Tiere

Madagaskar - Völlig ungestört

Zwei Inselgruppen nahe Madagaskar liegen unzugänglich inmitten gefährlicher Strömungen – ein Glück für viele bedrohte Tierarten.

Von Kennedy Warne
Bilder Von Thomas P. Peschak
Madagaskar - Völlig ungestört

TANZENDE FELSBLÖCKE – so ließe sich das Liebesspiel der Grünen Meeresschildkröte umschreiben. Zwei Kolosse, massig wie Sumo-Ringer, die sich an ihren Panzern festklammern und dabei träge durch das kristallklare Wasser eines Korallenriffs paddeln. Ein Riff wie jenes rund um die Île Europa vor der Südwestküste von Madagaskar. Hier kommen in der ersten Jahreshälfte durchschnittlich etwa 10.000 Grüne Meeresschildkröten zusammen, um sich zu paaren und danach an Land ihre Eier abzulegen.

Die Grünen Meeresschildkröten, in Deutschland auch Suppenschildkröten genannt, verfolgen eine Fortpflanzungsstrategie, die man als „opportunistische Polygynie“ bezeichnet. Anstatt Energie mit der Verteidigung oder Eroberung eines Territoriums zu vergeuden, konzentrieren sich die Männchen auf die Suche nach einem ungebundenen Weibchen – oder sie mischen sich einfach in einen anderen Paarungsakt ein. Die Männchen haben große Krallen an ihren paddelförmigen Extremitäten. Mit ihnen halten sie sich am Panzer des Weibchens fest. Wenn sie einen Rivalen von der „Pole-Position“ verdrängen wollen, kämpfen und beißen sie und verletzen dabei zuweilen auch die Umworbene.

Im Hormonrausch klammern sich Männchen manchmal auch an den Panzer eines gerade aktiven Nebenbuhlers. Der Meeresbiologe Wallace J. Nichols hat schon „Schildkrötenstapel“ von bis zu vier Männchen gesehen, die sich am jeweils oberen Artgenossen im Stapel festhalten. «Bei Regenwürmern im Garten ist so ein Verhalten kurios», sagt er. «Bei 180 Kilo schweren Meeresschildkröten sieht das aus wie eine Zirkusnummer.»

Rund um die Île Europa bekommen Menschen diese Unterwasserartisten selten zu Gesicht. Die Insel und die sie umgebenden Gewässer stehen unter Schutz. Europa und die Nachbarinsel Bassas da India gehören zu den Îles Éparses, den „Verstreuten Inseln“ im Indischen Ozean. Die fünf Eilande rund um Madagaskar sind Überbleibsel des einst mächtigen französischen Kolonialreichs und gehören zu den Französischen Süd- und Antarktisgebieten (TAAF). Die größtenteils unbewohnten Inseln sind für Frankreich von stra­tegischer Bedeutung. Zwar beträgt die Landfläche gerade einmal 44 Qua­dratkilometer (zum Vergleich: Sylt ist etwa doppelt so groß), doch die ge­meinsame „Ausschließliche Wirtschaftszone“ ist 15.000­mal größer – eine Ozeanfläche fast doppelt so groß wie Deutschland. Französisches Militär und Gendarmerie sind auf mehreren Inseln stationiert, um illegale Fischer und Wilderer fernzuhalten, in den Gewässern patrouilliert die Marine.

Video des Fotografen: A Tale of Two Atolls

https://player.vimeo.com/video/89482875

A Tale of Two Atolls from Save Our Seas Foundation on Vimeo.

Die Île Europa und Bassas da India liegen in der Straße von Mosambik, nur 110 Kilometer voneinander entfernt, doch sie sind sehr verschieden. Die Île Europa ist eine mit Buschwerk bewachsene Insel, ein sogenanntes gehobenes Atoll, bei dem die zentrale Lagune verlandet ist. Hier laichen Schildkröten und brüten eine Million Seevögelpaare. Bassas dagegen ist ein Atoll, das kaum aus dem Meer herausragt, mit einer Lagune so groß wie Manhattan, in der es von Haien wimmelt. Beide Inseln zählen zu den letzten gesunden Ökosystemen im westlichen Indischen Ozean. «Oberflächlich betrachtet sind diese Inseln nur unbedeutende Punkte», sagt der Meeres­ biologe Thomas Peschak, der die Fotos zu diesem Artikel aufgenommen hat. «Aber wer in diesem Refugium einmal tauchen war, hat für den Rest seines Lebens sein Herz verloren.»

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Die beiden Inseln liegen in einem Ozeangebiet, dessen gefährliche Strö­mungen und Wirbel bei Seeleuten seit Jahrhunderten berüchtigt sind. Heute untersuchen Meeresforscher die Unterwasserwelt, ohne auch nur einen Zeh ins Wasser zu stecken. Sie nutzen Seevögel als Ortungshilfen für Thunfische oder Haie, denn die Vögel sind dort, wo die Räuber Fischschwärme an die Oberfläche – und damit vor ihren Schnabel – treiben.

Tölpel und Seeschwalben folgen den Fischen in Formationen knapp über der Wasseroberfläche. Andere Arten schließen sich an, steigen auf, um das Panorama zu überblicken. Fregattvögel sind die außergewöhnlichsten Luft­ akrobaten unter den Höhenfliegern. Sie schrauben sich über thermische Aufwinde in Höhen bis über einen Kilometer empor, dort senken sie ihre pechschwarzen, kantigen Flügel und stürzen in die Tiefe, um fliegende Fische aus der Luft zu schnappen oder andere Vögel zu zwingen, ihre Beute wieder auszuwürgen.

Auf Bassas da India gibt es keine Bäume, in denen Seevögel nisten, und keine Strände, auf denen Schildkröten ihre Eier ablegen könnten. Bassas ist ein junges Atoll. Es hat sich auf einem Tiefseevulkan gebildet, der aus dem Meeresboden, drei Kilometer unter der Wasseroberfläche, aufragt. Aus der Luft betrachtet, sieht Bassas aus wie ein blauer Teller, aus dessen nordöst­lichem Rand ein Stück herausgebissen wurde. Während es auf der Île Europa Mangroven und eine seichte Lagune gibt, die bei Ebbe fast austrocknet, wächst auf Bassas kein Pflänzchen. Die Lagune dort ist bis zu 14 Meter tief – ein gigantisches Tropenaquarium, das einen einzigartigen Einblick in das Leben junger Galapagoshaie bietet. Diese Fische, die die Weltnaturschutz­ union auf ihrer Vorwarnliste gefährdeter Arten führt, kommen häufig im Umkreis tropischer Inseln vor, in dieser Dichte allerdings selten.

Wenn sich das Wasser bei Ebbe zurückzieht, kommen die Reste der Schiffe zum Vorschein, die im Laufe der Jahrhunderte am Riff zerschellt sind. Im Jahr 1585 brach die „Santiago“, ein portugiesischer 900­-Tonner, in zwei Teile, als sie in der Dunkelheit auf das Riff lief. Als in der Morgen­ dämmerung das Ausmaß der Katastrophe sichtbar wurde, muss das Ent­setzen groß gewesen sein: ein auseinanderbrechendes Schiff, ein furcht­ erregendes Riff, die Rettungsboote weggespült oder zerstört. Mehr als 400 Menschen starben, und ein Schatz von Edelmetallen versank in der Tiefe. Vor 40 Jahren bargen Taucher einen Teil der Kostbarkeiten: Silber­münzen, Kanonen aus Bronze, Edelsteine, ein Astrolabium. Das alles mag in den Augen von Schatzsuchern wertvoll erscheinen, doch es ist nutzloses Zeug im Vergleich zum eigentlichen Reichtum von Bassas da India und der Île Europa – der blühenden biologischen Vielfalt dieser winzigen Inseln.

(NG, Heft 9 / 2014, Seite(n) 94 bis 107)

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