Protein to Go: die Heuschreckenjäger

In Uganda sind Heuschrecken eine wichtige Proteinquelle für die Bevölkerung. Doch Überjagung und Klimawandel lassen die Bestände schrumpfen.

Von Halima Athumani
Veröffentlicht am 24. Feb. 2022, 11:39 MEZ
In Uganda sind Heuschrecken eine wichtige Proteinquelle für die Bevölkerung. Doch Überjagung und Klimawandel lassen die ...

In Uganda sind Heuschrecken eine wichtige Proteinquelle für die Bevölkerung. Doch Überjagung und Klimawandel lassen die Bestände schrumpfen.

Foto von Jaspa Doest

Es ist eine kalte Nacht. Auf dem Hügel im Südwesten Ugandas weht ein starker Wind. Er rüttelt an den Metallplatten, die die schrägen Wände der riesigen Insektenfalle bilden. Ein paar Meter entfernt dröhnt ein Dieselgenerator, der eine 400-Watt-Glühbirne speist. Ihr blendend helles Licht zieht Ruspolia differens wie magisch an. „Grashüpfer“ – oder nsenene – nennt man die Laubheuschrecken in Uganda. Auf dem Boden der Falle stehen Dutzende leerer Fässer. Bald, hofft Kiggundu Islam, Vorsitzender der örtlichen Vereinigung der Heuschreckenfänger, werden sie mit Millionen der fast acht Zentimeter langen Insekten gefüllt sein. Nach jeder Regenzeit im Herbst und im Frühjahr sammeln sich die Tiere in riesigen Schwärmen, um sich zu paaren und zu fressen. Hunderte von Menschen im ganzen Land gehen dann auf Grillenjagd. Gesalzen und gebraten sind die Insekten in Uganda eine Delikatesse, die für zwei Dollar pro Beutel auf Märkten, an Taxiständen und Straßenrändern verkauft wird. Im November 2020 sollte man sich in Harugongo mitten in der Herbsternte befinden, aber … „wir haben nichts“, sagt Islam.

Wo sind die Heuschrecken hin?

Mit ihrem hohen Gehalt an Protein, Eisen, Zink und weiteren wichtigen Mineralien preist die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) Heuschrecken und essbare Insekten im Allgemeinen als „Nahrungsquelle der Zukunft“. Im Kampf gegen Hunger und Unterernährung seien sie von entscheidender Bedeutung für die Ernährungssicherheit. Das ist wichtig in Ländern wie Uganda, wo fast ein Drittel der Kinder unterentwickelt und die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren sowie ein Drittel der Frauen anämisch sind. Doch die Insektenernte, die in Uganda einst in kleinem Rahmen und von Privatpersonen betrieben wurde, hat sich zunehmend zu einem kommerziellen Unternehmen entwickelt. In riesigen Fallen werden auf Hügeln und Dächern tonnenweise Insekten gefangen, um die wachsende Nachfrage zu decken. Rückläufige Fänge sind ein Hinweis darauf, dass die Heuschrecken überjagt werden. Das erzeugt Druck, die Sammlung nachhaltiger zu gestalten.

Als Islam, ein schlanker Mann mit tiefer Stimme, 2017 mit dem Heuschreckensammeln anfing, tat er das nur für sich und seine Familie. Sie sammelten die Tiere ein, die durch eine Sicherheitsleuchte in ihr Haus gelockt wurden. Der wachsende Markt versprach ein gutes Einkommen, und Islam stellte bald zwei kommerzielle Fallen auf. In einer guten Nacht habe man bis zu 400 Säcke gefüllt, jeder bis zu 50 Kilo schwer. Aber drei Tage auf dem Hügel von Harugongo haben bisher nichts gebracht.

Eine lange Belichtungszeit zeigt die Flugmuster der Laubheuschrecken, die man in Uganda auch Grashüpfer oder nsenene nennt. Die Entwicklung von Zuchtmethoden in Gefangenschaft könnte neue Einkommensquellen für Landwirte schaffen und die Wildpopulationen schützen.

Foto von Jaspa Doest

„Die Nachfrage nach diesem Insekt ist in die Höhe geschossen“, sagt Philip Nyeko, Entomologe an der Fakultät für Forstwirtschaft, Biodiversität und Tourismus der Makerere-Universität in Kampala. „Das saisonale Angebot kann nicht mehr mithalten.“ Nyeko hat mit seinem Forscherteam eine Methode entwickelt, mit der Landwirte Ruspolia differens in Gefangenschaft züchten können. Ziel ist, den Druck von den Wildpopulationen zu nehmen, eine ganzjährige Versorgung mit nsenene zu ermöglichen und eine weitere Einkommensquelle für die Landwirte zu schaffen. Deren Ernten sind durch schwere Dürreperioden und Schädlinge zunehmend gefährdet. Doch bis vor Kurzem war nicht viel über Biologie, Ökologie oder den Lebenszyklus der Insekten bekannt. Die Wissenschaftler mussten bei null anfangen. „Wenn sie sie aus der Wildnis holen, unter welchen Bedingungen halten sie sie? Wo halten sie sie?“ Dies, sagt Nyeko, habe er sich gefragt. Welche Temperatur bevorzugen sie? Welche Nahrung fressen sie am liebsten? Wo werden sie ihre Eier ablegen?

An einem sonnigen Morgen sitzen Männer und Frauen scheinbar untätig unter großen Schirmen auf einem Markt in Kampala. Dann erscheint ein Mann zu Fuß. Er trägt einen Plastiksack, der zur Hälfte mit nsenene gefüllt ist. Die Verkäufer umdrängen ihn. Von allen Seiten ziehen sie an der Tüte und schreien einander nieder. Wie viel? Bringst du mehr mit? Und wann? Der Mann, Großhändler für Laubheuschrecken, hat heute nur wenig Ware. Der halbe Sack wird von einem Mann mittleren Alters gekauft, der einen Stand in der Nähe hat. Die anderen hoffen enttäuscht, sich den nächsten Sack leisten zu können – wann immer der kommt.

Das zunehmend ausgebaute Stromnetz Ugandas hat zum Aufbau immer mehr großer Fallen geführt. Die Lampen auf den Pfählen können bis zu 1200 Watt liefern, das ist etwa 20-mal heller als eine normale Haushaltslampe.

Foto von Jaspa Doest

Die Heuschrecken dürfen nicht verschwinden

Das Problem sei nicht nur die Überjagung, sagt Hajji Quraish Katongole, Leiter der Old Masaka Basenene Association Limited. Die nationale Organisation der Fallensteller legt Sicherheitsregeln für das Sammeln fest und registriert die Sammler. „Gott hat Uganda mit fruchtbarem Boden und einer günstigen Umwelt gesegnet“, sagt er, aber die Abholzung zur Gewinnung von Anbaufläche für Zuckerrohr und Ölpalmen hat den Lebensraum der Laubheuschrecken weitgehend zerstört. Der Klimawandel macht die Regenzeiten unberechenbar. Das wirkt sich auf das Schwarmverhalten der Insekten aus. „Wenn wir uns nur auf die Natur verlassen, kann das für die Zukunft der Art nicht nachhaltig sein“, sagt Geoffrey Malinga, Dozent an der Universität Gulu, die mit den Universitäten Makerere und Kopenhagen für die bevorstehenden Feldversuche des Nachzuchtprojekts zusammengearbeitet hat. Ruspolia differens darf nicht verschwinden – sie sind für manche Ugander eine wichtige Eiweißquelle, „insbesondere für Kinder, die arm sind und sich Eiweißquellen wie Fleisch nicht leisten können“, sagt Malinga.

Im Jahr 2019 hatten Nyeko und seine Mitarbeiter nach achtjährigen Versuchen den Code für Haltung und Zucht der Buschgrillen geknackt. Käfige aus Drahtgeflecht und Plexiglas, eine Vielzahl von Körnern zum Fressen und feuchter Sand waren der Schlüssel zum Erfolg. Der nächste Schritt: Feldversuche. Aufgrund der Pandemie verzögerten sich die Pläne für ein Pilotprojekt mit Landwirten im Jahr 2020. Jetzt, Anfang 2022, soll es starten. Die Forscher haben 99 Dörfer für die Teilnahme ausgewählt. Das Ziel laut Malinga: „Die Landwirte, die wir ausbilden, sollen dann wiederum andere Landwirte ausbilden.“ Kiggundu Islam steht wieder auf dem Hügel in Harugongo. Die Herbstsaison 2021 hat vor wenigen Tagen begonnen. Bisher hat er drei Säcke voll gefangen – zwei weniger als im Vorjahr um diese Zeit. Er hat Kredite aufgenommen, um im Geschäft zu bleiben. Islam macht sich Sorgen, wie er sie zurückzahlen soll. „Man kämpft jetzt um einen Plan B“, sagt er. „Man muss anderswo auf die Jagd gehen, um Geld zu verdienen. Nicht bei den Heuschrecken.“

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Foto von NAtional Geographic

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