Tiere

Neue Fischart stellt Tiefenrekord auf

Wissenschaftler haben eine neue Art der Scheibenbäuche gefunden, die im Marianengraben unter extremen Bedingungen lebt. Donnerstag, 30 November

Von Craig Welch

Er ist rosafarben, etwa doppelt so lang wie eine Zigarre und sein Fleisch ist so durchscheinend, dass man von außen seine Leber sehen kann.

Am Dienstag beschrieben Wissenschaftler offiziell den neuen Fisch Pseudoliparis swirei. Der seltsame kleine Vertreter der Scheibenbäuche wurde in einer Tiefe von 7.966 Metern im Marianengraben gefunden.

Dieses Wesen aus der dunklen, kalten Region des Meeres namens Hadopelagial wurde erstmals 2014 gefangen. Einen zweiten Fang gab es Anfang 2017, aber die neue Art wurde erst jetzt offiziell beschrieben. Es handelt sich um den bisher in größter Tiefe gefangenen Fisch – und er sieht vermutlich nicht so aus, wie es die meisten erwarten würden.

„Die Leute denken da meist an Anglerfische oder Viperfische“, also die schwarzen Monster mit den kleinen Laternen, die man in ein paar Tausend Metern Tiefe findet, sagt Mackenzie Gerringer, eine Forscherin an den Friday Harbor Laboratories der Universität von Washington. „Aber wenn man in solche Tiefen vordringt, sehen die Fische dort ganz anders aus. Sie haben keine Schuppen, keine großen Zähne und leuchten nicht – zumindest die, die wir kennen.“

Dieser Mangel an Gewissheit ist typisch für das Gebiet, um das es geht. Die aktuelle Art der Scheibenbäuche ist nur eine von zweien – es gibt mehr als 350 weltweit bekannte Scheibenbäuche –, die bei kürzlich erfolgten Expeditionen in den Graben gefilmt wurden. Während diverser Expeditionen haben Wissenschaftler insgesamt 37 Exemplare von Pseudoliparis swirei eingefangen. Eines filmten sie sogar in einer Tiefe von 8.178 Metern.

Von der anderen Art, die ungefähr in derselben Tiefe gefilmt wurde, konnten sie bisher noch kein Exemplar fangen. Sie hat einen kurzen Auftritt in der neuen BBC-Dokuserie „Blue Planet 2“. Ihr Körper ist so zart, dass ein Wissenschaftler ihn mit „Seidenpapier, das durch Wasser gezogen wird“ verglich. Die bisher unbeschriebene Art hat noch keinen Namen, aber einige Wissenschaftler nennen sie den „ätherischen Scheibenbauch“.

Trotz dieser kürzlich erfolgten Entdeckungen – und obwohl sich der tiefste Punkt des Meeres knapp 11.000 Meter unter der Oberfläche befindet – halten es Wissenschaftler für unwahrscheinlich, dass sie je einen Fisch finden werden, der in größerer Tiefe als diese beiden lebt.

„Es ist auch nicht so, als hätten wir nicht schon nachgesehen“, sagt Gerringer.

LEBEN UNTER DRUCK

Pseudoliparis swirei wurde nach einem Offizier der HMS Challenger benannt – die britische Expedition entdeckte im 19. Jahrhundert Tausende neuer Meereslebewesen und den Marianengraben. Der Offizier der Challenger, Herbert Swire, hatte Aufzeichnungen von der Reise veröffentlicht. „Wir haben den Fisch als Dank an die Besatzungen ozeanografischer Forschungsschiffe nach ihm benannt“, sagt Gerringer. „Man braucht eine Menge Leute, um ein Schiff am Laufen zu halten, und wir wollten ihnen aufrichtig danken.“

Die Art scheint mit großer Sicherheit im Marianengraben heimisch zu sein und dort in großer Zahl vorzukommen. 2014 sahen die Wissenschaftler diverse Exemplare auf den Videoaufzeichnungen eines autonomen Tiefsee-U-Boots. Ihre Eier sind ungewöhnlich groß – fast einen Zentimeter breit –, und anhand der Sezierung der gefangenen Exemplare lässt sich erkennen, dass es ihnen nicht an Nahrung mangelt. In ihren Bäuchen fand Gerringer Hunderte kleiner Krustentierchen.

Es gibt eine ganze Reihe von Tieren, die in solcher Tiefe leben können: Foraminiferen, Zehnfußkrebse, Seegurken und Mikroben. Aber für Fische ist es ein hartes Leben.

„Das Leben in diesen Gräben erlegt eine Menge Beschränkungen auf“, sagt Gerringer. Die Scheibenbäuche halten vermutlich einem Druck stand, der dem Gewicht von 1.600 Elefanten entspricht. „Sie haben Anpassungen an diesen Druck entwickelt, damit ihre Enzyme weiter funktionieren und ihre Membranen sich bewegen können.“

Dieser Druck ist vermutlich auch der Grund dafür, weshalb Wissenschaftler noch keine Fische im tiefsten Viertel des Meeres gefunden haben. Fische könnten chemisch einfach nicht in der Lage sein, den destabilisierenden Auswirkungen des Drucks auf ihre Proteine in mehr als 8.200 Metern Tiefe entgegenzuwirken.

Aber ganz sicher können wir eben nicht sein.

VERBINDUNG ZUR OBERFLÄCHE

„Es gibt um den ganzen Pazifischen Feuerring herum Gräben, aber wir wissen nicht, wie sehr sie einander ähneln oder wie sehr sie miteinander verbunden sind“, sagt Gerringer. „Wir wissen nicht, wie sehr sie mit der Umgebung darüber in Verbindung stehen. Wir befinden uns immer noch in der Phase, in der wir entdecken, wer da unten alles ist.“

Trotzdem haben wir auch dort bereits unsere Spuren hinterlassen. Vor Kurzem entdeckten Wissenschaftler erstaunlich hohe Mengen sogenannter persistenter organischer Schadstoffe in Krustentieren aus dem tiefsten Bereich des Grabens. Es handelt sich mit großer Sicherheit um Abfallprodukte von sich zersetzenden Plastikteilen.

Wei­ter­le­sen