Tiere

Woher kennen Honigbienen ihre Aufgaben?

Das Gehirn einer Biene ist nur so groß wie ein Sesamkorn - und doch erfüllen die Tiere im Einklang die unterschiedlichsten Aufgaben für den Erhalt des Bienenvolks.Mittwoch, 27. März 2019

Von Richie Hertzberg

Jede Honigbiene hat einen Job. Manche sind Ammenbienen, die sich um die Larven kümmern. Einige putzen die Waben, während andere Pollen und Nektar sammeln, um daraus Honig zu machen. Im Kollektiv entsteht durch die aufeinander abgestimmte Arbeitsteilung jedoch eine effektive Maschinerie – umso verblüffender, wenn man bedenkt, dass das Gehirn der Biene gerade so groß wie ein Sesamkorn ist. Aber wie werden diese Aufgaben verteilt und wo erlernen Bienen die Fähigkeiten, die sie benötigen?

Anders als in Jerry Seinfelds „Bee Movie“ gehen echte Honigbienen nicht aufs College, um dort einen Job zugewiesen zu bekommen. Stattdessen werden sie durch ihre Gene, ihre Hormone und situative Notwendigkeit gesteuert. Honigbienen werden schon mit einem Job geboren. Ihre Pflichten verändern sich jedoch je nach der Situation im Bienenstock.

„Wir sagen, es ist ‚dezentralisiert‘. Es gibt keine Biene im Zentrum, die das alles organisiert“, sagt Thomas Seeley, der Autor des Buches „Honey Democracy“. „Für jede Biene gibt es gewisse Regeln, und die Arbeit wird aufgeteilt, indem die Bienen diese Regeln befolgen."

Die geborene Arbeiterin

Die Aufgabe einer Biene wird durch ihr Geschlecht bestimmt. Männliche Bienen, die man Drohnen nennt, verrichten gar keine Arbeit. Sie machen etwa zehn Prozent eines Bienenvolks aus und verbringen ihr Leben damit, Honig zu schlürfen und auf eine Gelegenheit zur Paarung zu warten. Wenn für die Königin die Zeit gekommen ist, den Hochzeitsflug anzutreten, werden alle Drohnen aus fremden Bienenvölkern darum wetteifern, sie begatten zu können. Sie fliegen hinter der Königin her und versuchen, sich mitten in der Luft mit ihr zu paaren. Gelingt ihnen das, fallen sie im Anschluss zu Boden und sterben. Die Bienenkönigin paart sich mit bis zu 20 Drohnen und speichert deren Samen für den Rest ihres Lebens in ihrer Samenblase. Damit enden die männlichen Pflichten.

Der Großteil des Bienenvolkes besteht aus weiblichen Bienen, den Arbeiterinnen. Sie verrichten all die Arbeiten, die den Bienenstaat am Laufen halten. Die Weibchen sind verantwortlich für den Bau, die Säuberung und den Nachwuchs des Nests, in dem das Bienenvolk zu Hause ist.

Das Geschlecht einer Biene wird von der Königin bestimmt, die zwei bis fünf Jahre lang etwa 1.500 Eier pro Tag legt. Sie verfügt über die einzigartige Fähigkeit, den Eiern ein Geschlecht zuzuweisen, sodass sie genau kontrollieren kann, aus welchen davon Arbeiterinnen und aus welchen Drohnen schlüpfen.

Wenn die Königin ein Ei in eine kleinere Wabe legt, die für eine Arbeiterin bestimmt ist, befruchtet sie das Ei in ihrem Körper mit Samen vom Hochzeitsflug. In ihrer Samenblase hat sie genügend Samen gespeichert, um damit bis an ihr Lebensende Arbeiterinnen produzieren zu können.

Kommt die Königin an eine größere Wabe, die für eine Drohne bestimmt ist, befruchtet sie das Ei nicht. Aus diesen unbefruchteten Eiern entwickeln sich später Drohnen.

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Häusliche Pflichten

Es dauert 21 Tage, bis die Arbeiterinnen ihr Larvenstadium hinter sich lassen und aus der Wabe klettern. Sobald sie am 21. Tag als ausgewachsene Biene ihre Kinderstube verlässt, beginnt sie sofort damit, die Wabe zu reinigen, aus der sie geschlüpft ist. Ihre ersten drei Tage als Biene wird sie mit der Reinigung von Waben verbringen – sie werden für die nächste Runde an Eiern vorbereitet.

Nach drei Tage lösen ihre Hormone die nächste Lebens- und Arbeitsphase der Arbeiterin aus. Als Ammenbiene versorgt sie dann den Nachwuchs. Seeley erklärt, dass Hormone ausgeschüttet werden, die verschiedene Teile jener Gene aktivieren, die mit unterschiedlichen Aufgaben assoziiert sind. „Das ist ähnlich wie bei Menschen, wenn sie krank werden“, sagt er. „Dann werden Gene aktiviert, die an Entzündungen und Fieber beteiligt sind. Genauso ist das mit Bienen und ihren Jobs.“

Die Ammenbienen kümmern sich etwa eine Woche lang um den Nachwuchs und füttern die Larven mit Gelée Royale, einem Sekret aus Proteinen, Zucker, Fetten und Vitaminen. Die genaue Anzahl der Tage, die eine Arbeiterin mit dieser Aufgabe zubringt, hängt auch von den jeweiligen Bedürfnissen des gesamten Bienenstocks ab. Bienen sind äußerst sensible Organismen, deren Hormone eng mit den Bedürfnissen des Bienenvolkes zusammenhängen. „Ein Honigbienenvolk ist daher viel mehr als nur eine Ansammlung von Individuen“, schreibt Seeley in „Honeybee Democracy“. „Es ist ein komplexes Wesen, das als ganzheitliches System funktioniert.“ Ähnlich wie auch Ameisen- und Termitenkolonien sind Bienenvölker ein gut funktionierender Superorganismus.

Der gefährlichste Job von allen

Wenn die Biene die Pflege des Nachwuchses abgeschlossen hat, geht sie in die dritte Phase über. Als eine Art Hausmeisterin entfernt sie sich nun immer weiter vom Zentrum des Bienenstocks, baut neue Waben und lagert Nahrung ein.

Nach etwa einer Woche verändert sich der Hormonhaushalt der Arbeiterin dann erneut. Somit beginnt ungefähr am 41. Tag ihre letzte Lebensphase als Pollensammlerin. Diese Aufgabe ist die gefährlichste, aber auch die wichtigste. Sie wird nur von älteren Bienen verrichtet, deren Lebensende naht. Steve Heydon, ein Entomologe der University of California, bringt die Logik hinter dem System auf den Punkt: „Man würde ja nicht wollen, dass die jüngsten Bienen den gefährlichsten Job machen.“ Wenn zu viele junge Bienen sterben, könnte sich das Volk nicht mehr selbst erhalten.

Nach etwa vier Wochen pausenloser Arbeit spürt die Biene, dass ihre Zeit gekommen ist. Dann verlässt sie das Nest, um den anderen nicht zur Last zu fallen. Wenn Bienen im Nest versterben, müssen ihre Artgenossen ihren Kadaver hinausziehen.

So sieht das Leben einer weiblichen Biene im Frühling und Sommer also aus: Vom Tag ihres Schlüpfens bis zum Tag ihres Todes arbeitet sie unermüdlich. Es mag wie ein undankbares Leben voll harter Arbeit wirken, aber das Resultat ist eine der erfolgreichsten Kollaborationen der Natur.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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