Reise und Abenteuer

Ungarn: Land der Thermalbäder

Das entspannende Bad im warmen Thermalwasser ist in Ungarn Teil eines ausgewogenen Lebensstils. Dienstag, 4 Dezember

Von Carolyn Banfalvi

Ungarn besitzt vielleicht keinen direkten Zugang zum Meer, aber es hat dafür seinen ganz eigenen Wasserschatz. In diesem Binnenstaat wimmelt es nur so von Thermalquellen – mehr als 1.300 und 123 davon allein in Budapest –, was Besuchern die Möglichkeit gibt, ganzjährig und überall im Land in ihnen zu baden. Das Wasser dieser Quellen ist reich an gelösten Mineralien, wobei die genaue Zusammensetzung von Ort zu Ort variiert. Es wirkt sowohl heilend als auch wohltuend entspannend. Manchmal riecht es nach Schwefel, es kann salzig sein, oder hat andere, spezielle Eigenschaften. Jede Quelle wird gezielt zur Behandlung bestimmter gesundheitlicher Leiden empfohlen.

Wellness und der Besuch von Kurorten und Thermalbädern haben seit Jahrhunderten Tradition in Ungarn. Sich im warmen, mineralischen Wasser zu entspannen, mag sich dekadent anfühlen, aber diese Bäder werden nicht als purer Luxus angesehen. In Ungarn werden sie einfach als Teil eines ausgewogenen Lebensstils betrachtet.

Ungarn in seiner Gänze kann man nur richtig erleben und verstehen, wenn man sich in Badekleidung der bitteren Winterkälte stellt und dann langsam in das dampfend heiße Wasser einer Thermalquelle im Freien steigt.

Die Türkischen Bäder in Budapest: Zur Zeit der Römer nahm die Bäderkultur in Ungarn zwar ihren Anfang, doch einige der prachtvollsten Badehäuser in Budapest wurden während der 150-jährigen Herrschaft der Ottomanen erbaut. Diese Bäder aus dem 16. Jahrhundert gleichen sich in ihrer Architektur: Sie bestehen aus achteckigen Badebecken, die von hohen Kuppeldächern überspannt werden, durch die Lichtstrahlen nach unten aufs Wasser dringen. Um das Hauptbecken herum gibt es mehrere Nebenbecken, und Heißräume sowie Dampfbäder in den angrenzenden Bereichen. Die Türkischen Bäder – Rudas-Bad, Király-Bad, und Veli Bej Bad – befinden sich alle auf der Buda-Seite der Stadt am Donauufer nahe ihrer Thermalquellen.

Die architektonischen Schätze der „Bäderstadt“: Neben den türkischen Badehäusern bietet Budapest noch viele weitere historische Bäder, was ihr den Spitznamen „Bäderstadt“ eingebracht hat. Der Dampf, der aus den Außenbecken des im neonbarocken Stil erbauten Széchenyi-Bads aufsteigt, ist typisch für das Stadtbild, ebenso wie die Einheimischen, die dort auf schwimmenden Spielbrettern Schachpartien austragen. Im palastartigen Gebäude des Széchenyi-Bads, das sich mitten im Stadtwäldchen befindet, erwarten den Besucher zwei Dutzend Badebecken, Dampfräume und Saunen. Auf der anderen Uferseite steht das Gellért-Bad, das 1918 im sezessionistischen Stil errichtet wurde. Dies ist wohl mit seinen Deckenfresken, reich verzierten Steinsäulen, Fliesenmosaiken, Statuetten und Kuppeldächern das schönste Bad von Budapest. Das Wellenbecken im Außenbereich ist im Sommer besonders beliebt.

Europas größter Thermalsee: Der Hévíz ist mit einer Größe von über vier Hektar eines von Ungarns Naturwundern. Er liegt auf der nordwestlichen Seite des Balatons, ist biologisch aktiv und ein natürlicher Thermalsee. Auf seiner Oberfläche blüht Lotus und das Wasser ist warm genug, dass man selbst im Winter in ihm baden kann. Rund um den See haben sich Hotels und Wellness-Einrichtungen angesiedelt, die eine große Bandbreite von Dienstleistungen anbieten. Dazu gehört auch eine Ganzkörper-Schlammpackung mit Erde vom Grund des Sees (die auch in Kosmetika verarbeitet wird).

Höhlenbaden: Das Höhlenbad in Miskolctapolca befindet sich in einer natürlichen Höhle, durch die das Thermalwasser fließt. Hier gibt es insgesamt fünf Badehallen mit Thermalwasser in verschiedenen Temperaturen. Diese Anlage ist Europas einziges Thermal-Höhlenbad und liegt im Nordwesten Ungarns. Im Außenbereich laden mehrere Badebecken und ein Spielplatz für Kinder zum Verweilen ein.

Der Salzhügel von Eger: Am besten bekannt ist die Stadt Eger für ihre Weine, insbesondere das „Stierblut“, dem die Essenz der ungarischen Seele innewohnt. Doch nicht weit von den Weinbergen entfernt gibt es Thermalwasser im Überfluss. Egerszalók ist das berühmteste Thermalbad der Region. Das dampfende Heilwasser entspringt im vulkanischen Mátra-Gebirge und rinnt durch Kalksteinbecken über einzigarte Sinterterrassen nach unten. Der Name „Salzhügel“ stammt von diesem Aussehen.

Türkisches Erbe: In der kleinen Stadt Eger befindet sich das Török-Bad das letzte noch existierenden Türkische Bad in den ländlichen Gegenden Ungarns. Nicht weit davon entfernt steht das nördlichste noch erhaltene Minarett aus der Zeit der Ottomanen. Das Badehaus ist im klassisch türkischen Stil gehalten und sein für Ungarn ungewöhnliches radonhaltiges Heilwasser fließt in sechs Badebecken.

Von einem genialen Architekten entworfen: Der Hagymatikum-Badekomplex befindet sich in der Kleinstadt Makó im Süden des Landes und wurde von Imre Makovecz in seinem charakteristischen Stil entworfen. In dem zwiebelförmigen Hauptgebäude findet sich ein Labyrinth heißer Badebecken in verschiedenen Formen und Größen. Makovecz, der die post-kommunistische Architekturästhetik Ungarns maßgeblich geprägt hat, designte dieses und andere Gebäude als Geschenk für seine Heimatstadt.

Weit im Süden: Wer in Richtung der südlichen Grenze zu Kroaten reist, macht mit großer Wahrscheinlichkeit einen Abstecher in einen der vielen Weinkeller in Villány. Die Region ist eine der Top-Lagen Ungarns für Rotwein. Auch das weitläufige Harkány-Bad – mit mehr als einem Dutzend Innen- und Außenbecken – ist hier zu finden und schafft den perfekten Ausgleich zur Weinprobe.

Das Bad wider Willen: Im Jahr 1957 bohrten Minenarbeiter in Bük nach Rohöl. Stattdessen schoss eine gut 70 Meter hohe Wassersäule aus dem Boden und an dieser Stelle wurde später das Bükfürdő Thermal & Spa gebaut. Reich an Mineralien (vor allem Kohlensäure, die bei Gelenkproblemen wahre Wunder vollbringen kann) verwandelte das Wasser die kleine Stadt nahe der österreichischen Grenze in einen von Ungarns führenden Kurorten.

Ungarns größtes Thermalbad: Nur einige Kilometer westlich des Plattensees liegt die kleine Stadt Zalakaros. Auch sie hat unverhofft das Glück in Form von wertvollem Thermalwasser ereilt, dessen Vorkommen nur per Zufall entdeckt wurde. Das schwefelhaltige Wasser hat hier eine Temperatur von 96° Celsius (bevor es natürlich abgekühlt wird).

Kurorte im Osten: Die Stadt Debrecen im Osten Ungarns ist als die „Hauptstadt der Prärie“ bekannt. Ihren Spitznamen verdankt sie der Lage in der Nördlichen Großen Tiefebene. Hier sieht man zwar keine Cowboys, aber ein Besuch im beeindruckenden Aquaticum-Bad ist fast schon Pflicht. Das Thermalbad befindet sich inmitten eines üppigen, 15 Hektar großen Parks und lockt mit seiner mediterranen Flora, einem Wald, Wasserrutschen, Wasserfällen, Klang- und Lichtbädern und Nachtbaden.

Zungenbrecher in der Tiefebene: Die Stadt Hajdúszoboszló liegt zentral in der Großen Ungarischen Tiefebene und hier dreht sich alles ums Wasser. Bis 1920 war das Leben hier landwirtschaftlich geprägt, aber das Blatt wendete sich mit der Entdeckung der Thermalquelle. Hier bleibt niemand trocken, denn in der Stadt gibt es unzählige Thermalbäder, Freibäder und Wasserparks. Nach einem entspannten Bad ist der nahegelegene Hortobágyi-Nationalpark ebenfalls einen Besuch wert.

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