Meerestiere fressen tonnenweise Plastik

Fische und wirbellose Tiere fressen Mikroplastik aus dem Meer – und Wissenschaftler machen sich Sorgen über die Konsequenzen dieses Verhaltens.Thursday, November 9, 2017

Von Laura Parker
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Sardellen sind eher als Pizzabelag bekannt als für ihre wichtige Rolle in der Nahrungskette des Meeres. Jetzt haben Wissenschaftler ein beunruhigendes neues Verhalten dieser kleinen Fische bestätigt, das größere Implikationen für die menschliche Gesundheit haben könnte: Sardellen fressen winzige Mikroplastikteilchen im Meer. Da sie selbst wiederum von größeren Fischen gefressen werden, könnten die Toxine aus dem Mikroplastik auch auf größere Speisefische übergehen.

Sardellen verwechseln Mikroplastik mit Nahrung, da die kleinen Teilchen laut einer neuen Studie in der Zeitschrift „Proceedings of the Royal Society B“ wie Nahrung riechen. Der Befund wurde im Rahmen von zwei neuen Studien bestätigt, die den Einfluss von Mikroplastik auf die Meeresumwelt untersuchten. Die andere Studie, die in „Science Advances“ erschien, erklärt zum Teil, wie Mikroplastik durch kleine Meerestiere namens Larvacea in die Tiefen des Ozeans gelangen.

Mikroplastik entsteht, wenn sich größere Teile des Plastikmülls zersetzen. Sonnenlicht und die Wellenbewegungen des Meeres erzeugen Bruchstücke von der Größe von fünf Millimetern oder weniger. Die kleinen Teilchen haben den Ozean in eine „Plastiksuppe“ verwandelt, wie Wissenschaftler es ausdrücken. Ihre Auswirkungen auf das Meeresökosystem sind aber noch nicht vollständig erforscht. Eine Studie aus dem Jahr 2015 versuchte, eine Schätzung darüber zu liefern, wie viel Mikroplastik in den Weltmeeren umhertreibt. Das Ergebnis bestätigte die Beschreibung als Suppe: Im Jahr 2014 trieben geschätzte 15 bis 51 Billionen Teilchen Mikroplastik im Meer, die insgesamt zwischen 93.000 und 236.000 Tonnen wogen.

Aber es gibt noch andere offene Fragen. Wie lange dauert es, bis sich Plastik im Meer zersetzt? Was passiert während der Zersetzung mit den enthaltenen Toxinen? Etwa 700 Arten fressen Plastik, und aktuell wird noch untersucht, welche Auswirkungen das hat.

Die Zahl der Forschungsarbeiten dazu nimmt rasch zu. Bei 50 Fischarten wurde bereits bestätigt, dass sie Mikroplastik fressen, als Matthew Savoca mit seiner Sardellenstudie begann. Der Forscher arbeitet für das Southwest Fisheries Science Center der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) in Kalifornien. Als er seine Forschungen zwei Jahre später abschloss, hatte sich diese Zahl der Fischarten bereits verdoppelt.

„In den letzten fünf Jahren ist das wissenschaftliche Interesse an diesem Problem richtig explodiert“, sagt Savoca. „In der öffentlichen Vorstellungen sind alle Plastikteile da draußen Dinge, die wir erkennen können. Zahnbürsten, Feuerzeuge, Plastiktüten. Aber der überwiegende Großteil des Plastiks im Meer besteht aus diesen kleinen Fragmenten. Über 90 Prozent sind weniger als zehn Millimeter lang. Das ist wirklich kleines Zeug.“

RIECHT WIE FUTTER

Wenn größere Plastikteile im Meer zersetzt werden, setzten sich auch Algen an ihnen ab und sie nehmen einen Geruch an, der der Nahrung vieler Meerestiere ähnelt. Savoys Sardellenstudie ähnelt einer Studie, die er 2016 veröffentlich hat. Darin zeigte er, dass auch Meeresvögel Plastikteile aufgrund des Geruchs mit Futter verwechseln.

In jener Studie untersuchte Savoy alte Daten, führte aber keine Tests an lebenden Vögeln durch. Bei seiner Sardellenstudie hingegen testete er die Fische direkt. Sein Fokus lag allerdings auf dem Verhalten der Fische.

Die Sardellen bekamen aber kein Mikroplastik zu fressen. Stattdessen fing Savoy in der Monterey Bay in Kalifornien Schulen wilder Sardellen der Art Engraulis mordax. Denen bot er zwei Geruchslösungen an, von denen eine mit Plastikteilen aus dem Meer hergestellt wurde und die andere mit neuem Plastik. Die Sardellen reagierten auf die Plastikmülllösung mit typischem Fressverhalten. Auf das neue Plastik reagierten sie hingegen gar nicht.

Sardellen zählen laut dem Ergebnis der Studie zu den 700 Tierarten, die Plastikteilchen im Meer fressen. Savoca hat diese Fische für seine Studie gewählt, weil sie in der Nahrungskette so eine wichtige Rolle spielen.

„Sie sind ein wichtiges Bindeglied in Marinesystemen an der Küste“, sagt er. „Sie fressen Krill. Aber sie dienen auch als Nahrung für Buckelwale, Seelöwen, Robben, Meeresvögel und sogar Menschen.“

DIE WANDERUNG DES PLASTIKS

Die zweite Studie wollte Antworten auf ein anderes Rätsel des Mikroplastiks finden: Wie gelangen die Teilchen durch das Meeresökosystem selbst in so abgelegene Bereiche wie den Boden der Tiefsee oder das arktische Meereis?

Kakani Katija, ein National Geographic Explorer und eine Meereswissenschaftlerin am Monterey Bay Aquarium Research Institute, hat die Antwort darauf gefunden. Sie entdeckte, dass Mikroplastik in die Tiefen des Meeres getragen wird, nachdem es von kleinen wirbellosen Tierchen gefressen wurde, den Larvacea. Die Studie nutzte ferngesteuerter Fahrzeuge (ROVs), um nachzuverfolgen, wie die Larvacea das Mikroplastik aus dem Wasser filterten und in sich aufnahmen.

Die Plastikteilchen wurden dann in ihrem „Gehäuse“ eingelagert, einem schleimigen Sekret, das die Filtrierer absondern und dann darin leben. Regelmäßig wird das Gehäuse erneuert – das alte sinkt dann samt den Plastikteilchen tief auf den Meeresboden hinab. Laut Katija konnten die Wissenschaftler aber nicht errechnen, wie viel Mikroplastik auf diese Weise durch das Meer bewegt wird. Das Vorhandensein der Teilchen in größeren Tiefen weist aber auf die Dimensionen des Problems hin. Neben ihrer Transportfunktion für das Plastik dienen die Larvacea auch als Nahrungsquelle für viele größere Meeresbewohner. So verteilt sich das Mikroplastik weiter durch das Netz aus Nahrungsketten im Meeresökosystem.

„Man hat lange Zeit gedacht, dass Plastik größtenteils ein Oberflächenproblem ist“, sagt Katija. „Jüngere Arbeiten haben aber Plastikablagerungen am Meeresboden gefunden, wo auch immer Wissenschaftler nachgesehen haben. Wie kommt das Plastik dorthin? Wie schnell gelangt es an den Grund des Ozeans?

Da andere Organismen die Larvacea, ihre Fäkalien und ihre Gehäuse fressen, gibt es viele Wege, auf denen Mikroplastik und seine chemischen Spuren in die Nahrungsketten der Meere und auf unsere Teller gelangen können.“

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