Reise und Abenteuer

Die Götter von Bali

Uralte Mythen und Rituale halten auf Bali die Götter lebendig, die bis heute das Leben der Menschen bestimmen.

Von Jamie James

Fröhlich schmetternd reißt mich ein Gamelan, eine traditionelle indonesische Percussionsgruppe, kurz nach Sonnenaufgang aus dem Schlaf. Vor meinem Schlafzimmerfenster, auf der anderen Seite dieser Straße in der boomenden balinesischen Stadt Seminyak, sitzt ein Dutzend Männer mit Kopfschmuck und bunten Sarongs aus Batikstoffen im Schneidersitz auf dem Parkplatz des neuen Nachtclubs.

Die Männer schlagen auf Gongs und Xylophone. Ich ziehe mir eine Jeans an und eile hinüber. Für den morgendlichen Lärm ist die balinesische Zeremonie melaspas verantwortlich, damit segnen die Menschen hier Gebäude, die gerade fertiggestellt wurden. Die Messingklänge des Gamelan sollen böse Einflüsse abwehren.

Der Besitzer des Clubs ist Gede Wira Apsika, ein Balinese Mitte 30 mit einer grellen purpurroten Tätowierung am rechten und einer echten Rolex am linken Arm. Er steht in seinem Etablissement und begrüßt mich wie einen Nachbarn. „Ich habe umgerechnet 4000 Euro für diese Feier ausgegeben“, sagt er und lächelt. „Ich bin Balinese und sicher, dass die Investition in eine gute melaspas meinem Lokal Erfolg bringen wird.“ Auf der Tanzfläche türmen sich Berge von Opfergaben für die Götter, darunter Sternfrüchte, Apfelsinen und Frangipaniblüten. Dazwischen stehen aus Schweineschwarten gearbeitete, fein verzierte Skulpturen. Vor einer Musikanlage kokeln Räucherstäbchen.

DER HOHEPRIESTER FÄHRT IM MERCEDES VOR DEN NACHTCLUB UND FÄLLT IN EINEN GESANG. SPÄTER WIRD ER EINEM HAHN DEN HALS DURCHSCHNEIDEN.

Der Hohepriester, ein sogenannter Pedanda, fährt in einem schwarzen Mercedes mit getönten Scheiben vor. Er trägt eine weiße Robe und eine schwarze, goldbestickte Samtkrone. Auf dem Parkplatz wurde für ihn ein Podest mit einem Dach errichtet, darauf beginnt er seinen Gesang. Ein Gehilfe bindet eine Ente und ein Huhn an einen Pfosten. Ihr Flügelschlagen und Kreischen wird bei Sonnenuntergang enden, wenn der Pedanda ihnen als Höhepunkt des Rituals den Hals durchschneidet.

Touristen bleiben stehen und bestaunen die maskierten Tänzer, die alte Legenden von Prinzen, Dämonen und Drachen nachspielen. Sie wechseln sich mit zwei muskulösen Transvestiten ab, die eine schlüpfrige Version eines Tanzes zeigen, den normalerweise junge Mädchen vorführen. Es mag den Besuchern nicht bewusst sein, aber ein glücklicher Zufall erlaubt ihnen einen Blick ins wahre Herz von Bali, in die allgegenwärtigen magischen Rituale und Glaubenssysteme der farbenfrohen balinesischen Hindu-Kultur. Manche der Gäste nehmen an organisierten Touren teil, die sie ins „echte Bali“ und zu klassischen balinesischen Tanzvorführungen entführen sollen. Andere fahren mit Geländewagen auf Waldexkursionen. Aber nirgends kommen sie der innersten Seele von Bali näher als hier: auf dem Parkplatz eines neuen Musikclubs in Seminyak.

Ich kam vor 14 Jahren mit meinem indonesischen Partner hierher, der ein Restaurant eröffnen wollte. Die Gegend war noch ländlich, es gab nur einzelne Außenposten des Rucksacktourismus zwischen Hainen aus Kokospalmen. Vom Schlafzimmerfenster ging mein Blick auf Reisfelder, an klaren Tagen konnte ich den Rauch der Inselvulkane in der Ferne sehen. Nach und nach wichen die Felder neuen Hotelhochhäusern und schicken Boutiquen – gebaut von Unternehmern mit der erklärten Absicht, im ländlichen Indonesien ein neues Ibiza oder South Beach zu errichten.

Aber diese weltliche Modernität gibt es nur an der Oberfläche. Darunter ist die Tradition der balinesischen Magie so stark wie eh und je. Nach der heiligen – und derben – Tanzvorführung der Gamelan-Gruppe direkt vor meiner Haustür bin ich neugierig geworden. Ich möchte besser verstehen, wie die vier Millionen Menschen auf dieser Insel ihren Glauben leben.

Als Erstes reise ich weg von Seminyak, räumlich und zeitlich so weit wie möglich – nämlich in die kaum berührten Wälder des Nationalparks Bali Barat. Eine zweispurige Teerstraße führt durch das Schutzgebiet zu einer Öko-Ferienanlage an der Nordküste, ansonsten ist das Land nicht erschlossen. Es liegt noch genauso da wie vor Tausenden von Jahren, als sich die unverwechselbare Kultur dieser Insel entwickelte.

Der Park umfasst etwa 190 Quadratkilometer an der Westspitze der Insel. Es gibt dort keine Nashörner oder Orang-Utans wie in anderen indonesischen Naturschutzgebieten, der balinesische Tiger wurde in den Vierzigerjahren ausgerottet. Heute leben hier friedliche Kantschile: winzige Paarhufer, auch Hirschferkel genannt. In ihrer Nachbarschaft gibt es Stachelschweine und Marmorkatzen.

Ketut Sulastra ist ein stämmiger und stoischer Mann, der Wildhüter ist in dieser Gegend aufgewachsen. Mit ihm unternehme ich am frühen Morgen einen Ausritt durch die Mangrovenwälder. Ein paar Balistare flattern aus einem Bambusgebüsch, der elegante Vogel wird auch Mynah genannt. Er ist ein beliebtes Symbol der Insel und eine der am stärksten gefährdeten Tierarten der Welt. In den Neunzigerjahren gab es nur noch etwa 15 Vögel. Durch Zuchtprogramme hat sich der Bestand mittlerweile auf fast 130 erhöht. Als der erste indische Premierminister Jawaharlal Nehru im Jahr 1954 die Insel besuchte, nannte er sie den „Morgen der Welt“. Die Landschaft wirkt urzeitlich, und ich beginne zu spüren, was er damit gemeint hat.

KETUT BEENDET SEINE GESCHICHTE MIT EINEM SATZ, DEN DIE MENSCHEN HIER GERN VERWENDEN: „ICH WEISS NICHT, OB ES WAHR IST, ABER SO ERZÄHLEN ES SICH DIE LEUTE.“

Das Glaubenssystem auf Bali ist verwoben mit Vorstellungen von Magie und Zauberei. Sie alle haben ihren Ursprung in den Lebewesen der Natur. An der Spitze der Nahrungskette steht der Netzpython, der angeblich sogar Kinder angreift. Ich frage Ketut, ob wir eine Riesenschlange zu sehen bekommen. Sein derbes Gesicht wird weich und strahlt, wie bei einem kleinen Jungen: „Oh Mann“, ruft er. „Vor ein paar Wochen habe ich einen Python gesehen, der war über drei Meter lang und hatte gerade einen großen Waran gefressen. In ihrem Todeskampf wand sich die Echse im Bauch der Schlange, bis sie mit ihren Beinen deren Haut durchbohrte. Es sah aus wie ein Python mit Beinen. Ich habe die Geburt eines Drachens erlebt!“ Die Chimäre brach zusammen, der Waran erstickte, der Python verblutete – noch urzeitlicher geht es kaum. Die Geschichte erinnert mich an die Verwandlungen im indonesischen Schattenspiel: In den alten Theaterstücken maskieren die Götter sich oft als wilde Tiere und zeigen erst am Ende des Stücks, wer sie wirklich sind.

Das einzige Zeichen von Zivilisation im Park bildet ein paar Kilometer landeinwärts das Jayaprana-Mausoleum. Ketut führt mich durch ein trockenes Flussbett, in dem kleine Echsen im trockenen Laub rascheln, dann einen steilen Weg hinauf durch einen dichten Wald und vorbei an einer Höhle, um deren Eingang herum ein Python in den Stein gemeißelt ist. Über uns lärmen Makaken und hangeln sich an Lianen durch die Baumkronen. Oben auf einem Hügel erreichen wir einen kleinen gepflasterten Platz. Er ist von einfachen Schuppen umgeben – bescheidene Schreine, in denen bemooste, verwitterte Monolithe stehen. Die schwüle Hitze macht uns zu schaffen. Bei einer zahnlosen Frau, die einen Verkaufsstand für Touristen führt, kaufen wir uns etwas zu trinken und machen auf dem Platz eine Pause.

Ketut erzählt, dass Gläubige die Schreine errichtet haben, nachdem hier zwei Gräber mit Reliquien des legendären Prinzen Jayaprana entdeckt worden waren. Jayaprana war der Adoptivsohn eines mächtigen Oberhaupts aus dem Dorf. Dieser Häuptling begehrte Jayapranas Verlobte und ließ den jungen Mann umbringen, damit er dessen Angebetete selbst heiraten konnte. „Und genau hier wurde Jayaprana ermordet“, sagt Ketut und hebt in einer dramatischen Geste die Brauen. Als der Prinz starb, zog ein himmlischer Duft durch den Wald. Alle Tiere weinten – bis auf einen weißen Tiger, der den Mörder anfiel und tötete. Als die Nachricht von Jayapranas Tod seine Geliebte erreichte, beging sie Selbstmord, um sich nicht dem König ausliefern zu müssen. Die beiden Liebenden liegen an dieser Stelle begraben.

Ketut beendet seine Geschichte mit einem Satz, den die Menschen hier gern verwenden: „Ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber so erzählen es sich die Leute.“ Einige glauben es offensichtlich: Der niedrige Eingang des größten Schreins wird von zwei orangegelben Sonnenschirmen beschattet, zwei Feldarbeiterinnen, die noch ihre schmutzigen Sarongs tragen, kaufen Räucherstäbchen von dem alten Pedanda. Sie entzünden die Stäbchen, halten sie mit den Fingerspitzen hoch, sprechen ein Mantra und stecken sie an Jayapranas Grab behutsam in ein mit Sand gefülltes Gefäß.

Ich bitte Ketut, mir das Geheimnis dieses Orts zu erklären. Wenn Jayaprana ein Sterblicher war, der vor mehreren Jahrhunderten umkam, warum beten die Menschen heute an seinem Grab? Der Wildhüter zuckt mit den Schultern, dann sagt er: „Die Balinesen beten natürlich zu ihm, damit er ihnen mit seiner Macht gewogen ist.“ Tausend Jahre sind vergangen, doch im Alltag bleibt die Erinnerung an den Prinzen erhalten, der für seine Liebe sterben musste: Hersteller von Sportgetränken benennen ihre Produkte nach ihm, in sozialen Medien wie Twitter und Facebook findet er immer wieder Erwähnung. Der Prinz hat seinen Tod schon lange überlebt.

WIE EINE SICHEL LIEGT DAS DORF AM FUSS DES MOUNT BATUR. DER VULKAN IST AKTIV, AUS MEHREREN KRATERN KANN JEDERZEIT LAVA HERAUSSPRITZEN.

Bis Mitte des 14. Jahrhunderts war die balinesische Zauberei tief im Leben der Menschen verwurzelt. Dann eroberte das javanische Königreich Majapahit die Insel, die neuen Herrscher führten den Hinduismus ein und mit ihm die strenge Trennung der Kasten. Einige abgelegene Dörfer widersetzten sich dem neuen Regime und lebten wie zuvor. Sie werden als Bali Aga, „ursprüngliche Balinesen“, bezeichnet. Aus dem Dschungel im Inselwesten fahre ich auf einer breiten Landstraße in das kühle Hochland im Zentrum. Im Vergleich zu den überfüllten Straßen von Seminyak wirkt sie herrlich abgeschieden. Mein Ziel ist das Bali-Aga-Dorf Trunyan. Hier leben seit mehr als tausend Jahren Menschen, ihre Mythen und Rituale haben noch eine lebendige Verbindung zur Welt des Prinzen Jayaprana.

Das Dorf liegt am Ostufer eines tiefen und stillen Sees, der wie eine Sichel am Fuß des Mount Batur liegt. Der Vulkan ist aktiv, aus mehreren Kratern kann die glühende Lava jederzeit herausspritzen. Als ich über die westliche Hügelkette komme und den ersten Blick auf den Berg erhasche, wirkt er fast zu perfekt: ein sanft abfallender Südhang, in dem ein Ausbruch im Jahr 1968 eine lange Kerbe aus schwarzem Basalt geformt hat. Entlang der Serpentinenstraße hinunter in Richtung Trunyan dösen Kühe unter riesigen Banyanbäumen.

Alte Frauen mit Strohhüten graben in ihren Gärten um die Tomaten- und Chilipflanzen, lilafarbene Schalotten hängen in Bündeln an den Traufen von Scheunendächern. In Trunyan lerne ich Nyoman kennen, einen rundlichen, zurückhaltenden Mann, vielleicht Mitte 40. Er ist so freundlich, für mich sein Schachspiel abzubrechen und mich durch das Dorf zu führen. Es gebe etwas Großartiges zu sehen.

In ganz Bali ist Trunyan für eine bestimmte Gottesstatue berühmt. Sie ist wahrscheinlich mehr als 1100 Jahre alt und stellt den Schutzgott des Dorfs dar, zu dessen zahlreichen Namen auch Ratu Gede Pancering Jagat gehört. Nur Menschen aus dem Dorf dürfen sie sehen, aber mit Nyoman habe ich jetzt jemanden, der sie mir zeigen kann, obwohl ich nicht zur Dorfgemeinschaft gehöre – zumindest behauptet er das. Wir gehen durch enge Gassen und vorbei an geschäftigen Großfamilien, Männer sitzen im Schatten und reparieren ihre Fischernetze. Durch ein aufwendig geschnitztes Tor aus dunklem Basalt gelangen wir in die Tempelanlage. Strohgedeckte Pavillons stehen auf dem Rasen rund um einen hohen Tempel, sieben Dächer scheinen sich auf ihm zu stapeln. Diese verschwenderische Bauweise verrät, wer hier wohnt: Dies ist das Haus der Gottheit, die über das Dorf wacht. Ihr gebührt größter Respekt.

Der Tempel ist mit einem Vorhängeschloss gesichert. Ich frage Nyoman, wer den Schlüssel besitze. Er reagiert mit Schweigen – Balinesen enttäuschen ihre Gäste nicht gern, und so ist es auch bei ihm. Ich spüre, dass hier eine Grenze zwischen uns verläuft, die ich nicht überschreiten sollte. Ich bin zwar enttäuscht, aber ich ahne, dass eine Begegnung mit der großen steinernen Gottheit noch enttäuschender hätte sein können. Zauberei lebt vom Geheimnis um ihre Macht.

Ich bitte Nyoman, mir die Statue zu beschreiben. Er zögert und murmelt schließlich: „Ein Mann und eine Frau in einem Lebewesen.“ Viel mehr will er nicht sagen, nur dass die Statue vier Meter hoch sei und fast bis zur Decke reiche. Ein großer Felsen bewache die niedrige Tempeltür.

Nyoman erklärt, dass der Felsen einen Namen habe, dass er ihn mir aber nicht verraten dürfe. Es stellt sich heraus, dass der Zugang zu dem Tempel noch komplizierter ist, als ich dachte. Niemand dürfe ihn betreten, sagt Nyoman, bis auf einige Jugendliche, die bei einem Vollmondfest einen rituellen Tanz vorführten. Er mache die Jungen gemäß der Tradition zu Männern und wirke gleichzeitig wie ein Schutzzauber für das Dorf.

In der Abenddämmerung paddelt mich Nyoman in seinem Kanu anderthalb Kilometer am Seeufer entlang zum Dorffriedhof. Grabsteine in ordentlichen Reihen gibt es hier nicht. In Trunyan werden die Toten nicht begraben oder verbrannt, sondern im Freien aufgebahrt. Die Lebenden fühlen sich den Toten eng verbunden, sie bleiben Teil der Dorfgemeinschaft.

Eingezäunt von einem hohen Bambusgitter liegen zwei Leichen im Schatten eines duftenden Sandelholzbaums, der angeblich so alt ist wie das Dorf. Am Stamm lehnen hohe Stapel aus Knochen und Schädeln. Mein Besuch im Land der Toten kommt mir nicht schauerlich vor, ich bin selbst überrascht, wie entspannt ich bin. In der purpurrot durchzogenen Abenddämmerung steuert Nyoman das Kanu zurück ins Dorf.

Ich beneide seine Gemeinschaft um eine Kultur, in der die Knochen gestapelt werden und sich die Menschen über den Tod hinaus in ihrem Kosmos geborgen fühlen.

EIN SCHWARZER, HÖLZERNER STIER, GUT ZWEI METER HOCH, HÄLT DEN SARG. BALD WERDEN FLAMMEN AN IHM LECKEN UND ALLES VERZEHREN.

Das letzte Ziel meiner Reise führt mich in den Süden in die Stadt Ubud. Dort wohnt mein Freund Tjokorda Raka Kerthyasa. Er ist das Oberhaupt des Hofstaats von Ubud und hat mich eingeladen, an der Einäscherung seines betagten Cousins teilzunehmen. Ubud ist das bekannteste Dorf auf Bali, seit die Insel in den Dreißigerjahren von der ersten Welle weltreisender Prominenter entdeckt wurde. Zu ihnen gehörten der Schauspieler Charlie Chaplin, der Schriftsteller Noel Coward, der Komponist Cole Porter und der mexikanische Künstler Miguel Covarrubias. Sein Buch „Island of Bali“ aus dem Jahr 1937 gilt bis heute als zuverlässige Einführung in die Kultur von Bali. Der deutsche Musiker und Maler Walter Spies zog Ende der Zwanzigerjahre hierher. Er förderte die Begabung junger balinesischer Künstler und war bei den Menschen auf der Insel sehr beliebt.

Der königliche Hof von Ubud ist bekannt für seinen glanzvollen Pomp. 1945 schaffte man die Feudalherrschaft ab, als Indonesien zur Republik wurde, doch ein Königspaar mit Familie gibt es immer noch. Ihre Herrschaft bleibt in Geschichten und Ritualen verwoben mit dem Reich der Götter.

Die Beerdigung findet auf dem Tempelgelände statt. Die Stimmung ist festlich – warum auch nicht? Der Verstorbene erfreute sich eines langen Lebens und vieler Nachkommen. Solche Zeremonien sind seit Langem wichtiger Teil der balinesischen Kultur. Wie es um sie steht und welche Herausforderungen sie erwartet, weiß wohl niemand besser als Tjokorda Raka, ein Abgeordneter des indonesischen Parlaments. „Unsere Lebensart wird bleiben“, sagt er. „Wir beten und meditieren, suchen Weisheit und Gleichgewicht zwischen der wirklichen und der nicht greifbaren Welt. Jeder kann dieses Gleichgewicht erleben, Menschen aus Europa und Australien ebenso wie Balinesen.“ Er schaut mir in die Augen. „Sie stehen auf balinesischem Boden“, sagt er. „Selbst wenn Sie fortgehen, wird Bali ein Teil von Ihnen bleiben.“

Doch jetzt muss Tjokorda Raka los, er soll die Zeremonie leiten. Mehrere Hundert Menschen haben sich auf der Straße um zwei große Objekte versammelt. Eines ist ein zwei Meter hoher schwarzer Stier aus Holz mit vergoldeten Hörnern und falschen Juwelen am Zaumzeug. Bei der Verbrennung wird er den Sarg halten. Daneben steht ein Turm aus neun Schichten Holz, doppelt so hoch wie der Stier. Er ist rot und dunkelgrün bemalt. Der weiße Sarg wird in den unteren Teil des Turms geschoben. Dann macht sich das Gamelan schmetternd auf den Weg. Der Stier folgt gleich auf die Kapelle, dahinter tragen etwa hundert Männer den Turm. Tjokorda schlägt eine rote Schärpe und einen Messinggong und treibt damit die Sargträger an. Die Prozession marschiert zum Einäscherungsplatz, dort wird der Sarg aus dem Turm genommen und mit dem Stier in Brand gesetzt.

Wer auf Bali lebt, gewöhnt sich an diesen Umgang der Inselbewohner mit dem Tod. In Trunyan leben tausend Jahre alte Geheimnisse weiter, in Ubud inszeniert man eine prächtige Show. Beides gehört zum Kern der Magie, die die Insel zusammenhält.

Auf der Rückfahrt zurück an die Küste bin ich zuversichtlich. Meine Freunde auf Bali machen sich Sorgen um die Auswirkungen des Tourismus auf Gesellschaft und Umwelt. Aber ich habe erlebt, wie ein starker mystischer Faden die moderne Insel an ihre legendäre Vergangenheit bindet. Und was mich betrifft: Ja, Bali bleibt ein Teil von mir.

Service: Die Wucht in Mythen
Rund 17500 Inseln gehören zu Indonesien, Bali ist mit rund 5620 Quadratkilometern eine der kleineren. Von den rund vier Millionen Menschen auf der Insel leben die meisten im Süden. Außer Ubud liegen fast alle Orte, die von Reisenden besucht werden, an der Küste.

Die beste Reisezeit
Die Luftfeuchtigkeit steigt in der Regenzeit von Oktober bis April auf 95 Prozent an, das macht das Reisen beschwerlich. Deutlich angenehmer ist die Trockenperiode von Mai bis September, in diesem Zeitraum sinkt die Luftfeuchtigkeit auf 75 Prozent.

Visum
Deutsche Touristen brauchen ein Visum, es wird bei der Einreise gegen eine Gebühr von etwa 32 Euro ausgestellt (30 Tage gültig).

Schlafen
Das Menjangan Resort ist eine luxuriöse Hotelanlage im Nationalpark Bali Barat im Westen der Insel, gegessen wird auf der Spitze eines 30 Meter hohen Holzturms im „Bali Tower Restaurant“, auf Höhe der Baumwipfel (ab 190 Euro). Wie ein kleines Dorf wirkt das Alam Indah in Ubud, elf Häuser mit großen Terrassen, umgeben von stillen Reisfeldern (ab 80 Euro).

Essen
In einer rund 150 Jahre alten Villa bedecken Schnitzereien die Wände aus Holz im „Kudus House“ im Hotel „COMO Shambhala Estate“ bei Ubud; dort gibt es feine indonesische und europäische Küche. „Sari Organik“ ist ein kleines Restaurant mit viel frischem Obst und Gemüse auf der Karte. Der Weg dorthin: Folgen Sie der Jalan Raya über die Jalan Kajeng, dann die Straße und den Kiesweg entlang. Insgesamt ist es ein Spaziergang von etwa einer bis anderthalb Stunden, aus der Stadt hinaus durch weite Reisfelder bis an den Rand des Dschungels.

Sonnenuntergang
Am schönsten in der Bar „La Plancha“ am Jalan Dhyana Pura in Seminyak. Mit Glück bekommen Sie einen der gemütlichen Sitzsäcke, dann kann die Show beginnen.

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