Buchtipp: Bulli-Challenge – Von Berlin nach Peking

Monday, December 23, 2019,
Von National Geographic
Bulli-Challenge – Von Berlin nach Peking
Bulli-Challenge – Von Berlin nach Peking
Bild Joey Kelly, Luke Kelly, Ralf Hermersdorfer, Thomas Stachelhaus

Von Berlin nach Peking reisen? Geht gut! Im rostigen VW Bulli? Schon schwieriger. Ganz ohne Geld? Sicher ein Abenteuer. Und was für eines! Begleitet Joey Kelly und seinen Sohn Luke von Berlin über das Baltikum, die Weiten Russlands, Kasachstans und der Mongolei bis nach Peking. Erlebt eine wunderbare Geschichte über Mut und Ideenreichtum, über Mitmenschlichkeit und Gastfreundschaft. Ob die beiden wirklich ankommen? Findet es selbst heraus!

Blick ins Buch: 

Die Zarenstadt

Es sind fünfunddreißig Grad, die Sonne knallt unbarmherzig auf den Pulk der abertausenden Touristen herunter, der sich durch die engen Gassen von Sankt Petersburg schiebt. Wir sind mittendrin und lassen uns einfach treiben.

Heute Morgen gönnten wir uns eine Dusche in einem Motel am Wegesrand. Für zwei Euro schloss uns die Hausdame ausnahmsweise die vollkommen heruntergekommene Sauna auf, ein leicht schimmeliger Geruch lag in der Luft, aber das heiße Wasser war nach Tagen der Katzenwäsche ein himmlisches Geschenk.

Ab jetzt sind die Sprachkenntnisse von Luke von unglaublichem Vorteil, er hat in der Schule Russisch gelernt und selbst nur ein paar Brocken vereinfachen vieles. Ging das Bezahlen mit Euro in Polen noch reibungslos, im Baltikum sowieso, sieht das in Russland ab jetzt anders aus. In einer Bank tauschen wir ein paar hundert Euro aus unserer Spendenbox, dafür bekommen wir zweitausendvierhundert Rubel. Damit kommen wir bei einem Durchschnittsverbrauch von zwölf Litern mit unserem Bulli locker um die dreitausend Kilometer weit. Der Sprit hier in Russland ist nämlich ziemlich günstig, umgerechnet kostet der Liter nur neunzig Cent.

Mitten im Zentrum von Sankt Petersburg thront der Palast des ehemaligen Zaren, ein unfassbarer Protzbau, kreisförmig angelegt, damit man rundherum den Anblick auch genießen kann. Wenn man sich in die damalige Zeit zurückversetzt, kann man vielleicht ansatzweise nachvollziehen, wie sich der russische Bauer wohl vorgekommen ist, der in der Taiga in einer Kate mit seinem Vieh hauste, in die Großstadt kam und nun auf einmal dieses gemauerte Monument betrachtete, in dem eine einzige Familie auf gefühlten zehntausend Quadratmetern lebte. Mit eigenem Hofstaat, Köchen, Dienern, Gärtnern und devoten Adjutanten, die darauf aufpassten, dass man nicht auf seinem eigenem Schleim ausrutscht.

Mit Luke schlendere ich noch durch ein paar Souvenir- Shops, etwas Typisches für die Damen daheim zu besorgen. Unsere Wahl fällt auf ein paar Matrjoschkas, bunt bemalte russische Holzfiguren, innen hohl, die kann man alle ineinander stapeln. Das ist genau das Richtige. Nebenan gibt es Zareneier, mit unterschiedlichen Prunksteinen beklebte Ostereier, in allen Größen und Farben. Als wir uns nach den Preisen erkundigen, fällt mir glatt die Kinnlade runter: Das fängt bei umgerechnet fünfzig Euro für die Miniaturausgabe an und geht hoch bis auf tausend. Ich frage mich ernsthaft, wer sich so etwas in seine Schrankwand stellt. Ich jedenfalls nicht.

Als es dunkel wird, fahren wir an der nächsten Tankstelle auf der M10 raus und übernachten hier. Das sind im Ausland die sichersten Stellplätze, da ist immer jemand da. Luke packt sich rein in den Bulli, ich lege mich draußen vor die geöffnete Tür. Den Schlafsack ziehe ich nur bis zum Bauchnabel hoch, sonst bin ich in der nächsten Stunde klitschnaß. Es ist kurz vor Mitternacht, das Thermometer steht immer noch bei achtundzwanzig Grad.

Bulli-Challenge – Von Berlin nach Peking – erschienen im NATIONAL GEOGRAPHIC Verlag

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