Tiere

Die Wölfe sind zurück

Wölfe waren in Deutschland ausgerottet. Nun erobern sie ihr Terrain zurück – schneller, als manchen lieb ist. Gelingt es uns, mit Wolf und Wildnis zu leben? Montag, 30 Oktober

Von Andreas Weber
Bilder Von Colourbox / Peter Ralph

Zuerst erkennt die Ehefrau von Theo Grüntjens, dass mit dem Wolf etwas nicht stimmt. Statt weiterzulaufen, lässt er sich nicht weit entfernt am Waldrand nieder. Frau Grüntjens ruft ihren Mann an. „Theo“, sagt sie, „da ist ein Wolf im Garten. Er benimmt sich seltsam.“

Das Haus des Ehepaares steht im niedersächsischen Räber, nicht weit von Uelzen. Das Grundstück geht in eine Wiese über, ganz gelb von Hahnenfuß. Jenseits des Zauns beginnt der Saum des Waldes. Jetzt, im Frühjahr 2016, perlt Vogelgesang durch die Fenster, eine Welle aus Zwitschern und Trillern. Hier in der Ostheide leben im Schnitt zwölf Menschen pro Quadratkilometer. Ein Wolf im Garten ist keine Seltenheit.

Aber dieses Tier verhält sich untypisch. Dabei hat es sich für seine Rast den richtigen Ort gesucht. Denn der Garten, an dessen Rand es nun kauert, gehört einem der fünf Wolfsberater im Landkreis. 132 ehrenamtliche Berater sind in Niedersachsen im Einsatz, wenn Schafe gerissen werden oder Bürger das Raubtier sichten.

Grüntjens fährt nach dem Anruf nach Hause. Er kommt noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sich der Wolf aus der Deckung schält und über die Weide in den Wald läuft. Der Graue, denkt Grüntjens, läuft irgendwie unrund. Der Wolfsberater beschließt, das verletzte Raubtier aufzuspüren.

Deutschland ein Jahr später: Wolfsland. Etwa 600 dieser Raubtiere leben heute zwischen Oder und Nordsee in geschätzt 50 Rudeln. Nach der Welpensaison werden es im Herbst fast tausend Tiere sein. Der Beutegreifer ist auf seinen Platz im Ökosystem zurückgekehrt, zwischen Autobahnen, Maissilos und Sendemasten.

Was Naturschützer vor 20 Jahren nicht zu hoffen wagten, ist passiert: Wölfe sind in den Agrarlandschaften heimisch geworden. Sie stromern durch die Nordheide und Berliner Vorstädte, streunen durch die Feldmark niedersächsischer Dörfer. Im März wurde das erste Paar in den bayerischen Alpen nachgewiesen.

Die Geschwindigkeit, mit der Wölfe Deutschland erobern, überrascht Ökologen, begeistert Naturromantiker – und schockiert Landwirte. Viehzüchter, deren Schafe von Wölfen gerissen werden, stehen einer feindlichen Wildnis gegenüber. Jogger trauen sich nicht mehr, über die Felder zu laufen. Waldkindergärten schließen. 

“Wo das Raubtier auftaucht, bringt es die Gefühle durcheinander.”

Eckhard Fuhr, Autor des Buches „Die Rückkehr der Wölfe“

Während Naturschutz-verbände die Ausbreitung euphorisch begrüßen – „Willkommen Wolf!“ ist das Motto einer Kampagne des Nabu – sind Menschen, die in den Wolfsgebieten in Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen leben, verunsichert. Wurde die Wiederansiedlung der ersten wilden Wölfe auf Militärarealen von der Bevölkerung noch befürwortet, schlägt inzwischen die Stimmung vielerorts um. Menschen beschleicht auf Feldern und in Wäldern neuerdings wieder eine diffuse Angst.

Die erfolgreiche Rückkehr der Wölfe nach Deutschland hat eine Situation geschaffen, die es in unserer Kulturlandschaft seit mindestens hundert Jahren so nicht mehr gegeben hat. Der Berliner Eckhard Fuhr, Journalist, Jäger und Autor eines Buches über „Die Rückkehr der Wölfe“, sagt: „Wo das Raubtier auftaucht, bringt es die Gefühle durcheinander.“ Unbeantwortet stehen die Fragen im Raum: Wie gefährlich können Wölfe Menschen werden? Und wie kann man für Sicherheit sorgen, ohne die Existenz des Raubtiers erneut infrage zu stellen? Wie viel Wildnis wollen wir in unserem Leben riskieren?

All diese Fragen prasseln auf Theo Grüntjens ein. Aber der Wolfsberater kann die wenigsten von ihnen beantworten – solange die Gesellschaft keine Antwort hat.

Grüntjens hat sein Leben draußen verbracht, in der Heide. Bis zu seiner Pensionierung 2015 war er forstlicher Leiter auf dem Schießplatz der Rheinmetall AG – der Firma, die unter anderem Geschütze für den „Leopard“­Kampfpanzer herstellt. Auf dem Übungsgelände hatte Grüntjens freie Hand. So gelang es dem hochgewachsenen Mann mit dem geraden Blick, dort in Eigenregie die Wildnis wieder einziehen zu lassen.

2008 steht er vor seinem ersten Wolf. „Er war zehn Schritte entfernt und hat mich angesehen“, erzählt Grüntjens. Er erinnert sich, als wäre es gestern gewesen: Der Förster erstarrt. Ein Schauer überläuft ihn, seine Nackenhaare stellen sich auf. Grüntjens greift zur Waffe, entsichert. Der Wolf schaut ihn regungslos an, dreht ihm schließlich den Rücken zu und schnürt davon. „Das ist ein Blick, den man niemals vergisst“, sagt Grüntjens.

Seitdem ist sein Leben mit dem des Wolfs verbunden. Grüntjens lässt sich zum Wolfsberater ausbilden, ein Ehrenamt, das nach seiner Pensionierung zum Vollzeitjob wird – und zur Schnittstelle zwischen Wildnis und Zivilisation. 

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