Seenot

Viele verschiedene Gefahren bedrohen Meeresvögel in ihrer Existenz. Wenn wir ihnen helfen wollen, müssen wir sie erst einmal besser kennenlernen.Friday, June 22, 2018

Von Jonathan Franzen
Bilder Von Thomas P. Peschak
Ein Jahrhundert trennt diese beiden Fotos von den Islas Lobos de Afuera: Wo 1907 noch eine Kolonie Chilepelikane brütete, finden sich 2017 nur noch verstreute Knochen. Grund dafür sind Guano-Abbau, Überfischung und der Klimawandel. Kleines Bild: Robert E. Coker, National Geographic Creative

Bei Wind und Wetter sucht der schlanke, mausgraue Einfarb-Wellenläufer im kalten Wasser nach kleinen Fischen und wirbellosen Meerestieren. Dazu flattert er mit lang herabhängenden Beinen dicht über die Meeresoberfläche und erweckt so den Anschein, er könne über das Wasser laufen – wie Petrus in der Bibel.

Obwohl Wellenläufer als Gruppe zu den zahlreichsten, am weitesten verbreiteten Vögeln der Welt zählen, sind Einfarb-Wellenläufer selten und kommen nur in kalifornischen Gewässern vor. Sie sind vor allem auf dem Meer zu Hause, doch wie alle Vögel müssen sie an Land sein, um Eier zu legen und ihre Jungen großzuziehen. Dafür bevorzugen sie einsame Inseln. Um sich vor Raubtieren in Sicherheit zu bringen, nisten sie unterirdisch, in Felsspalten oder Höhlen, und gehen ausschließlich nachts ein und aus.

Im staatlichen Wildtierschutzgebiet der Farallon-Inseln, 50 Kilometer westlich von San Franciscos Meerenge Golden Gate, hat ein Künstlerkollektiv aus Betonbrocken eine Art Iglu gebaut. Durch eine kleine Tür gelangt man in einen Kriechkeller mit Plexiglaswänden. Wer an einem Sommerabend dort hineingeht und ein rotes Licht einschaltet (das Vögel weniger stört als weißes), sieht möglicherweise einen Einfarb-Wellenläufer auf dem Boden in einer Felsspalte sitzen und kann ihn beobachten, wie er geduldig ein Ei ausbrütet.

Vielleicht ist dann auch der nächtliche Gesang eines seiner versteckten Nachbarn zu hören, ein sanftes, klangvolles Gurren, das aus den Felsen heraufdringt wie eine Stimme aus einer anderen Welt: der Welt der Meeresvögel, die zwei Drittel unseres Planeten ausmacht, für uns aber weitgehend unsichtbar ist.

Bis vor Kurzem war diese Unsichtbarkeit ein Vorteil für Meeresvögel – ein Schutzmantel. Doch jetzt, da invasive Raubtierarten und der kommerzielle Fischfang sie in ihrer Existenz bedrohen, sind sie auf menschlichen Schutz angewiesen. Sich für Tiere zu erwärmen, die man nicht sieht, ist allerdings schwierig.

DIE FARALLON-INSELN sind heute ein kleines Tor zu jener Vergangenheit, in der Meeresvögel noch überall zahlreich vertreten waren. Mehr als eine halbe Million Vögel nisten in dem Tierschutz- gebiet, als ich die Hauptinsel besuche. An steilen Hängen und auf ebener Erde, umgeben von tiefblauem Wasser, in dem sich Robben und Seelöwen tummeln, sehe ich Papageitaucher, Lummen und Kormorane, kleine, dickliche Aleutenalke, seltsam gehörnte Nashornalke und Westmöwen, deren Küken gerade schlüpfen. Erzürnt kreischen deren Eltern und bombardieren Eindringlinge mit Exkrementen.

Doch der Spießrutenlauf lohnt sich. Der Biologe Pete Warzybok, der den Tier- und Naturschutz auf den Farallon-Inseln unterstützt, führt mich zu einem Sperrholz-Tarnstand oberhalb einer Trottellummen-Kolonie. Wie ein Teppich aus grob gemahlenem Pfeffer bedecken 20 000 schwarz-weiße Vögel eine abschüssige Felszunge, die bis in die Brandung hineinragt. Schulter an Schulter, spitzschnäbelig und pinguinartig stehen die Lummen und bebrüten auf Revieren, die nur wenige Quadratzentimeter groß sind, ein Ei oder hüten ein winziges Küken. Die Kolonie vermittelt eine ruhige Geschäftigkeit. Hier und da gibt es Ausbrüche zarten Gackerns, Möwen segeln unermüdlich in der Hoffnung auf ein Frühstück über die zahllosen Vögel hinweg.

Eine Trottellumme fliegt über Tausende weitere hinweg, die sich auf den Felsen der kalifornischen Farallon-Inseln um ihre Eier und Jungen kümmern. Inzwischen vermehrt sich ihre Population auch wieder. Im 19. Jahrhundert war
sie durch Eierjäger dezimiert worden, später durch den Fischfang mit Kiemennetzen, in denen die Tiere sich verfingen.

Und wenn eine Lumme tollpatschig landet oder losfliegen will, kommt es manchmal zu kurzem Gerangel mit einer anderen. Doch jeder Streit endet so plötzlich, wie er begann, und die Vögel putzen wieder ihr Gefieder, als wäre nichts geschehen. „Lummen tun, was Lummen eben so tun“, sagt Warzybok. „Sie sind nicht die intelligentesten Vögel.“

Aber sie tun alles mit Hingabe. Meist gehen sie starke Paarbindungen ein und kehren während ihres ganzen Lebens jedes Jahr in dasselbe winzige Revier zurück, um ein einzelnes Küken großzuziehen. Die Eltern teilen sich die Pflichten der Brutzeit: Einer bleibt in der Kolonie, während der andere über dem Ozean umherstreift und nach Nahrung taucht, Sardellen, jungen Blaumäulchen oder was sonst zu kriegen ist. Selbst wenn ein Vogel nach langer Futtersuche zurückkehrt, sträubt sich der andere häufig, das Ei zu verlassen, egal, wie hungrig er ist.

„Wenn sie kein Ei haben“, sagt Warzybok, „bebrüten sie einen Stein oder einen Teil von einer Pflanze. Oder sie legen einen Fisch auf ein unausgebrütetes Ei, um es zu füttern. Und sie geben nicht auf. Sie sind imstande, 75 oder 80 Tage lang auf einem toten Ei zu sitzen.“

Kaum drei Wochen alt – zu jung, um zu fliegen oder zu tauchen – gehen Lummenküken ins Wasser. Ihre Väter begleiten sie und bleiben über Monate bei ihnen, füttern sie und bringen ihnen das Fischen bei, während ihre Mütter allein losziehen, um nach der Eier-Produktion wieder zu Kräften zu kommen. Der elterliche Einsatz und die gerechte Arbeitsteilung zahlen sich aus. Farallon-Lummen haben eine sehr hohe Fortpflanzungserfolgsquote, normalerweise über 70 Prozent, und gehören daher zu den zahlreichsten Meeresbrutvögeln in Nordamerika.

Es ist das vorläufig gute Ende einer langen, traurigen Geschichte. Vor 200 Jahren brüteten auf den Farallon-Inseln an die drei Millionen Lummen. Der Goldrausch bescherte San Francisco ein rasantes Wachstum. 1851 erntete die Farallon Egg Company bereits eine halbe Million Lummeneier pro Jahr, um sie an Bäckereien und Restaurants zu verkaufen. In den folgenden 50 Jahren wurden auf den Farallon-Inseln mindestens 14 Millionen Lummeneier geerntet. Die treuen Vögel kamen Jahr für Jahr zu ihren Nistplätzen, um kurz darauf beraubt zu werden.

Das hatte traurige Folgen: 1910 gab es auf der Hauptinsel nur noch knapp 20 000 Lummen. Nachdem der Eierraub aufgehört hatte, fielen die Vögel Katzen und Hunden zum Opfer, die von Leuchtturmwärtern auf die Insel gebracht wurden. Unzählige weitere Lummen starben auf dem Meer durch mit Öl kontaminiertes Wasser, das manche Schiffe, die in die Bucht von San Francisco einfuhren, aus ihren Tanks abließen.

So richtig erholte sich die Lummenpopulation erst nach 1969 wieder, als die Hauptinsel staatliches Naturschutzgebiet wurde. Doch Anfang der Achtzigerjahre fiel der Bestand erneut dramatisch. Das Problem war die sogenannte Kiemennetzbefischung. Zieht man ein riesiges Netz an die Meeresoberfläche, erwischt man nicht nur die Fische, auf die man es abgesehen hat, sondern auch Tümmler, Otter, Schildkröten und Tauchvögel. Weltweit kommen heute jedes Jahr mindestens 400 000 Meeresvögel in diesen Netzen ums Leben – Lummen, Gelbschopflunde und Tauchenten in nördlichen Gewässern, Pinguine und Lummensturmvögel vor der Küste Südamerikas. Die jährliche Zahl der Lummen, die auf diese Art sterben, reicht womöglich an jene 146000 heran, die 1989 bei der „Exxon Valdez“-Ölkatastrophe in Alaska getötet wurden.

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Ab Mitte der Achtzigerjahre erkannten viele amerikanische Bundesstaaten, darunter Kalifornien, den verheerenden ökologischen Schaden und beschlossen strenge Beschränkungen oder gar ein vollständiges Verbot der Kiemennetzbefischung. Daraufhin vermehrten sich die Meeresvögel auf den Farallon-Inseln beträchtlich. In den letzten 15 Jahren hat sich der Bestand der Lummen vervierfacht. Nun ist ihr Überleben nur noch dadurch bedroht, dass der Klimawandel oder die Überfischung ihre Nahrungsquelle versiegen lassen könnte.

Von seiner getarnten Warte aus beobachtet Pete Warzybok, welche Fischarten die Lummen zu ihren Nestern bringen, und schreibt es in ein Notizbuch. Es sprechen nicht nur ethische Argumente dafür, die Vögel zu schützen: Sie sind wie fliegende Geräte zur Fischereiüberwachung – eine Flotte lebender Forschungsdrohnen. Sie suchen Tausende Quadratkilometer des Ozeans ab und sind Experten darin, die Stellen zu finden, an denen es Nahrung gibt. Nur mit Fernglas und Notizbuch ausgestattet, kann Warzybok bessere Daten über aktuelle Sardellen- und Blaumäulchenbestände sammeln als Kaliforniens Fischereimanager. Und das auch noch für wesentlich weniger Geld.

Die Farallon-Lummen gehören zu den Glücklichen. Sie haben die meisten Gefahren für Meeresvögel überlebt. An anderen Orten, weltweit, ist der Meeresvogelbestand in den letzten 60 Jahren um schätzungsweise 70 Prozent zurückgegangen. Diese Zahl ist sogar noch schlimmer, als sie klingt, weil unverhältnismäßig viele der Tiere vom Aussterben bedroht sind. Von den 360 Meeresvogelarten der Welt ist ein größerer Prozentsatz gefährdet oder bedroht als in jeder vergleichbaren Vogelgruppe. Meeresvögel brüten auf entlegenen Inseln und verbringen den Großteil ihres Lebens in wenig einladenden Gewässern. Wie viele Menschen würden es überhaupt mitbekommen, wenn sie wirklich vollständig verschwänden?

Dieser Artikel wurde gekürzt. Lesen Sie den ganzen Artikel in Ausgabe 7/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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