Umwelt

Energie, made in Berlin

Umwelt Donnerstag, 9 November

Von Lisa Srikiow
Bilder Von Anerdgy AG

Kann man Strom auch in Großstädten erzeugen, wo der Raum für große Solar- und Windenergieanlagen fehlt? Das Start-up Anerdgy hat das „Windrail“-System entwickelt, das an der Dachkante hängt und selbst an Mietshäusern oder Einkaufszentren funktioniert.

Wer sehen will, wie Energie dort entsteht, wo sie verbraucht wird, muss in Berlin-Spandau über eine schmale Holzleiter auf das luftige Dach eines zwölfgeschossigen Wohnhauses am Blasewitzer Ring klettern. Von oben blickt man über die große Stadt: der Kleingartenverein Hasenheide und 40 Jahre alte Wohnblöcke, Supermärkte und Straßenkreuzungen, alles brummt und summt.

Auf dem Dach steht die erste „Windrail“- Anlage der Welt. Der Wind saust durch die dreieckigen Module und treibt eine Turbine an. Die Außenhülle ist mit Solarzellen bestückt. Das eigentlich Innovative der Technik: Die Anlage hängt schräg über der Dachkante. „Oft fehlt bei größeren Gebäuden der Platz für erneuerbare Energien“, sagt Sven Koehler. Der 39-Jährige ist Ökonom und Ingenieur und hat mit seinem Start-up Anerdgy den Prototyp entwickelt. „Weil auf dem Dach oft die Gebäudetechnik steht, kann man keine Fotovoltaikanlage installieren.“ So kam Koehler auf die Idee, die kleinen Kraftwerke am Rand des Daches anzubringen. Dort kann man neben Sonnen- auch Windenergie nutzen.

Jedes einzelne Modul soll Energie für tausend Waschdurchgänge liefern.

Die Anlage in Berlin-Spandau ist ein Pilotprojekt und läuft seit Oktober 2016. Nutzt „Windrail“ den Wind optimal, soll jedes Modul pro Jahr mindestens tausend Kilowattstunden Strom produzieren – damit könnte man tausendmal die Waschmaschine starten. In Spandau werden mit der gewonnenen Energie Aufzüge, Beleuchtung und Lüftung betrieben.

Die Städte der Welt verbrauchen laut UN 75 Prozent der produzierten Energie und stoßen 60 Prozent der CO2-Emissionen aus. Kein Wunder, dass Designer und Ingenieure schon lange über urbane Windturbinen nachdenken. Wäre es nicht schön, die Energie dort zu produzieren, wo sie gebraucht wird? Ohne Abgase? Aber die Miniwindräder stehen vor großen Herausforderungen: In der Stadt herrschen geringere Windgeschwindigkeiten als auf dem Land, zudem sind die Luftströmungen schwierig zu prognostizieren.

Auch Sven Koehler und das Anerdgy-Team müssen noch lernen, genauere Vorhersagen über das Verhalten des Windes zu treffen. „Nicht nur die Stadt an sich beeinflusst die Windströmung. Die Geometrie jedes Gebäudes ist anders, das wirkt sich auf den Wind aus“, sagt der Schweizer. Eine „Windrail“-Anlage funktioniert erst ab einer Gebäudehöhe von acht Metern effizient: Denn je höher das Gebäude ist, desto mehr Fahrt nimmt der Wind auf, wenn er von unten nach oben strömt. Außerdem nutzt die Anlage den Unterdruck, der hinter der Dachkante entsteht. Dadurch wird der Wind von der Turbine quasi angesaugt und nimmt an Geschwindigkeit zu.

Beim Umweltpreis „Green Tec Award“ wurde die „Windrail“-Anlage bereits ausgezeichnet. Koehler plant die Serienfertigung und bekommt Anfragen aus aller Welt – von Hawaii bis Russland. Es ist eine interessante Frage, was möglich wäre, wenn man jedes Gebäude eine Großstadt mit derartigen Anlagen ausstatten würde. Aber Sven Koehler ist Ingenieur, kein Träumer. Erst einmal will er das Berliner Projekt erfolgreich abschließen, die Zahlen müssen stimmen. Und dann kommt der nächste, große Schritt. 

Dieser Text erscheint in der Ausgabe 4/2017 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen. 

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