Handy und Steinzeit: Wie ein Amazonas-Stamm Technik und Tradition zum Überleben nutzt

Um seine traditionelle Lebensweise zu bewahren, nutzte ein Amazonas-Volk moderne Unterstützung.

Von Lynsey Addario
Veröffentlicht am 3. Jan. 2024, 12:53 MEZ
Patrouille gegen Wilderer

Der Nachwuchs in São Luís wird traditionell erzogen. Einige – wie João Kanamari – werden für eine zeitgemäße Ausbildung in die neun Bootsstunden entfernte Stadt Atalaia do Norte geschickt. João nimmt mit dem Handy die Patrouillen gegen Wilderer und Holzfäller auf, kommuniziert mit anderen indigenen Gemeinschaften und teilt Fotos in sozialen Medien.

Foto von Lynsey Addario

Der Rio Javari trennt Brasilien und Peru und fließt tief in den Amazonas-Regenwald hinein. Die einzigen Anzeichen menschlichen Lebens entlang seines Laufs sind vereinzelte Boote oder Anlegestellen auf der peruanischen Seite. Am brasilianischen Ufer weisen Schilder der Regierung auf das Indigenen-Reservat des Javari-Tals hin. Hier lebt die weltweit höchste Konzentration isoliert lebender indigener Völker. Außenstehenden ist der Zutritt verboten. Doch viele können den Verlockungen der üppig vorhandenen Mineralien, Hölzer und Wildtiere nicht widerstehen.

​Leben im Widerstand

Das Gebiet mit seinen nahezu unberührten Wäldern ist etwa so groß wie Österreich. Rund 6000 Menschen sollen im Reservat leben. Diese Zählung umfasst die Angehörigen jener sieben Stämme, die Kontakt zur Außenwelt haben. São Luís liegt etwa 300 Kilometer flussaufwärts von der Stadt Atalaia do Norte entfernt. Es ist die Heimat von etwa 200 Kanamari, die mir und einem Filmteam den Besuch erlaubt haben. Acht Tage lang leben wir in ihrem schmucken Dorf aus hölzernen Stelzenhäusern. Wir stehen auf, wenn Oberhaupt Mauro Kanamari (bei den Kanamari ist der Stammesname der Familienname) ins Horn bläst.

Wir begleiten die Frauen bei der Maniokernte, die Männer beim Jagen und Fischen. Es sind Menschen, deren angestammte Heimat durch illegale Abholzung, Fischerei und Bergbau zerstört wird. „Früher waren es nur ein paar illegale Eindringlinge, Fischer und Holzfäller, die Holz aus unserem Gebiet geholt haben“, erzählt Oberhaupt Mauro. „Jetzt werden es jeden Tag mehr.“ Für die Kanamari ist der Wald ein Elternteil, der sie mit allem versorgt. Doch Holzfällerei und Ausbeutung anderer Ressourcen bedrohen die Gesundheit dieses Elternteils und ihre eigene Lebensgrundlage. Widerstand ist gefährlich. Im Jahr 2022 wurden der brasilianische IndigenenAktivist Bruno Pereira und der britische Journalist Dom Phillips in der Region ermordet. Angeblich kam der Auftrag vom Chef einer kriminellen Fischfangorganisation.

Im Javari-Tal, einer der entlegensten Gegenden des Amazonasbeckens in Brasilien, ernten Kanamari-Frauen ihr Grundnahrungsmittel Maniok. Eindringlinge, die die natürlichen Schätze des Amazonasgebiets ausbeuten wollen, bedrohen die Kanamari und den Wald, der sie ernährt.

Foto von Lynsey Addario

​High-Tech-Patrouillen

„Ich habe persönlich viele Drohungen erhalten“, sagt Mauro Kanamari. Doch die Kanamari wollen diese Übergriffe nicht tatenlos hinnehmen. Sie suchen neue Wege, ihr Land und ihre Lebensweise zu verteidigen. Sie haben sich zusammengetan mit Funai, der staatlichen Indigenen-Behörde, und Univaja, einer Vereinigung der Völker des Javari-Tals. Gemeinsam organisieren sie Patrouillen gegen illegale Holzfäller. Funai stellt Funkgeräte und Treibstoff für ein Motorboot. Die Waffen der Kanamari – Pfeil und Bogen sowie kleine Pistolen – sind den Eindringlingen kaum gewachsen. Daher ist es ihre Philosophie, nicht zu kämpfen, sondern über ihre Erkenntnisse zu berichten. „Früher haben wir das Holz beschlagnahmt, aber jetzt, wo es so viele geworden sind, haben wir Angst bekommen“, sagt Stammesoberhaupt Mauro.

„Wenn wir in die Stadt kommen, sind wir zum Abschuss freigegeben.“ João Kanamari, der 20-jährige Neffe von Mauro, zeichnet die Patrouillen mit seinem Handy auf und teilt Informationen in sozialen Medien. Als Teenager wurde er nach Atalaia do Norte zum Portugiesischlernen geschickt. Er soll zwischen seinem Volk und dem Rest der Welt vermitteln. „Wir wollen, dass die Welt uns sieht, damit sie uns helfen kann“, sagt er. „Wir patrouillieren hier auf diesen gefährlichen Gewässern durch unser Gebiet, nicht nur für uns, sondern auch für euch. Der Amazonas ist unsere Regierung, unser Vater und unsere Mutter. Wir können ohne ihn nicht überleben. Und nach allem, was wir heute wissen, könnt ihr es auch nicht.“ —Protokoll: Rachel Hartigan

National Geographic Magazin 1/24.

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