gesamte Reise erleben. Die relativ neue Prestige-Klasse bietet noch mehr Luxus: mehr individuellen Service, komfortablere Kabinen mit Doppelbetten und noch vieles mehr.

Nach dem Abendessen zieht es einige Gäste zum Park Car am Ende des Zuges. Dort genießen sie einen letzten Kaffee, unterhalten sich und lauschen der Musik lokaler Künstler, die ebenfalls mit uns reisen. Ich kehre in meine Kabine zurück, erschöpft von einem anstrengenden Tag voller Sightseeing.

Tag 3: Von Winnipeg in Manitoba nach Saskatoon in Saskatchewan

Ich wache in Manitoba auf, einer der drei kanadischen „Prärieprovinzen“. Als sich der Canadian Winnipeg nähert, der Hauptstadt Manitobas, fahren wir an Häusern mit Gartenlauben und Pools vorbei. Das ist mein liebster Teil der Zugreise: die Fahrt vorbei an kleinen Gärten und Hinterhöfen, an Seitenstraßen und kleinen Städten, in denen sich das echte Leben abspielt.

Zum Frühstück teile ich mir einen Tisch mit einem jungen Paar aus dem englischen Yorkshire, das um die Welt reist. Die beiden wollen einen Monat in Vancouver verbringen und im Anschluss nach Neuseeland fliegen, um dort ein Jahr zu arbeiten, bevor sie weiterreisen.

Sie haben schon jahrelang darüber gesprochen, die Welt zu bereisen. „Wir können uns einfach nicht vorstellen, das ganze Jahr über hart zu arbeiten und dann nur zwei Wochen zu verreisen.“

Am Vormittag erreichen wir Winnipeg, wo wir unseren ersten Zwischenstopp einlegen. Hier können wir drei Stunden lang die Stadt erkunden, während der Zug gewartet und die Vorratskammer wieder gefüllt wird. Via Rail bietet eine Stadtrundfahrt mit dem Bus an, aber ich beschließe, Winnipeg auf eigene Faust zu erkunden, und schlendere zu den Forks. Das Stadtgebiet wurde nach der Stelle benannt, an der der Assiniboine River in den Red River mündet, und lockt jährlich mehr als vier Millionen Besucher an. Eine der Hauptattraktionen ist The Forks Market, ein Indoor-Markt in einem ehemaligen Pferdestall. Ganz in der Nähe befindet sich das eindrucksvolle Canadian Museum for Human Rights, das 2014 eröffnete.

In Winnipeg wechselt auch das Personal. Als wir in den Zug zurückkehren, begrüßen uns daher neue Gesichter. Ich verbringe den Nachmittag in meiner Kabine, völlig verzaubert von der Landschaft. Die Bäume und Seen Ontarios sind der Prärie gewichen – weite Ebenen, die unter dem endlosen Himmel grün und bernsteinfarben leuchten. Das ist bisher die schönste Landschaft, denke ich mir.

Beim Abendessen treffe ich ein verheiratetes Paar aus Vermont, das für eine Bar Mitzwa nach Seattle reist. Wir reden über Politik, Religion und Socken und lachen uns schlapp. Ich habe Gleichgesinnte gefunden!

Tag 4: Von Edmonton in Alberta nach Kamloops in British Columbia

Vor dem Frühstück schaue ich im Park Car vorbei, wo sich zwei schottische Pärchen unterhalten. Die Atmosphäre ist locker und angenehm. Hier scheint bereits jeder jeden zu kennen. Es hat sich eine Art Vertrautheit entwickelt, die im echten Leben viel mehr Zeit bräuchte.

Alle freuen sich auf den heutigen Zwischenhalt in Jasper, dem Kronjuwel der Reise. Die kleine Gebirgsstadt gehört zum Jasper-Nationalpark, dem größten Park in den kanadischen Rocky Mountains, und verspricht eine erstklassige Aussicht. In der Ferne erhaschen wir einen ersten Blick auf die schneebedeckten Gipfel.

Dann ist es Zeit für das Frühstück. Das Essen, das im Speisewagen serviert wird, ist einfach fantastisch und wird in einer kleinen, aber bemerkenswert effizienten Küche auf Bestellung frisch zubereitet.

Vor dem Mittag erreichen wir Jasper und haben etwas Zeit, um die Stadt zu erkunden. Es ist ein wunderschöner Tag und die von den Bergen eingerahmte Stadt ist das perfekte Postkartenmotiv. Alles befindet sich in Laufweite zum Bahnhof und ich steuere eine Bäckerei in der Nähe an, um mich mit Kaffee zu versorgen. Gestärkt schlendere ich im Anschluss die charmanten Straßen entlang und bummle an Schaufenstern vorbei. Es ist eine wundervolle Pause von der langen Zugfahrt, aber ich kann es kaum erwarten, tiefer in die Rockies zu fahren.

Zurück an Bord des Canadian setze ich mich ins Skyline Car und beobachte, wie die Seen und Flüsse langsam von Kiefer- und Fichtenwäldern abgelöst werden, die schließlich der Berglandschaft weichen. Die Aussicht ist überwältigend und der Waggon wird von den beeindruckten Ooh- und Aah-Rufen der Passagiere erfüllt.

Tag 5: Vancouver

Am letzten Morgen der Reise treffe ich im Park Car andere Amerikaner. Wir trinken Kaffee, tauschen Kontaktdaten aus und versprechen, in Kontakt zu bleiben. Ich meine es sogar ernst. Das ist die Magie des Zugs.

REISETIPPS

Reisezeit: Jederzeit. Die wärmeren Monate sind beliebter, aber jede Jahreszeit hat ihren eigenen Charme.

Anreise: Von Toronto aus fährt der Canadian dreimal die Woche jeweils um 22 Uhr gen Westen ab und von Vancouver aus um 20.30 Uhr gen Osten. Insgesamt dauert die Reise drei Tage und vier Nächte. Plätze in der Sleeper-Klasse gibt es ab 1.000 Dollar (ca. 880 Euro). Ganze Kabinen und Plätze in der Prestige-Klasse sind teurer. Auf der Website von Via Rail gibt es Informationen über Sonderangebote, insbesondere für Abfahrten an einem Dienstag.

Gepäck: Eine kleine Reisetasche (größere Taschen können eingecheckt werden) mit dem Notwendigsten: bequeme Kleidung, ein oder zwei Bücher, ein paar Snacks für die Kabine, Badelatschen für die Dusche und eventuell ein paar Filme, wenn einem vor dem Einschlafen noch der Sinn nach Unterhaltung steht. Außerdem sollte man Platz auf seinem Handy schaffen – für die ganzen Bilder, die man während der Reise unweigerlich machen wird.

Gut zu wissen: Auf WLAN ist kein Verlass. In den Bahnhöfen ist der WLAN-Empfang nicht besonders gut und im Zug gibt es keines.

BLEIBT EIN BISSCHEN LÄNGER

Es bietet sich an, einen zusätzlichen Tag (oder mehr) in Toronto und Vancouver einzuplanen, um diese zwei kanadischen Städte und ihre Besonderheiten besser kennen zu lernen.

24 Stunden in Toronto

Sehenswürdigkeiten 

Lasst euch auf keinen Fall den CN Tower entgehen, eine der meistbesuchten Attraktionen Kanadas. Aus 353 Metern Höhe habt ihr dort eine großartige Sicht auf die Stadt und den Ontariosee. Der LookOut-Bereich mit seinem Glasboden bietet eine unvergessliche Panorama-Aussicht, und besonders Mutige können sich die Sicherheitsgurte anlegen und sich auf den EdgeWalk nach draußen begeben. Im Viertel Kensington Market könnt ihr euch einen Eindruck vom lokalen Flair verschaffen. Dort befinden sich zahlreiche Boutiquen (große Marken wird man vergeblich suchen) und Restaurants mit länderspezifischer Küche. 

Übernachtung 

Für einen künstlerisch wertvollen Hotelaufenthalt empfiehlt sich eine Übernachtung im Gladstone Hotel. Das 1889 errichtete Gebäude verfügt über 37 Zimmer – jedes davon wurde von einem lokalen Künstler entworfen. Außerdem hat sich das Hotel der Nachhaltigkeit verschrieben. Im Herzen Chinatowns befindet sich das Hotel Ocho, das sich in einer ehemaligen Textilfabrik etabliert hat. Hier liegt der Fokus auf dem Design, was sich schon beim Eintreten in die Lobby zeigt, wo hohe Decken und gemaserte Holzbalken für ein besonderes Flair sorgen. 

Kulinarisches 

Torontos Distillery District verspricht einen Abend, an dem sich der Gaumen ebenso erfreuen kann wie das Auge. In dem ehemaligen viktorianischen Industrieviertel haben mittlerweile zahlreiche Restaurants, Bars, Läden und jede Menge Charme Einzug gehalten. Kein Aufenthalt in Kanada wäre vollständig ohne eine Portion Poutine: Pommes frites mit Käsebruch und Bratensauce. In Poutini’s House of Poutine gibt es zahlreiche Varianten des Klassikers.

24 Stunden in Vancouver

Sehenswürdigkeiten 

Verbringt den Morgen im Stanley Park. Leiht euch ein Fahrrad oder schlendert zu Fuß den Seawall entlang, der Teil des längsten Küstenwegs der Welt ist. Erkundet auch den Rest des Parks mit seinen üppigen Wäldern, Gärten, Seen, Totempfählen der First Nations und mehr. Am Nachmittag lohnt sich ein Besuch in dem historischen Viertel Gastown, dessen Pflastersteinstraßen mit hippen Läden und schicken Restaurants gesäumt sind.

Übernachtung 

Nur 15 Gehminuten von Gastown entfernt befindet sich das Fairmont Pacific Rim direkt am Wasser. Das Hotel gewährt einen hervorragenden Blick auf den Burrard Inlet und die schneebedeckten North Shore Mountains. Das Sylvia Hotel, ein echtes Wahrzeichen der Stadt, befindet sich an der English Bay an den Ausläufern des Stanley Park. Das 1912 erbaute Ziegelgebäude verfügt über 120 Zimmer und an seiner Fassade rankt eine selbstkletternde Jungfernrebe hinauf.

Kulinarisches 

Feinschmecker sollten sich den Granville Island Public Market nicht entgehen lassen. In dem überdachten Markt betreiben über 50 Verkäufer und Künstler ihre Stände. Dort könnt ihr euch mit Ziegenkäse, Makronen, regionalem Obst und Gemüse und vielem mehr eindecken. In Gastown empfiehlt sich ein Besuch im Salt Tasting Room für Räucherfleisch und Käse aus eigener Herstellung. Alternativ kann man im Restaurant Pidgin Asian Fusion-Küche mit französischem Einschlag genießen.

 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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