Warum Vögel bei Vollmond höher fliegen

Der Mond steuert durch seine Gravitation Ebbe und Flut – und laut einer neuen schwedischen Studie auch die Flugaktivität von Vögeln.

Veröffentlicht am 24. März 2022, 09:57 MEZ
Schwarzsegler in seinem Nest.

Forschende haben die Flughöhenprofile von Schwarzseglern in Abhängigkeit der aktuellen Mondphase unter die Lupe genommen.

Foto von Spring Fed Images / Unsplash

Schwarzsegler gelten als Mittel- bis Langstreckenzieher. Das bedeutet, die 18 Zentimeter langen Vögel legen auf dem Weg von ihren Brutgebieten in Nord- und Mittelamerika bis in ihre Winterquartiere in Südamerika mehrere Tausend Kilometer zurück. Bis sie im Juni wieder Brüten, verbringen die Tiere ganze acht Monate lang 99 Prozent ihrer Zeit ausschließlich in windigen Höhen. Auch nachts. 

Nun hat eine Arbeitsgruppe der Universität Lund durch Zufall herausgefunden, dass die nächtliche Flughöhe der mittelgroßen Segler stark vom Mond beeinflusst wird. Auch Aufzeichnungen während einer Mondfinsternis lieferten erstaunliche Erkenntnisse, wie das Team rund um Anders Hedenström, Professor für Evolutionäre Ökologie und Projektleiter des Zentrums für Tierbewegungsforschung (CAnMove) in der in Current Biology veröffentlichten Studie, beschreibt.

Vom Mondlicht angezogen

Möglich wurde diese Erkenntnis durch sieben mit Data-Loggern ausgestatteten Schwarzseglern aus einem Brutgebiet im US-Bundesstaat Colorado. Eigentlich sollte durch die Geolokalisierung während ihres Fluges nach Südamerika festgestellt werden, ob die Art ähnliche Flugaktivitäten aufweist wie die verwandten und bereits ausgiebig erforschten Mauersegler. Dank speziell entwickelten Mikrodaten-Loggern konnten zusätzliche Messungen bezüglich Helligkeit, Luftdruck, Temperatur und Beschleunigung getätigt werden. Durch die Auswertung dieser Daten stieß die Arbeitsgruppe unerwarteterweise auf ein bisher gänzlich unbekanntes Flugverhalten.

Galerie: Wie ein Fotograf den Vogelflug sichtbar macht

Je nach Mondperiode unterschieden sich die nächtlichen Flughöhen um bis zu 3000 Meter. Während  der dunkleren Nächte rund um den Neumond bewegten sich die Schwarzsegler für gewöhnlich circa einen Kilometer über der Erdoberfläche. Vollmondperioden dagegen veranlassten die Vögel zu nächtlichen Aufstiegen von durchschnittlich 2000 Metern, maximal sogar bis in Höhen von 4000 Metern. Die Wissenschaftler gingen also davon aus, dass ein direkter, noch unerforschter Zusammenhang bestehen könnte.

Mondfinsternis bestätigt Zusammenhang

Eine im Januar 2019 und im Zeitraum der Messungen stattfindende Mondfinsternis brachte dem Team rund um Hedenström weitere Gewissheit. Während sich die Helligkeit des Mondes verringerte, passten alle besenderten Tiere ihre Flughöhe in einem synchronen Sinkflug an. Kurz nachdem der Mond die Nacht wieder erhellte, kehrten auch die Vögel wieder in höhere Lüfte zurück.

Dieses Szenario bestätigte den unmittelbaren Einfluss des Mondlichts auf die Flugdynamik. Und überraschte die Wissenschaftler dennoch. Ähnliche Beobachtungen von unmittelbaren Änderungen im Verhalten, allerdings während einer Sonnenfinsternis, wurden in der Vergangenheit etwa bei Zooplankton dokumentiert. Bei Vögeln sei laut der Studie eine solche periodische Verhaltensänderung um Zusammenhang mit den Zyklen des Mondes noch gänzlich neu. Auch ist es noch zu ungewiss, ob sich die Segler direkt an dem Licht orientieren oder ob es eine Reihe an Faktoren ist, die sie antreibt.

Die Grafik zeigt die deutlichen Unterschiede der durchschnittlichen Flughöhe der Schwarzsegler im direkten Vergleich von Tag, Vollmond- und Neumondnächten.

Foto von Anders Hedenström et al.

Mögliche Gründe

Die Wissenschaft hat derzeit noch keine eindeutige biologische Erklärung, warum die Schwarzsegler ihr Flugverhalten derart an die äußeren Einflüsse des Mondlichts anpassen. Vorschläge wären laut der Studie die Möglichkeiten einer Neuorientierung, Sozialverhalten oder gar das gezielte Nutzen des gleitenden Abstiegs um zu schlafen. Angst vor Angriffen und eine bessere Sichtbarkeit für nachtaktive Raubvögel wäre ein weiterer denkbarer Grund. Jedoch jagen Raubvögel wie beispielsweise der in den südamerikanischen Tropen heimische Fledermausfalke vorzugsweise in den Morgen- und Abenddämmerungen und oberhalb der Baumkronen. Ein derart großer Sicherheitsabstand, der eine Flucht in windige Höhen von bis zu 4000 Meter voraussetzt, sei laut dem Wissenschaftsteam wohl unwahrscheinlich.

Weniger abwegig ist die Annahme der Nahrungssuche. Um einen Großteil ihres Lebens im Flug zu verbringen, müssen die Schwarzsegler einen hohen Energiebedarf decken. Um ihren Hunger zu stillen, müssen sie sich an die Flughöhen ihrer Beutetiere anpassen. Zumindest ist dies nach Angaben der Forschenden eine plausible Annahme. Bekannt ist, dass viele Luftinsekten während der Vollmondphase den Höhepunkt ihrer Aktivität aufweisen. Es gibt zwar keine genauen Daten für die in der Studie genannten Regionen in Südamerika, allerdings liegen mehrere Beweise dafür vor, dass Insekten zumindest anderweitig in den von den Schwarzseglern erreichten Höhen vorkommen. So wurden in New South Wales, Australien, wandernde Motten mithilfe des Windes in Höhen von rund 3000 Meter befördert. In den USA wurden mit Insektenfallen an Flugzeugen Vorkommnisse in 4500 Metern bestätigt.

All dies stimme also mit dem großen Unterschied der Flughöhen während Vollmond- und Neumondphasen überein. Deshalb sei laut dem Team der Universität Lund auch davon auszugehen, dass „Schwarze Mauersegler wahrscheinlich das Umgebungslicht des Mondes nutzen, um nachts Insekten zu jagen”. Sie verweisen zudem auf neue hochentwickelte Biologging-Technologien hin, mit denen Aeroökologen zukünftig hoffentlich zu neuen Erkenntnissen und der endgültigen Lösung des rätselhaften Verhaltens kommen können.

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