Reise und Abenteuer

Das Grandhotel Cosmopolis ist ein Ort zum Ankommen

Ateliers, Hotelzimmer, ein Café und Wohnräume für Geflüchtete: Das alles gibt es in dem von Künstlern gegründeten Haus in Augsburg.  Montag, 19 März

Von Susan Djahangard

Wer reist, lernt fremde Menschen und fremde Lebensweisen kennen. Wer reist, beginnt oft, sein Leben zu Hause anders zu sehen und Gewohnheiten infrage zu stellen. Das Grandhotel Cosmopolis steht fest auf heimischem Grund in einer kleinen Augsburger Gasse, und doch solle man sich hier fühlen, als sei man auf einer endlosen lebensverändernden Reise, sagt Michaela Kfir.

Mit ihren Kollegen Susi Weber und Thomas Hahn frühstückt sie im Café des Cosmopolis, seit einigen Jahren engagieren sie sich hier. Im sechsstöckigen Gebäude übernachten Hotelgäste und arbeiten Künstler in Ateliers. Im Anbau wohnen mehr als 60 Menschen, die man woanders Flüchtlinge nennen würde – hier heißen auch sie Reisende. „Unser Haus ist ein Labor für eine neue Gesellschaft“, sagt Kfir.

Vor fast sieben Jahren
übernahm eine Gruppe
 von Künstlern und Freiwilligen das ehemalige Altenheim und renovierte es. Jedes Hotelzimmer gestaltete ein anderer Künstler, in einem sind die Wände mit Alufolie verkleidet, in einem anderen mit einem Wald bemalt. „Auch mit wenig Geld wollten wir eine ästhetische Umgebung schaffen“, sagt Hahn. Das Haus gehört der Diakonie. Die Räume, in denen die Geflüchteten wohnen, mietet das Bundesland, die anderen der Verein Grandhotel Cosmopolis, finanziert durch Einnahmen aus Hotel, Café, Konzerten, Spenden.

Sie wollen vieles anders machen, das fängt bei Kaffee und Apfelschorle an: Im Café bezahlt jeder, so viel er will und kann, orientiert an Richtwerten: Mit 1,50 Euro sind die Kosten gedeckt, sechs Euro sind eine „Investition in die Zukunft“. Etwa 200 Menschen unterstützen das Projekt, zwölf sind fest angestellt. Sie putzen, verwalten das Haus oder schaffen Kunst. Jeder verdient gleich viel: Mindestlohn, 8,84 Euro pro Stunde: „Was einer dafür leistet, kontrolliert keiner“, sagt Hahn.

Sie haben einen besonderen Ort geschaffen, an dem sie vermeintlich Selbstverständliches überdenken. „Was ist Arbeit? Was ist Zusammenleben? Hier können wir uns Grundsätzliches fragen“, sagt Weber. Das gilt auch fürs Kennenlernen: Wie alt die anderen sind, ob sie eine Ausbildung haben, ist nicht wichtig. „Viel bedeutender ist, was wir zusammen machen“, sagt Kfir.

Das Cosmopolis soll ein Treffpunkt auch für jene sein, die oft ausgeschlossen werden, wie Arbeitslose, Zuwanderer oder alte Menschen. „Hier können alle teilhaben“, sagt Hahn. Was es nicht sein soll: ein Integrationsprojekt für Geflüchtete. „Es muss sich nicht eine Gruppe in die Gesellschaft integrieren. Integrieren muss ich mich genauso“, sagt Hahn. Für die Mitarbeiter auch eine persönliche Herausforderung: „Wir haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Manche brauchen Ruhe, andere wollen Gemeinschaft“, sagt Weber. „Man muss sich viel selbst reflektieren, damit es funktioniert.“

Eine Glocke läutet: 13 Uhr, Essenszeit. Etwa 30 Menschen strömen aus ihren Zimmern und Ateliers. Sie lassen sich Linsen und Couscous auf Teller füllen und setzen sich an einen der vielen Tische im Café. Das Grandhotel Cosmopolis – bei diesem Mittagessen fühlt es sich weniger an wie reisen, mehr wie ankommen.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 3/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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