Tiere

Debatte um Rettungsplan für das am häufigsten illegal gehandelte Tier der Welt

Sechs Zoos und eine gemeinnützige Organisation haben sich zusammengetan, um Schuppentiere zu züchten, bevor es zu spät ist. Kritiker sagen aber, dass die afrikanischen Tiere in Gefangenschaft wahrscheinlich sterben werden. Donnerstag, 9 November

Von Jani Actman

Wenn man in den letzten zehn Jahren ein schuppiges Tier von der Größe einer Hauskatze mit einer langen, dünnen Zunge zum Fressen von Ameisen in den USA sehen wollte, dann war der San Diego Zoo die richtige Adresse. Baba das Schuppentier kam 2007 dort an, nachdem Beamte seinen illegalen Transport abgefangen hatten.

Dort lebte er, bis er letztes Jahr verstarb. Die Pfleger hatten zuvor noch bemerkt, dass er sich abnormal verhielt, berichtete der „San Diego Tribune“. Wie sich herausstellte, waren Schuppentiere in Gefangenschaft schwer aufzuziehen und starben oft verfrüht.

Dennoch hat das sechs Zoos in den USA und eine gemeinnützige Organisation, die Pangolin Conservation in Florida, im vergangenen Jahr nicht davon abgehalten, etwa 45 Schuppentiere (engl.: pangolin) aus Afrika zu importieren. Die Institutionen sagen, dass sie den Tieren auf diese Weise helfen wollen, da sie in der Wildnis gefährdet sind. Allerdings entzündete sich daran auch eine Debatte über die Rolle von Zoos bei der Rettung bedrohter Arten.

„Wir fanden, dass wir die Gelegenheit zu helfen hatten, also wollten wir einen Schritt in diese Richtung gehen“, sagt Bill Zeigler. Er ist der Senior-Vizepräsident des Tierbereichs der Chicago Zoological Society. Diese betreibt den Brookfield Zoo, der nun vier Schuppentier-Jungtiere und neun erwachsene Exemplare beherbergt. Nur eines davon wird ausgestellt. „Die Ausstellung wird den Umsatz nicht steigern oder [uns] größere Zahlen bescheren“, sagt Zeigler. „Es ging darum, eine Gelegenheit zu nutzen, um die Besucher darüber aufzuklären, was mit den Schuppentieren passiert.“

Und das ist es, was momentan mit den Schuppentieren passiert: Alle acht Arten – vier afrikanische und vier asiatische – befinden sich mittlerweile auf der Roten Liste gefährdeter Arten der Weltnaturschutzunion. Experten vermuten, dass Schuppentiere die am häufigsten illegal gehandelten Tiere der Welt sind. Sie werden für ihr Fleisch gejagt und Wilderer fangen sie, um den Bedarf an ihren Schuppen zu bedienen. In Vietnam und China finden diese Verwendung in der traditionellen Medizin. Erst im Mai 2017 beschlagnahmten Beamte in Hongkong mehr als sieben Tonnen Schuppentierschuppen in einem Schiffscontainer aus Afrika.

Neben der Aufklärung der Öffentlichkeit über diese relativ unbekannten Tiere wollen die Zoos auch selbst mehr über die Schuppentiere lernen, indem sie sie direkt im Zoo beobachten. Zusätzlich wollen sie Forschung in Afrika finanzieren. Außerdem haben sie es sich zum Ziel gesetzt, eine selbsterhaltende Population genetisch vielfältiger Schuppentiere zu züchten, die eventuell wieder in die Wildnis eingeführt werden könnte.

„Wir wollten uns nicht in einer Situation wie beim Vaquita wiederfinden, wo wir nichts über die Tiere wissen“, sagt Lewis Greene vom Columbus Zoo in Ohio. Er bezieht sich auf den Kalifornischen Schweinswal, der in den Gewässern zwischen Baja California und dem mexikanischen Festland heimisch ist. Die Tiere verfangen sich in den Netzen, mit denen eigentlich der wertvolle Umberfisch Totoaba gefangen werden soll. Schätzungen zufolge gibt es weltweit nur noch etwa 30 Vaquitas. „Wenn wir [mehr] über das Schuppentier lernen könnten, hätten wir das Wissen, eine Art Rückversicherungspopulation zu erhalten, wenn es zu einer Krise wie mit dem Vaquita käme.“

„IM NORMALFALL STERBEN SIE“

Aber einige Naturschützer und Tierschutzorganisationen, die bei dem Kampf um die Rettung der Schuppentiere an vorderster Front stehen, unterstützen diesen neuen Zuchtplan nicht. Sie argumentieren, dass die Tiere ungeeignet für das Leben im Zoo sind.

„Wenn es um Elefanten und Delfine geht, hört man immer wieder Argumente zum Wohl der Tiere in Zoos“, sagt Jeff Flocken. Er ist der regionale Leiter für den nordamerikanischen Bereich des International Fund for Animal Welfare. „Im Fall der Schuppentiere geht es aber nicht nur um schlechten Tierschutz – im Normalfall sterben sie“, sagt er.

„Es gibt keinen Grund, sie in der Wildnis zu fangen und nach Nordamerika zu bringen, außer um die Sammlungen der Zoos zu vergrößern.“

Die durchschnittliche Überlebensdauer für Schuppentiere in Gefangenschaft beträgt weniger als fünf Jahre, wie ein Blogpost von Elly Pepper vom Natural Resources Defense Council berichtet. Man vermutet, dass Schuppentiere in der Wildnis mehrere Jahrzehnte alt werden können. Ihre tatsächliche Lebensspanne ist allerdings nicht bekannt, sagt Lisa Hywood, Gründern des Tikki Hywood Trust. Die in Simbabwe ansässige gemeinnützige Naturschutzorganisation rettet und rehabilitiert Schuppentiere und wildert sie anschließend aus.

Hywood kümmert sich seit 1994 um die nachtaktiven Tiere und beschreibt ihr Zentrum als eine Halb-Gefangenschaft. Die Tiere leben dort nicht in Käfigen und können nach Ameisen suchen. Die Sterblichkeitsrate der Schuppentiere liegt in ihrem Zentrum laut ihrer Aussage bei 25 Prozent. „Sie sind schnell gestresst, sie sind sehr scheu und mögen keine lauten Geräusche oder grelles Licht“, erklärt sie.

Tatsächlich haben zwei der Schuppentiere, die nach Amerika gebracht wurden, die Reise nicht überlebt. Mindestens sieben – zwei in Brookfield, drei im Columbus Zoo und zwei im Pittsburgh Zoo in Pennsylvania – sind seit ihrer Ankunft gestorben, wie Angestellte der Zoos mitteilten. Der Memphis Zoo in Tennessee, die Pangolin Conservation und der Gladys Porter Zoo in Brownsville in Texas reagierten nicht auf Anfragen, wie viele Schuppentiere seit ihrer Ankunft verstorben sind.

Es gibt aber auch positive Nachrichten: Etwa zehn Schuppentiere kamen gemeinsam zur Welt. Laut Zeigler geht es den Schuppentieren in Brookfield „gut“, aber „weil wir so wenig über sie wissen, ist jeder Tag ein neuer Tag.“ Zeiger gibt zu, dass die vergangenen Bestrebungen, Schuppentiere in Zoos zu halten und langfristige Zuchtprogramme zu etablieren, größtenteils fehlgeschlagen sind.

Das hätte daran gelegen, dass die Tiere bei ihrer Ankunft nicht gesund waren und mit der falschen Nahrung gefüttert wurden, so Justin Miller, Gründer von Pangolin Conservation. Er ist der Mann hinter dem Plan, Schuppentiere in die Zoos der USA zu bringen.

Miller beteuert, dass die aktuellen Bemühungen allen Erwartungen zum Trotz bisher erfolgreich waren. „[Kritiker] haben uns gesagt, dass wir sie nicht so ernähren könnten, dass sie überleben, aber das haben wir geschafft. Man hat uns gesagt, dass wir sie nicht züchten könnten, aber das haben wir geschafft.“

VON DER WILDNIS IN DIE GEFANGENSCHAFT

Miller begann vor etwa fünf Jahren, an seinem Zooplan zu arbeiten, als er bemerkte, dass der illegale Handel mit afrikanischen Schuppentieren zu boomen schien. „Wenn man nach Afrika gereist ist und die Leute nach Schuppentieren gefragt hat, haben die Buschfleischjäger sie am Straßenrand für 15 Dollar verkauft“, sagt er. „Innerhalb eines Jahres schoss der Preis auf etwa 200 Dollar hoch. Da begriff ich, dass das ein großes Problem war, das noch größer werden würde.“

Als Miller aber versuchte, mit Leuten in den USA über Schuppentiere zu reden, starrte man ihn nur ausdruckslos an, wie er sagte. Er begriff, dass die Öffentlichkeit von den Schuppentieren erfahren musste. Also verbrachte er drei Jahre lang immer wieder Zeit in Togo in Westafrika, wo er Bauern überzeugte, ihm Weißbauchschuppentiere, die sie gefunden hatten – und essen wollten – im Tausch gegen Hühner zu überlassen. (Miller sagt, dass er für die Schuppentiere nicht bezahlt hat und dass die Zoos nur die Forschungs- und Transportkosten gezahlt haben.) Er pflegte die Schuppentiere wieder gesund, senkte ihre Stresslevel, entwickelte einen funktionierenden Ernährungsplan und schickte sie dann in die USA.

Miller argumentiert, dass das Endziel des Artenschutzes kurzfristig auch die Tode einiger Schuppentiere rechtfertigt. Er verweist auf die ausschlaggebende Rolle, die der San Diego Zoo bei der Rückkehr des Kalifornischen Kondors gespielt hat. Das sei Beweis dafür, dass Zoos dabei helfen könnten, Arten zu retten. Die Kondore waren in der Wildnis bis 1992 ausgestorben, als die ersten im Zoo gezüchteten Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum in Kalifornien ausgewildert wurden.

Momentan gibt es keine unmittelbaren Pläne für eine Wiedereinführung von Schuppentieren in die Wildnis, sagt Miller. Aber „die Population in Gefangenschaft wird so verwaltet, dass sie ausgewildert werden kann, wenn der Bedarf besteht.“ Wissenschaftler studieren die Gene der Schuppentiere, damit der Nachwuchs so genetisch vielfältig wie möglich ist.

Aber Lisa Hywood denkt, dass es besser gewesen wäre, die Tiere in ihrer eigenen Umgebung zu belassen. Stattdessen hätte man sich darauf konzentrieren sollen, die Kapazitäten der Rettungszentren in Afrika zu erhöhen.

„Plötzlich steht ihre ganze Welt Kopf“, sagt sie über die Zoo-Schuppentiere. „Wenn Einhörner direkt vor meinem Fenster leben würden, hätte ich gern gesehen, dass sie den Behörden übergeben und in Schutzgebiete in ihrem natürlichen Lebensraum entlassen würden.“

Sie fügt hinzu: „Wenn wir den Bedarf nicht stoppen können, wird es aber keine Rolle spielen, wie viele Zoos Schuppentiere züchten – wir erreichen dann nicht viel.“

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