„Oft ist den Touristen die Problematik gar nicht bewusst“

Pakete mit Waranen, Gitarren aus geschütztem Holz und Elfenbeinsteine zwischen Chips: Was die Beamten und Spürhunde am Frankfurter Flughafen alles finden, berichtet Christine Straß vom Zoll.Montag, 21. Oktober 2019

Im vergangenen Jahr hat das Hauptzollamt am Frankfurter Flughafen mehr als 450 lebende Tiere sichergestellt, die unter Artenschutz stehen. Was für welche?
Das sind vor allem Kleintiere, wie Spinnen, Fische und viele Reptilien, also Schildkröten, Schlangen, Echsen und Leguane. Ab und an gibt es auch einen Vogel, zum Beispiel Papagei oder Kakadu. Außerdem haben wir 2018 rund 130.000 lebende Glasaale gefunden. Das sind Jungfische, die noch durchscheinend sind. Die werden in China als Delikatesse verzehrt und teuer verkauft. Das Kilo kostet 3000 bis 5000 Euro.

Was passiert mit den Tieren?
Zunächst kommen sie meistens in die Animal Lounge, das ist eine große Tierstation mit Tierärzten vor Ort hier am Flughafen. Die Glasaale konnten rasch im Rhein ausgesetzt werden. Aale sind in unseren heimischen Gewässern sowieso stark rückläufig.  Ansonsten arbeiten wir mit dem Bundesamt für Naturschutz zusammen. Oft kennen die Kollegen Halter, die sich mit bestimmten Arten auskennen und denen sie vertrauen. Viele Tiere werden hier im Zoo untergebracht. Einmal haben wir Schildkröteneier gefunden, die wurden im Zoo ausgebrütet und die Jungtiere anschließend wieder auf die Seychellen geflogen. Das ging aber nur, weil klar war, von welchem Strand die Eier kamen. Die meisten Tiere bleiben in Deutschland.

Was für Leute haben die Tiere im Gepäck?
Zu 80 Prozent sind es Urlauber, die sich einfach ein Souvenir mitbringen wollen. Oft ist den Touristen die Problematik gar nicht bewusst. Ich erinnere mich an einen Vater, der zwei Mini-Schildkröten in einem Einmachglas dabeihatte – als Spielzeug für die Kinder. Der wollte die Tiere nicht hergeben und meinte, wir sollen uns nicht so anstellen. Dann greifen wir hin und wieder Sammler und Biologen auf, die aus persönlichem Interesse handeln, aber keinen Profit machen wollen. So wie der junge Student, bei dem 700 Pfeilgiftfrösche in Filmdosen im Rucksack waren. Der fand die einfach spannend. Außerdem gibt es gewerblichen Schmuggel, wie bei den Glasaalen.

Neben lebenden Tieren geht es um Pflanzen und Erzeugnisse aus geschützten Arten. Nach was suchen Sie?
Zuerst fallen einem Schnitzereien aus Elfenbein sowie Schuhe und Taschen aus Schlangen- oder Krokodilleder ein. Das ist richtig, aber es geht noch um mehr. Etwa um exotische Arzneien oder Pflegeprodukte, in denen etwa der Extrakt einer geschützten Pflanze steckt. Zur Musikmesse vor zwei Jahren haben wir mehr als 120 Gitarren gefunden, bei denen Palisanderholz verwendet wurde. Seit 2017 sind sämtliche Palisanderarten unter Schutz gestellt.

Wie sind die Dinge und Tiere versteckt?
Manche transportieren ihr Souvenir offen im Gepäck, weil sie gar nicht wissen, dass sie etwas Verbotenes dabeihaben. Anderen ist klar, dass das nicht geht. Die suchen dann ein Versteck. Wir haben schon Elfenbeinsteine für ein Backgammonspiel zwischen einer Lage Chips gefunden und einen Vogel in einer Posterrolle. Für Tiere ist so ein Transport natürlich alles andere als artgerecht, manche sind schon tot, wenn wir sie entdecken.

Wie kommen Sie den Leuten auf die Spur?
Wir wissen aus welchen Ländern welche Mitbringsel zu erwarten sind, entsprechend planen wir die Kofferkontrollen. Aus Kanada sind es eher Felle, aus den Tropen vermehrt Korallen. Wir haben außerdem spezielle Artenschutzhunde, die zum Beispiel auf Vogelfedern und Elfenbein trainiert sind. Wir überprüfen auch Postsendungen nach artengeschützten Exemplaren.

Was finden Sie in den Paketen?
Eigentlich alles, was wir auch in anderen Gepäckstücken finden. Ein Mann hatte zum Beispiel über ein Internet-Auktionshaus eine Weste aus dem Fell eines Polarfuchses bestellt. Sogar lebende Tiere werden per Mausklick geordert und per Post versandt. So wie die zwei grünen Baumwarane, die hier am Flughafen in einem Paket aus Indonesien ankamen. Das eine Tier war bereits vertrocknet, das andere in so schlechter Verfassung, dass es kurz darauf ebenfalls verendete.

Welche Strafe droht bei so einem Vergehen?
Egal, ob es sich um ein lebendiges Tier oder eine Klamotte aus einer geschützten Art handelt: Verstöße gegen das Washingtoner Artenschutzübereinkommen sind keine Bagatelldelikte. Ein Verstoß kann eine Geldbuße von bis zu 50.000 Euro oder sogar eine Freiheitsstrafe nach sich ziehen.

Wie schützt man sich als Tourist davor?
Indem man überlegt, welches Souvenir man mitnimmt. Unter das Artenschutzübereinkommen fallen rund 5.600 wildlebende Tierarten und 30.000 Pflanzenarten. Da den Überblick zu behalten, ist nicht einfach. Auf Nummer sicher geht man mit anderen Mitbringsel, etwa aus Keramik oder Textilien.

Weitere Informationen zum Thema „Artenschutz im Urlaub“ gibt es online unter zoll.de und artenschutz-online.de.

Mehr über bedrohte Tiere steht in der Ausgabe 10/2019 des National Geographic Magazins mit dem Titel "Die Letzten ihrer Art".

Wei­ter­le­sen