Europas Norden: Die Landschaft, die fantastische Welten inspiriert

Die Fortsetzung des erfolgreichsten Animationsfilms aller Zeiten wurde von der Landschaft Norwegens inspiriert, die im echten Leben nicht weniger märchenhaft wirkt.Freitag, 20. Dezember 2019

Schmale Fjorde mit steilen Klippen, schneebedeckte Bergrücken, Wälder in prächtigen Herbstfarben, Nachthimmel mit tanzenden Polarlichtern – die einst als Rachegeister der Toten galten – und die klare, eiskalte Luft des arktischen Winters. Die Rede ist natürlich von der einmaligen Landschaft Norwegens: ein Sammelsurium aus Märchenwäldern, Gebirgen, eisigen Ebenen und einer Küstenlinie, die genauso verworren wie die Mythologie des Landes ist. Sowohl die Landschaft als auch die Legenden dienten als große Inspirationsquelle für „Frozen II“, die Fortsetzung des Disneyfilms von 2013. (Die Walt Disney Company ist Mehrheitseigner von National Geographic Partners.)

Für den Fotografen Stian Klo sind diese Landschaften gleichzeitig Heimat und Beruf. Der in Harstad lebende Klo wurde über dem Polarkreis geboren und wuchs in einem Gebiet auf, das später zum Fokus seiner Fotografie werden sollte. Das Leben und Arbeiten an einem solchen Ort besteht aus Kompromissen zwischen den harschen Elementen und der Fotogenität der Landschaft, wie er erzählt.

„Ich höre oft, dass wir hier oben ganz schön verwöhnt sind“, sagt er. „Im arktischen Norden, wo ich lebe, ist die Landschaft rau und manchmal brutal. Schon ab der Türschwelle sind wir den Elementen ausgesetzt. Aber davon abgesehen befürchte ich, dass wir manchmal vergessen, was für ein unglaubliches Glück wir haben, das hier unsere Heimat nennen zu können.“

Magisches Licht

Einige der berühmtesten Fotolocations befinden sich in der Nähe zum Meer – und erleben deshalb oft nicht die harschen Wetterextreme, die weiter im Inland vorherrschen. Teile der Region Lofoten gelten als die nördlichsten Bereiche der Welt, in denen die Temperaturen das ganze Jahr über dem Gefrierpunkt liegen. Aber selbst im vergleichsweise milden Meeresklima entkommen die Bewohner einem der großen Extreme ihrer Breitengerade nicht: der Polarnacht, während der die Sonne stets unterhalb des Horizonts bleibt. In Harstad, wo Klo lebt, dauert sie von Dezember bis Januar. Aber in den Winterwochen vor und nach der langen Nacht verwandelt sich die Region in ein schwach beleuchtetes Winterwunderland. „Ich bin ein großer Fan von Winterfotografie“, sagt er. „Alles verändert seinen Charakter ein wenig. Außerdem ist das Licht im Winter viel fotogener, weil die Sonne in so einem niedrigen Winkel steht. Das bedeutet, dass wir sehr lange und weiche Sonnenauf- und –untergänge haben. Ganz zu schweigen von den dunklen Nächten und der Option auf Polarlichter.“

Ein Land der Vertikale

Während Arendelle aus „Frozen II“ ein fantastisches Reich ist, das nicht den Beschränkungen der Realität unterliegt, ist der skandinavische Einfluss doch unverkennbar. Er zeigt sich im Stil der Gebäude ebenso wie in der Mythologie und Kultur. Am deutlichsten ist er aber in der Szenerie zu erkennen. Ein Teil der Filmcrew reiste nach Norwegen, Finnland und Island, um sich inspirieren zu lassen. Aber was ihnen besonders im Gedächtnis blieb, war mehr als nur Eis und Schnee. Passend zum zentralen Thema des Films, der Veränderung, dominieren eher Herbstfarben als das kalte Blau des Winters. Der Produktionsdesigner Michael Giaimo war insbesondere von der Höhe der Bäume beeindruckt, die er als „unglaublich“ beschrieb. Ihm zufolge funktionieren sie im Setting des Films ausgezeichnet, da dessen Ästhetik“ auf Vertikalität basiert“.

Und vertikale Elemente finden sich in Norwegen reichlich: von den hoch aufragenden Gipfeln der Berge über die steilen Küsten der Fjorde bis zu den hohen Nadelwäldern, die mehr als 30 Prozent der Fläche des Landes bedecken. Für Stian Klo übt die größte Faszination aber eine Inselgruppe aus, die 800 Kilometer nördlich von Norwegens Küste liegt. „Es ist schwer, einen Ort besonders hervorzuheben, aber Spitzbergen ist für mich persönlich der fotografisch inspirierendste Ort.“

Selfie-Paradies

Norwegen hat sich in den letzten Jahren zweifelsfrei zu einer beliebten Szenerie auf Instagram entwickelt. Selfie-Jäger suchen Aussichtspunkte in luftigen Höhen oder eindrucksvolle Findlinge, um möglichst spektakuläre Fotos von sich zu machen. Der berühmteste Selfie-Spot ist vermutlich Trolltunga – die Trollzunge. Die Felszunge ragt wie ein riesiges Surfbrett 700 Meter über dem Ringedalsvatnet-See aus einer Klippe. In vielen Aufnahmen posieren Menschen in gefährlichen Posen am Rand der Felszunge und lassen ihre Beine über dem Abgrund baumeln.

Ähnliche Selfies werden häufig am Pulpit Rock von Preikestolen gemacht, eine schwindelerregende Klippe über dem Lysefjord, der sich 604 Meter unter dem Felsen erstreckt. Über genau demselben Fjord befindet sich ein weiterer Instagram-Meilenstein: der Kjeragbolten, ein rundlicher Felsen, der in einer Felsspalte eingeklemmt ist.

Norwegen ist in der Szene also schon längst kein Geheimtipp mehr. Deshalb kann es mitunter schwierig sein, Aufnahmen zu machen, die frisch und neu wirken. „Schaut euch die Arbeit von anderen Fotografen an und lasst euch inspirieren, aber kopiert nicht einfach nur“, rät Stian Klo. „Seid neugierig und stellt euch Fragen: Wie haben die das gemacht? Wann war das Shooting? Wie sind sie dahingekommen? Und dann lernt davon. Und seid geduldig – und scheut euch vor allem nicht davor, auch bei ‚schlechtem Wetter‘ rauszugehen.”

Wie von Geisterhand

Auch jenseits der animierten Welt von „Frozen II“ diente die Landschaft Norwegens als Setting für zahlreiche bekannte Werke. Die verschneite Hochebene Hardangervidda diente in „Star Wars: Das Imperium schlägt zurück“ als Kulisse für den Planeten Hoth. Die Stadt Tønsberg spielt in den „Avengers“-Filmen eine wichtige Rolle. Die Fjordgebiete im Westen waren in Douglas Adams’ britischem Kulthörspiel „Per Anhalter durch die Galaxis“ das preisgekrönte Werk des Planetenarchitekten Slartibartfast.

Auch die Mythologie des Landes ist untrennbar mit ihrer Landschaft verbunden: Die Wälder und Berge beheimaten Trolle, in den Meeren tummeln sich Wasserpferde und der Himmel wird von Geistern und Göttern bevölkert. Auch Stian Klo entgeht der mystische Touch seiner Heimat nicht: „Seht euch doch nur mal die Landschaft an! Da mussten doch irgendwelche Trolle oder Riesen ihre Finger im Spiel haben, um solche unglaublichen Täler und Fjorde zu erschaffen“, sagt er, ehe er augenzwinkernd hinzufügt: „Auch wenn ich selbst noch nie welche gesehen habe.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.co.uk veröffentlicht.

 

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