Tiere

Geier: Die Bio-Bestatter

Geier erledigen die Drecksarbeit: Sie räumen nach dem Tod auf. Seit es immer weniger gibt, wird klar, warum wir sie unbedingt erhalten müssen.

Von Elizabeth Royte
Bilder Von Charlie Hamilton James

Zusammenfassung: Geier sind die wohl unbeliebtesten Vögel. Gierig stürzen sie sich auf Aas, versenken ihre Hälse in allen Körperöffnungen und nach wenigen Minuten bleibt nur das Blut übrig, das von ihren spärlich gefiederten Köpfen tropft. Geier haben eine wichtige Aufgabe im Ökosystem Natur. Sie sorgen dafür, dass sich Krankheiten nicht verbreiten und dass die Reste toter Tiere beseitigt werden. Elizabeth Royte erklärt warum wir sie brauchen und besser schützen sollten, denn unsere „Bio-Bestatter“ sind stark gefährdet.

Als die Sonne untergeht, ist das Schicksal des Gnus besiegelt: Dahinsiechend schleppt es sich durch die Serengeti in Tansania. Bei Sonnenaufgang ist es tot, sein Kadaver unter einem Gewimmel von Geiern kaum noch zu sehen. Rund 40 Vögel geben sich Mühe, die zähe Haut aufzureißen, um an das warme Fleisch zu gelangen. Mit vorgestreckten Klauen hauen und stechen, kämpfen und rangeln die Aasfresser – eine schwarzbraune Welle aus wogenden Hälsen, hackenden Schnäbeln und schlagenden Flügeln. Aus der Luft stoßen weitere Konkurrenten dazu, ein steter Strom an Mitessern mit vorgerecktem Kopf, gierig, sich der Masse anzuschließen.

Hätte ein Löwe oder Leopard das Gnu gerissen, müssten die Geier nicht erst mühsam einen Zugang in das Körperinnere schaffen. Jetzt steckt ein Weißrückengeier seinen Kopf mit einer schlängelnden Halsbewegung tief in eine Augenhöhle des Gnus und frisst so viel wie möglich in sich hinein, bevor er von seinem Platz vertrieben wird. Ein zweiter Weißrückengeier arbeitet sich in ein Nasenloch vor, während ein Sperbergeier am anderen Ende zu fressen beginnt; er ist mit seinem Schnabel schon tief in den After des Gnus vorgedrungen, als ein anderer Vogel ihn wegzerrt und selbst seinen Kopf in den Darm versenkt.

Der Kampf um fünf kleine Körperöffnungen eines Kadavers tobt so lange, bis zwei Ohrengeier auftauchen, spektakuläre Tiere, mehr als einen Meter groß, mit einer Flügelspannweite von fast drei Metern. Ihr federloses Gesicht ist rosa, der mächtige Schnabel stark gebogen, der nackte Hals ragt aus einer braunen Halskrause.

Einer der beiden Ohrengeier hackt nun ein Loch in die Schulter des Gnus. Der andere gräbt sich oberhalb des Mauls in die Nasennebenhöhlen, wo er vielleicht die fette Larve einer parasitischen Dasselfliege finden kann. Sehnen und Haut reißen. Jetzt rammt ein Weißrückengeier seinen Kopf in den Rachen des Gnus und zerrt ein 20 Zentimeter langes Stück Luftröhre heraus. Aber ehe er es verschlingen kann, schnappt ihm ein großer Marabustorch, der kaltblütig auf seine Chance gelauert hat, die Luftröhre weg, schwenkt sie herum, bis sie richtig liegt, und verschluckt sie im Ganzen.

Die Ohrengeier haben mit ihrem starken Schnabel das Büfett erst richtig eröffnet, das tote Gnu ist weit aufgerissen. Blut und Schleim spritzen durch die Luft, wenn die Aasfresser ihren Kopf schütteln. Zwei Geier spielen Tauziehen mit einem drei Meter langen Stück Darm.

Je weiter das Gnu schrumpft, desto mehr Vögel ziehen sich aus dem Getümmel zurück. Mit vollgestopftem Kropf legen die Geier ihren Kopf auf die zusammengefalteten Flügel und schließen die Augen. Lärm und Hektik sind vorbei. Friedfertig wie Enten im Park ruhen sie, satt, mit sich und der Welt zufrieden.

Geier sind wohl die meistgeschmähten Vögel der Welt, Inbegriff von Gier und Gefräßigkeit. Im Alten Testament werden sie als unrein eingestuft, den Kindern Israels ein Gräuel. Im Tagebuch, das Charles Darwin 1835 während seiner Forschungsreise nach Galapagos schrieb, nannte er die Vögel „ekelerregend“. Ihre kahlen Köpfe seien „gemacht, sich in Verwesendem zu suhlen“. Eine weitere Anpassung dieser Wesen an ihre schmuddelige ökologische Nische sieht so aus: Wenn Geier bedroht werden, erbrechen sie rasch ihren Mageninhalt, um leichter fortfliegen zu können.

Ekelhaft? Aus menschlicher Sicht vielleicht. Aber Geier haben durchaus ihre sympathischen Seiten. Sie töten in der Regel keine anderen Tiere, sie gehen vermutlich lebenslange Paarbeziehungen ein, die Eltern teilen sich die Fürsorge für die Jungen. Und dass sie gern in großen Gruppen von Verwandten faulenzen und baden, kann einen auch für sie einnehmen. Am wichtigsten aber ist ihre ökologische Aufgabe, eine oft unterschätzte Dienstleistung: die schnelle Beseitigung und Wiederverwertung toter Tiere.

Experten schätzen: Die Geier haben im Laufe der Geschichte während der alljährlichen Tierwanderung in der Serengeti, wenn 1,3 Millionen Gnus hin und her ziehen, mehr Fleisch als alle räuberischen Säugetiere zusammen gefressen. Und sie taten es schnell. Ein Geier kann in einer Minute rund ein Kilo Fleisch verschlingen, ein großer Schwarm lässt von einem Zebra nach einer halben Stunde nur Knochen und Hufe übrig. Ohne Geier würden stinkende Kadaver viel länger herumliegen, Insekten würden sich explosionsartig vermehren, Krankheiten würden sich verbreiten – unter Menschen, Vieh und Wildtieren.

Aber dieses in langen Zeiträumen entstandene ökologische Arrangement ist nicht unveränderlich. In manchen Regionen besteht die Gefahr, dass es zusammenbricht. In Afrika gab es elf Geierarten, eine davon, der Mönchsgeier, ist dort bereits ausgestorben, sieben weitere Arten gelten als stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Einige Arten, etwa der Ohrengeier, leben fast nur noch in Schutzgebieten (die ihrerseits gefährdet sind), vom Schmutz­ und Bartgeier sind einige regionale Bestände nahezu ausgestorben. Geier und andere aasfressende Vögel sind „die am stärksten gefährdete Vogelgruppe mit einer speziellen ökologischen Funktion“, sagt Darcy Ogada, leitende Mitarbeiterin der Afrikaprojekte des Peregrine Fund, einer privaten Organisation zum weltweiten Schutz der Greifvögel.

An einem sonnigen Tag im März vorigen Jahres ist Ogada mit ihrem Kollegen Munir Virani in der Masai­Mara­Region in Kenia unterwegs. Virani will mit den Hirten reden. Während der Lastwagen sich einen Weg durch Schaf­ und Ziegenherden bahnt, erklärt er die Situation: Einige Massai haben Teile ihres Landes, das an den Nordteil des Masai­Mara­Nationalparks grenzt, als zusätzliche Schutzgebiete verpachtet. Nun behaupten manche Massai, diese Schutzgebiete hätten Löwen und andere Raubtiere in die Region gelockt. Sie reduzieren offenbar den Viehbestand, was wiederum den Geiern schadet, die von verendeten Tieren leben.

Virani fragt jeden Massai: „Hast du in letzter Zeit Vieh durch Raubtiere verloren?“ Die Antwort ist immer die gleiche: „Ja, und meine Nachbarn auch.“

Die Löwen kommen in der Regel nachts, wenn die Rinder in den Bomas zusammengepfercht werden, den Gehegen, die von Dornbüschen umgeben sind. Die Löwen brüllen, die verängstigten Rinder laufen los, brechen durch das Tor der Boma und verteilen sich. Wenn das Bellen der Hunde die Besitzer weckt, ist es meist schon zu spät. Der Tod einer einzigen Kuh entspricht dem Verlust von 30.000 Schilling (rund 270 Euro) – ein schwerer Schlag für die Familien, denen die Tiere als Tauschobjekte dienen. Ein Stier kann sogar bis zu 100.000 Schilling (etwa 900 Euro) wert sein.

Also nehmen die Massai Rache: Die Männer holen, was von der Beute des Löwen übrig ist, und besprühen es mit einem billigen, schnell wirkenden Pestizid, das unter dem Ladentisch leicht zu bekommen ist. Wenn der Löwe – meist einschließlich seiner Familie – zum Fressen zu­ rückkommt, geht das ganze Rudel zugrunde. Jedes Jahr sollen in Kenia rund hundert Löwen solchen Maßnahmen zum Opfer fallen. Aber nicht nur sie: Auch die Geier versammeln sich an den Kadavern der Nutztiere. Sie fressen das Rind und auch die vergifteten Löwen. Und verenden ebenfalls, oft zu Hunderten.

Der Wirkstoff in diesem verbreiteten Pestizid ist Carbofuran: Schon ein paar Körner reichen aus, um einen Geier umzubringen, ein eigentlich extrem widerstandsfähiges Tier, dessen Magensäure sogar die Erreger von Tollwut, Cholera und Milzbrand unschädlich macht. Ogada wurde im Jahr 2007 auf das Problem aufmerksam, als erste Berichte von getöteten Löwen kursierten. „Damals hoben sich manche Augenbrauen“, sagt sie: Der Tourismus ist Kenias zweitgrößter Devisenbringer, und die Löwen sind die Hauptattraktion.

2008 trafen sich Wissenschaftler, Naturschützer und Behördenvertreter in Nairobi, um Informationen über die Vergiftungen auszutauschen. „Uns fiel die Kinnlade herunter“, sagt Ogada. „Das Problem war viel größer, als wir, die wir lokal arbeiten, wussten.“ Die Vergiftung durch Pestizide, so eine Schätzung, war afrikaweit bei 61 Prozent aller Todesfälle unter den Geiern die Ursache.

Und die Bedrohung wird dadurch verstärkt, dass Geier ohnehin erst mit fünf bis sieben Jahren geschlechtsreif werden, dann nur alle ein bis zwei Jahre ein Junges haben und von zehn Jungvögeln neun im ersten Lebensjahr sterben. Rechnet man die heutige Entwicklung hoch, könnte die Zahl der Geier in Afrika in den kommenden 50 Jahren um 70 bis 97 Prozent schrumpfen.

Andernorts sieht es noch schlechter aus. In Indien gingen die Bestände der am weitesten verbreiteten Geierarten – der Bengal, Indien­ und Dünnschnabelgeier – in nur zehn Jahren um mehr als 96 Prozent zurück. Seit 2003 weiß man: Was in Afrika das Pestizid Carbofuran bewirkt, ging in Indien auf das Konto des Schmerzmittels Diclofenac. Von 1993 an war es in Indien für die Behandlung von Tieren zugelassen und in der Rinderhaltung weit verbreitet. Der Einsatz setzte eine unerwartete Kettenreaktion in Gang. Bei Geiern führt Diclofenac zu Nierenversagen. Da sich Millionen Geier beim Mahl vergiftet hatten, wuchsen die Berge aus Kuhkadavern. Weil die Hunde nun nicht mehr mit Geiern um das Aas konkurrieren mussten, erhöhte sich ihre Anzahl binnen elf Jahren von sieben Millionen auf 29 Millionen, die Zahl der Menschen, die von Hunden gebissen wurden, stieg in diesem Zeitraum um geschätzte 38,5 Millionen – und die Zahl der Todesfälle durch Tollwut um fast 50.000. Auch Ratten vermehrten sich dramatisch.

Betroffen war auch die Gemeinde der indischen Parsen. Sie legen ihre Toten rituell zur „Himmelsbestattung“ auf erhöhte Steinplattformen – wo Geier die Seelen der Toten befreien, sodass sie gen Himmel auffahren können. Ohne Geier lagen die Körper dort monatelang.

Als klar war, dass Diclofenac die Ursache des Geiersterbens war, wurde der Wirkstoff 2006 in Indien, Pakistan und Nepal in der Tiermedizin verboten. Anders in der Europäischen Union: Hier ist die Verwendung des Medikaments bei Tieren seit 2014 zugelassen. Das bedroht nicht nur die in Spanien lebenden Geier, es könnte europaweit auch den Adlern gefährlich werden, die Aas nicht verschmähen.

In Indien hat sich der Rückgang der Geierbestände verlangsamt, in manchen Regionen steigen die Zahlen wieder. Programme zur Zucht in Gefangenschaft und „Geier­Restaurants“, die unverseuchtes Fleisch von Bauernhöfen oder aus Schlachthöfen an Wildvögel verfüttern, haben dazu beigetragen. Dennoch lebt nur noch ein Bruchteil der früheren Millionenschar.

Wird Afrika dem Vorbild Indiens folgen? Ogada hat keine große Hoffnung. „Der politische Wille, die Verwendung der Pestizide einzuschränken, ist einfach nicht vorhanden“, sagt sie. Während die indischen Geier unabsichtlich vergiftet wurden, fallen die afrikanischen gezielten Angriffen zum Opfer. Im Juli 2012 starben in einem Nationalpark in Simbabwe 191 Exemplare, nachdem sie von einem toten Elefanten gefressen hatten, den Wilderer mit Gift besprüht hatten. Ein Jahr später verendeten in Namibia 500 Geier auf dieselbe Art. Die Wilderer haben es auf Elfenbein und Nashornhörner abgesehen. „Sie vergiften die Geier, weil die über illegal abgeschossenen Tieren kreisen und damit die Wildhüter aufmerksam machen“, sagt Ogada.

Auch kulturelle Gebräuche gefährden die Geier. Vielen toten Vögeln, die man bei gewilderten Kadavern findet, fehlen Köpfe und Füße – sie wurden als muti, ein Mittel der Volksmedizin, verkauft. Muti soll eine Reihe von Leiden heilen oder Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer verleihen. Auch getrocknetes Geierhirn ist beliebt: Wer es, mit Schlamm gemischt und geräuchert, isst, soll in die Zukunft schauen oder Unterstützung aus dem Jenseits herbeiholen können.

Die größte Bedrohung in Afrika sind aber nach wie vor die überall erhältlichen Pestizide für die Landwirtschaft. Zwar hat ein amerikanischer Carbofuran-Hersteller nach einem TV-Beitrag über vergiftete Löwen den Wirkstoff aus Kenia, Uganda und Tansania zurückgekauft und in Südafrika den Vertrieb ausgesetzt. Generika (Nachahmerpräparate) sind aber nach wie vor auf dem Markt. In Kenia kann jeder in einen Laden für Landwirtschaftsbedarf gehen und für wenig Geld hochgiftige Pestizide aus dem Regal kaufen – und damit nicht nur Insekten und Mäuse töten, sondern auch wilde Hunde, Hyänen, Leoparden, Schakale und Geier.

Die Methode ist praktisch: Carbofurane sind billig, zuverlässig, und ihr Einsatz ist wesentlich ungefährlicher als der Versuch, ein Raubtier mit dem Speer zu erlegen. Bisher hat die Regierung noch niemanden wegen der Vergiftung von Geiern strafrechtlich verfolgt.

Am Ende eines langen Tages nach vielen Gesprächen mit den Massai-Hirten, warten Virani und Ogada, dass die Sonne untergeht – aber nicht, weil dann die Hitze nachlässt, sondern weil sie Zeuge werden wollen, wie ein elektrischer Schalter umgelegt wird. Unter einem samtenen Himmel mit glitzernden Sternen starrt Virani auf eine Boma, und als ein Dutzend zwischen den Zaunpfählen aufgehängte Glühbirnen aufleuchten, lächelt er. Für ihn sind die mit einer Solarbatterie betriebenen Birnen ein kleines Wunder – die ungefährlichste und billigste Methode, um Raubtiere von den Rindern fernzuhalten und damit den Racheakt, bei dem die Geier vergiftet werden, zu unterbinden.

„Die Lichter kosten 25.000 bis 35000 Schilling pro Boma“, sagt Virani, etwa 220 bis 320 Euro. Die Hälfte bezahlt der Peregrine Fund. „Wenn man damit auch nur ein einziges Rind vor den Löwen bewahrt, haben sie sich schon bezahlt gemacht.“ In den ersten sechs Monaten, in denen das Verfahren eingesetzt wurde, gingen die Angriffe auf Bomas mit Beleuchtung um 90 Prozent zurück. Die Lichterketten können mittlerweile gar nicht so schnell installiert werden, wie danach verlangt wird.

Rund 250 Kilometer südlich der Masai Mara geht in der Serengeti die Sonne über drei ausgewachsenen Hyänen auf, die schultertief in den Eingeweiden eines toten Gnus stehen. Sie sind umringt von einem gefiederten Publikum, das hin und wieder ein Stück vorrückt, aber gleich wieder zurückweicht, wenn die Hyänen ihre Zähne fletschen. Die Geier verstehen: Sie müssen warten.

Vier- und Zweibeiner respektieren einander. Die Hyänen verlassen sich darauf, dass die Geier tote Tiere entdecken; die Geier wissen, dass die Hyänen die Kadaver schnell für sie aufreißen. Als die Hyänen satt sind und sich zurückziehen, stürzen sich die Geier auf die Überreste. Zwei Dutzend schmatzen, stochern und zerren. Ein Ohrengeier stößt herab und verpasst zwei Artgenossen, die am Rand stehen, Kopfstöße. Dann steigt er siegreich auf das Gnu. „Das sind die unterhaltsamsten Tiere“, sagt Simon Thomsett, Geierexperte am kenianischen Nationalmuseum, als er durch das Fernglas blickt. „Einem Löwen würde man nicht so lange zusehen.“

Thomsett und Ogada arbeiten oft zusammen. Beide beschäftigen sich mit der Frage, was geschehen könnte, wenn die Geier aus der Savanne verschwinden. In Freilandexperimenten mit Ziegenkadavern hat Ogada herausgefunden, dass die Verwesung der toten Tiere dreimal so lange dauert, wenn keine Geier vorhanden sind. Die Zahl der Säugetiere, die an den Ziegen fressen, verdreifacht sich ebenfalls, und sie bleiben auch nahezu dreimal so lange am Aas.

Je länger aber Schakale, Leoparden, Löwen, Hyänen, Ginsterkatzen, Mangusten (Mungos) und wilde Hunde an einem Kadaver miteinander in Kontakt kommen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie Krankheitserreger aufnehmen und an andere Wild­ und Haustiere weitergeben. Einer dieser Erreger ist ein oftmals tödliches Herpesvirus.

In der ätzenden Magensäure von Geiern sterben die meisten Erreger ab. Und indem die Geier dafür sorgen, dass von einem Kadaver nach wenigen Stunden nur noch Knochen übrig sind, dezimieren sie auch die Anzahl der Insekten, die mutmaßlich zum Beispiel Augenkrankheiten auf Mensch und Vieh übertragen. „Für die Menschen hier sind die Geier wichtiger als die ‚großen Fünf ‘, deretwegen die Touristen kommen“, sagt Thomsett, wichtiger als Löwen und Leoparden, Elefanten, Nashörner und Büffel. Der Verlust der Geier würde wohl eine ökologische und ökonomische Katastrophe auslösen.

Die Vergiftung ist zwar die unmittelbare Erklärung für diese Katastrophe. Die eigentliche Ursache aber ist, dass es zu viele Menschen gibt. Kenias Bevölkerung wird Prognosen zufolge von heute 44 Millionen bis 2050 auf 81 Millionen zunehmen. Und die Massai sind eine der am schnellsten wachsenden Gruppen.

Die Bauern setzen nicht nur Gift ein, erklärt Thomsett, sie bauen auch immer häufiger rund um die Schutzgebiete Mais und Weizen an. Weniger Graslandschaften bedeuten weniger Huftiere, von denen sich die Geier ernähren könnten. Um die Nistplätze der gefährdeten Sperbergeier wurde sogar in einem Umkreis von nur 300 Metern nach heißen Quellen für die Energieerzeugung gebohrt. Andere Geier sterben durch Hochspannungsleitungen.

Die kenianische Naturschutzbehörde hat bis heute keinen Plan zum Schutz der Geier entwickelt. Zwar wurde im Dezember 2013 in Kenia ein Gesetz verabschiedet, das jedem eine Strafe von bis zu 20 Millionen Schilling (180.000 Euro) oder lebenslange Haft androht, der mit der Tötung einer bedrohten Art in Verbindung gebracht wird. Außerdem plant die kenianische

Naturschutzbehörde angeblich eine Kampagne, die das Image der Geier in der Bevölkerung verbessern soll. Aber ohne eine Durchsetzung des Vergiftungsverbots werden solche Aktionen wenig bewirken.

Die Geier wühlen weiter im Aas. In einem Notizbuch skizziert Thomsett ihre Köpfe und Füße, bis die Vögel sich satt gefressen haben und das Gnu nur noch ein zerknüllter Lederfetzen mit Hufen ist. In den folgenden Tagen werden Insekten, Pilze und Mikroorganismen die letzten Stücke Haut und Sehnen zersetzen. Die größeren Knochen werden einige Jahre liegen, aber ihre Mineralien gehen wieder in den natürlichen Kreislauf ein – in den Boden, die Pflanzen und in jeden prächtigen Geier, der an diesem Festmahl teilgenommen hat.

Aus dem Englischen von Dr. Sebastian Vogel

 

(NG, Heft 01 / 2016, Seite(n) 98 bis 121)

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