Tiere

Paradiesvögel: Zählappell im Paradies

Vor neun Jahren fassten zwei Männer einen abenteuerlichen Plan: Sie wollten als Erste alle 39 Arten der sagenumwobenen Paradiesvögel aufspüren. 18 Expeditionen und 39.000 Fotos später haben sie es geschafft. Mittwoch, 17 Januar

Von Mel White
Bilder Von Tim Laman

Die aufgehende Sonne beleuchtet auf der Insel Wokam südlich von Neuguinea die Balz eines Großen Paradiesvogels. Die Männchen zupfen in den Wipfeln die Zweige kahl, damit sie besser gesehen werden.

Kängurus, die auf Bäume klettern, Schmetterlinge von der Größe einer Frisbeescheibe, Säugetiere, die Eier legen: Neuguinea ist eine Welt voller biologischer Extravaganzen.

Aber kein anderes Naturwunder dieser Insel hat die Wissenschaftler jemals so fasziniert wie jene Lebewesen, die der Naturforscher Alfred Russel Wallace einmal «die schönsten und außergewöhnlichsten gefiederten Bewohner der Erde» nannte: die Paradiesvögel.

Ihre Familie umfasst 39 Arten, die ausschließlich in Neuguinea und einigen angrenzenden Regionen bis hinüber nach Australien leben. Trotz jahrzehntelanger Bemühungen hatte es kein Mensch geschafft, sie alle zu sehen – bis Edwin Scholes und Tim Laman ihr ehrgeiziges Projekt mit Erfolg beendeten.

Video über das außergewöhnliche Balzverhalten der Paradiesvögel:

Im Jahr 2003 hatten der Ornithologe Scholes von der Cornell-Universität und der Biologe und Fotograf Laman sich vorgenommen, alle Paradiesvogelarten im Bild zu dokumentieren. Sie brauchten acht Jahre und 18 Expeditionen. Auf Fotos, Videos und Tonaufnahmen hielten die beiden viele Verhaltensweisen fest, die der Wissenschaft bis dahin unbekannt waren.

Kaum ein Naturschauspiel ist so bizarr wie die Partnerwerbung dieser Vögel. Goldenes Gefieder, comicartige Tänze, wippende Antennen, metallisch schimmernde Halskrausen in Farben, die jeden Edelstein verblassen lassen – alles, um die Zuneigung der Weibchen zu gewinnen.

Auf den Spuren von Alfred Russel Wallace scheuten Tim Laman ...

Paradiesvögel belegen als extreme Beispiele Charles Darwins Theorie der sexuellen Selektion: Die Weibchen wählen ihre Männchen wegen bestimmter reizvoller Merkmale und steigern damit die Chance, dass diese Merkmale an die nächste Generation weitergegeben werden.

Der glitzernde Federschmuck beeindruckt übrigens nicht nur Vogelfrauen. Die Menschen in Asien schätzen ihn seit Jahrtausenden als Dekor. Als Jäger die ersten Vögel im 16. Jahrhundert an Europäer verkauften, entfernten sie häufig Flügel und Beine, damit das Gefieder besser zur Geltung kam. Solche Bälge begründeten die Legende, sie stammten von Vögeln, die als Begleiter der Götter durch die Luft schweben, ohne flattern zu müssen – getragen allein von den Nebeln des Paradieses.

... und Edwin Scholes keine Mühen.

Für Laman und Scholes stand allerdings handfeste Forscherarbeit im Vordergrund, wenn auch mit einem romantischen Aspekt: Sie wollten alle Arten mit den Augen der Weibchen dokumentieren. Dazu kletterte Laman zum Beispiel auf der Insel Batanta 50 Meter hoch ins Kronendach des Regenwalds, um das Paarungsritual der Rot-Paradiesvögel zu fotografieren. Und auf der Huon-Halbinsel im Nordosten Neuguineas montierte er eine Kamera so, dass sie von einem Ast nach unten blickte: Nur auf diese Weise konnte er die Perspektive eines Weibchens auf die farbenfrohen Brustfedern und das Tanzröckchen eines männlichen Wahnes-Paradiesvogels einfangen.

Ihre Tropenerfahrung kam den Männern zwar zugute, die Strapazen, die sie auf sich nahmen, waren dennoch außergewöhnlich. Sie überstanden nervenzerreißende Hubschrauberflüge und marschierten endlos auf überfluteten Dschungelpfaden. Für den ersten Blick auf den Kopfstand einer balzenden Fächer-Paradieselster hockten sie insgesamt mehr als 2000 Stunden in Tarnzelten, ohne sich zu rühren.

Eine blauschwarze Jobi-Paradieskrähe war im Juni 2011 der letzte Vogel auf ihrer Liste. Jetzt, da die Lebensräume der Arten besser bekannt sind, könne man sie gezielter schützen, hoffen Laman und Scholes. Bisher bewahrte die Vögel vor allem die Unzugänglichkeit ihrer Reviere vor intensiver Nachstellung. Das war schon Wallace aufgefallen, der schrieb: «Anscheinend hat die Natur alle Vorkehrungen getroffen, dass ihre erlesensten Schätze nicht an Wert verlieren, weil man allzu einfach an sie herankommt.»

(NG, Heft 12 / 2012, Seite(n) 78 bis 95)

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