Ein Kurztrip durch das göttliche Barcelona

Kataloniens Hauptstadt bietet Besuchern große Kunst und innere Einkehr in wunderschönen Kirchen. Und viele weltliche Genüsse. Donnerstag, 9. November 2017

Eine Stadt wittert Morgenluft
Erster Tag, 9.43 Uhr: Vom Flughafen fahre ich in das einst raue Arbeiterviertel El Raval, das für die Olympischen Spiele 1992 saniert wurde und seitdem zu den schönsten und lebendigsten Quartieren der Stadt gehört. Barcelona ist die Hauptstadt der Region Katalonien, und viele Graffiti und Wandmalereien in diesem Viertel fordern weiterhin die Ablösung von Spanien. In meinem Lieblingscafé Nomad Coffee bestelle ich meinen Kaffee auf Katalanisch, er heißt hier nicht café con leche, sondern cafè amb llet. Es wird viel Kaffeesatzleserei gemacht um die Zukunft des Landes und von Barcelona. Ich enthalte mich und genieße.

Gaudí!
14.15 Uhr: Im Stadtnorden erheben sich die Türme der Sagrada Família. Die Kirche wurde im Stil des Modernisme erbaut, einer Strömung des Jugendstils. Und natürlich nach Entwürfen
 des Architekten Antoni Gaudí (1852–1926). Fassaden sind ausufernd verziert, Bögen und Gänge haben geschwungene Linien, die an organische Formen erinnern – Gaudís Gestaltungswille schien keine Grenzen zu kennen. Dabei ist das Gebäude noch gar nicht fertig. Die Arbeiten begannen 1882, zu Gaudís 100. Todestag 2026 will man fertig sein. Wer Eintrittskarten online kauft, kann die gewünschte Uhrzeit angeben und erspart sich das Anstehen.

Bis auf den letzten Krümel
20.15 Uhr: Das Cal Pep, ein Tapas-Restaurant, liegt in den engen Gassen des historischen Viertels El Born nahe der gotischen Basilika Santa Maria del Mar. In dem Gastraum gibt es nur 21 Stühle, und das Essen steht blitzschnell auf dem Tisch. Haben Sie keine Hemmungen, am Schluss mit einem Stück Brot die Knoblauchsoße vom Teller zu wischen: Das macht hier jeder, der Koch nimmt’s als Kompliment.

Himmlische Klänge
Zweiter Tag, 13 Uhr: Ich mache einen Ausflug zur Benediktinerabtei Santa Maria de Montserrat, einer Anlage aus dem 11. Jahrhundert, etwa 40 Kilometer nordwestlich von Barcelona. Werktags um 13 Uhr tritt am Kloster ein Chor aus 50 Jungen auf, die hier leben. Gekleidet in Roben wie in einem Harry-Potter-Film singen sie „El Virolai“, eine Hymne an die Schwarze Madonna, die Schutzpatronin des Klosters. Der Klang ihrer Stimmen hallt betörend vom Gewölbe herab – falls es einen Gott gibt, hat er im künstlerischen Bereich seit Jahrhunderten ziemlich gutes Personal, das muss man ihm lassen. 

Die Küche als Labor
18.30 Uhr: Die Molekularküche ist 
in Katalonien sehr beliebt, das liegt besonders an Ferran Adrià, der bis 2011 ein mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnetes Restaurant führte. Danach hat er mit seinem Bruder Albert die Tapas Bar Tickets in der Nähe der Plaça d’Espanya eröffnet. Es ist nicht leicht, dort einen Tisch zu bekommen, aber ich habe Glück. Das Mahl beginnt mit einer „flüssigen Olive“, die sich an meine Zunge schmiegt, darauf folgt eine mutige Deutung des Nigiri: Statt eines Reisbällchens mit Fisch wird hier eine Flocke aus Meringue, dem spanischen Schaumgebäck, mit geräucherter Aubergine serviert. Zum Dessert gibt
es eine Litschi auf Rosenblättern. Eine herrliche Liaison.

Eine Oper für die Augen
21 Uhr: Im Palau de la Música Catalana spielt die Formation „Barcelona 4 Guitars“, zwei Männer und zwei Frauen, die Stücke von Tschaikowski auf Gitarren interpretieren – großartig. Doch die eigentliche Sensation ist das Gebäude: ein prachtvoller Musikpalast aus dem Jahr 1908. Im Konzertsaal drängen sich steinerne Bäume, Wolken hängen unter der Decke, Licht fällt aus farbigen Glasstücken durch eine gläserne Decke, die sich in der Mitte wie ein riesiger Tropfen nach unten wölbt.

Kochen wie ein Profi
Dritter Tag, 10.30 Uhr: Ich mache mich auf den Weg zu einem Kurs für katalonische Küche an Barcelonas größtem Markt, La Boqueria. Er liegt neben der Promenade La Rambla. Alvaro Brun von der Kochschule BCN Kitchen führt unsere zehnköpfige Gruppe durch die Markthalle, die aus dem Jahr 1217 stammt. Endlos erscheinende Gänge sind voll mit Ständen, an denen Gemüse, Käse und Schinken in feinster Qualität verkauft werden. An einem Gang zeigt Brun uns den Unterschied zwischen iberischem Schinken und Serranoschinken: „Der iberische Schinken hat eine längliche, fast elegante Form“, sagt er. „Serranoschinken ist kurz und gedrungen.“ Wir folgen ihm in den dritten Stock der Markthalle, wo er uns beibringt, wie man Gazpacho, ein spanisches Omelette, und Crema Catalana macht, eine Variation der Crème brûlée. Mein Gazpacho gerät etwas fad – ich habe die Zwiebeln vergessen. Wir haben beim Kochen ein Gläschen Wein getrunken, daran muss es gelegen haben.

Unter vollen Segeln
18.30 Uhr: Für den Tagesausklang habe 
ich einen Segelausflug gebucht. Das Boot von Classic Sail bringt mich weit hinaus ins klare Blau des Mittelmeers, während die Skyline von Barcelona im weichen Licht der Abendsonne leuchtet. Sie ist sogar aus der Ferne eine Schönheit.

Der Artikel wurde bearbeitet und gekürzt. Alle Stationen des Kurztrips stehen in der Ausgabe 3/2017 des National Geographic Travelers. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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